Der grüne Kapitalismus

Die Buchmacher Ethisch korrekter Konsum? Warum wir uns von der Illusion eines grünen Kapitalismus verabschieden müssen
Nora Marie Zaremba | Ausgabe 44/2015 8
Der grüne Kapitalismus
Vermeintlich nachhaltige Palmölplantagen in Indonesien
Foto: Romeo Gacad/AFP/Getty Images

Ethisch korrekt zu handeln, das kann heute so einfach sein: Für den bewussten Konsumenten gibt es im Tiefkühlregal sogar zertifizierte Bio-Garnelen. Wer in den Flieger steigt, kann seine Emissionen einfach in einem Aufforstungsprogramm am anderen Ende der Welt absetzen lassen. Und dank der Solaranlage auf dem Dach können Fernseher und Computer den ganzen Tag über laufen. Technische Lösungen optimieren den Verbrauch, der grüne Kapitalismus macht eine bessere Welt ohne Verzicht möglich.

Nicht nur, wer wirklich noch an dieses Versprechen glaubt, sollte Kathrin Hartmanns neues Buch Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren lesen. Die Journalistin, vielgelobt für ihre bisherigen Werke Ende der Märchenstunde und Wir müssen leider draußen bleiben, zeigt darin mit Nachdruck: Alle Versuche, den westlichen Lebensstil mit grünen Alternativen aufrechterhalten zu wollen, scheitern krachend. Hartmann ist zu angeblich nachhaltigen Palmölplantagen in Indonesien gereist, hat sich die Herstellung von Bio-Garnelen in Bangladesch angesehen und die Philanthropie der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung unter die Lupe genommen. Jedes Beispiel ist akribisch recherchiert, jedes entzaubert den Mythos von Wettbewerb und Profitstreben mit grünem Anstrich ein Stück weit mehr.

Beispiel Palmöl: Hartmann sieht sich in Begleitung von Kleinbauern, die gegen ihre Vertreibung aus dem Regenwald kämpfen, mit riesigen abgeholzten Flächen konfrontiert. Die Bäume mussten weichen, damit sich in deutschen Supermarktregalen Fertigprodukte stapeln und an Tankstellen Zapfsäulen mit Biodiesel parat stehen können. Fast alle Fertigprodukte und Biodiesel basieren auf Palmöl – einem Produkt von Vertreibung und Zerstörung, auch aus zertifizierten Plantagen.

Wälder werden auf Torfböden abgeholzt, die eigentlich Kohlenstoff speichern. Durch den Anbau der Palmölpflanze aber entweichen gewaltige Mengen des klimaschädlichen Gases. Erst die Klimaschutzmaßnahmen des Westens machen Indonesien zum drittgrößten Emittenten der Welt.

Wen all das nicht mehr überraschen kann, wird dieses Buch dennoch mit Gewinn lesen. Kleinbauern, Fischer und lokale Nichtregierungsorganisationen kommen ausgiebig zu Wort und damit die Entschlossenheit zum Ausdruck, mit der sie für ihre Rechte kämpfen.

An der globalen Misere haben nicht nur multinationale Konzerne Schuld. Regierungen aus nördlicher wie südlicher Hemisphäre tragen ebenso Verantwortung wie die UN mit ihren „Green-Growth“-Programmen. Diese enden in zerstörten Regenwaldflächen und Bio-Aquakulturen, die für versalzene Matschböden sorgen.

Bio- und Nachhaltigkeitssiegel auf Produkten für die vermeintlich konsumbewusste Mittelschicht der Industrieländer sind kein Ausweg. Diese Ansage macht Hartmann mit ihrem neuen Buch nicht zum ersten Mal, doch sie verleiht ihr ein noch sehr viel tragfähigeres argumentatives Fundament als in Ende der Märchenstunde. Zugleich verdeutlicht die Autorin, dass Resignation eine fatale Alternative ist. Es geht um nichts anderes als: Kampf. Da lässt sie keinen Zweifel. Wir haben dieses System verschuldet, es ist unsere Aufgabe, nun zu handeln.

An Vorbildern mangelt es nicht – es sind all die Menschen, die Hartmann bei ihren Recherchen getroffen hat. Entmutigung und Aufgabe stehen für die nicht zur Debatte.

Info

Aus kontrolliertem Raubbau Kathrin Hartmann Blessing Verlag 2015, 448 Seiten, 18,99 €

06:00 11.11.2015

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