Der grünste Tag in meinem Leben

Alltag Ökologie ist wieder ein großes Thema, und im Kleinen fängt das Energiesparen an. Versuch einer ganz persönlichen Energiebilanz

Wäscheaufhängen im Garten ist eine meiner ersten Taten, gleich nach dem Zähneputzen und Teewasserkochen. Denn: die Sonne scheint. Ich habe bereits am Vorabend eine volle Trommel mit heller Buntwäsche in meiner Waschmaschine mit dem Doppel-A - eins für Wasserverbrauch, eins für Energieeffizienz - gewaschen. Alles nur, damit ich jetzt als erstes wahrheitsgemäß diesen Satz schreiben kann: Ich habe Wäsche aufgehängt - im Garten.

Heute ist der Tag, an dem ich darüber nachdenken und schreiben will, was ich tue: Lebe ich ökologisch und klimaschonend? Deshalb kommt es auf den Garten an. Wäsche klimaneutral trocknen, das geht nur draußen wirklich gut.

Automatische Trockner in Küche oder Keller brauchen viel Strom, eine langweilige Feststellung, aber die Wahrheit. Wo die durchschnittliche Waschmaschine zwei Kilowattstunden verschleudert, benötigt der Trockner anschließend noch einmal das Doppelte: "4,4 Kilowattstunden ist der Wert für ein schlechtes Gerät, das aber am meisten verbreitet ist", weiß Mona Finder von der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Ich habe gar keinen Trockner, da fühle ich mich gleich besser. Nur kann man Wäsche im Garten, wofür ich mich gerade selber lobe, allein bei sonnigem Wetter trocknen lassen.

Für Menschen ohne Trockenboden und Wäschekeller bleibt das klapprige Wäscheständergestell mitten im Zimmer, auf dem die Jeans Tage brauchen, bis sie trocken sind. Und diese Trocknung ist keinesfalls kostenlos. Draußen wird die Feuchtigkeit vom Winde verweht. Drinnen schlägt sie sich auf Tapeten und Fenstern, hinter Schränken und in schlecht belüfteten Ecken nieder, und es bedarf eines Aufwands an Heizenergie, sie da wieder weg zu bekommen. Wie viel Energie dabei genau verbraucht wird, lässt sich nicht genau berechnen: "Egal, wie hoch die Schleuderleistung der Waschmaschine ist, der Feuchtigkeitsgehalt der Wäsche hängt immer auch davon ab, um welche Materialien es sich handelt", erklärt Mona Finder.

Jedenfalls gilt: Heizenergie ist der größte Posten im privaten Energieverbrauch. Und wer nicht ordentlich heizt und lüftet, bei dem schimmelt´s, und folglich muss, wer Wäsche indoor trocknet, mehr heizen und mehr lüften. Weiß ich. Unser Wohnungsverwalter hat mir und meinen Nachbarn im vergangenen Jahr eine Anleitung geschickt, wie sich das so verhält mit dem Schimmel. Vier Seiten lang ohne Grammatik und Rechtschreibung, dafür mit hoch erhobenem Zeigefinger.

Weil mich das Wäscheaufhängen zu lange aufgehalten hat, ist das Teewasser kalt geworden. Wasserkochen ist das Leck an der Außenwand des Schiffs, das meine persönliche Energiebilanz ist. Die Dena gibt an, dass ein Wasserkocher die sparsamste Methode des Wasserkochens bietet: Etwa 0,12 Kilowattstunden braucht ein Liter, um aus der Leitung auf 100 Grad Celsius zu kommen. Nun bin ich aber nicht in der Lage, exakt einen Liter abzuschätzen. Damit die Kanne voll wird, koche ich tendenziell zu viel. Der Rest bleibt im Gerät und wird in der nächsten Runde wieder mitgekocht und wieder mitgekocht und wieder mitgekocht. Wenn es etwa eine Tasse voll zu viel ist, kommt bei drei Kannen Tee am Tag fast ein halber Liter Wasser zusammen, den ich sinnlos mitkoche. Aufs Jahr gerechnet 182,5 Liter Wasser, mehr als eine Badewanne voll, 22 Kilowattstunden verplempert. Immerhin fast 2 Prozent des Jahresenergieverbrauchs eines durchschnittlichen Ein-Personen-Haushalts (1200 Kilowattstunden - ohne Wasser, Heizungspumpe und Elektroherd).

Solche Dummheiten über ihren Stromverbrauch möchten Menschen erfahren, die Heinz Knobloch anrufen. Der Energieberater von Enercity, den Stadtwerken Hannover, hat einen realistischen Blick darauf, warum Menschen sich an das Kundencenter wenden: "Die meisten rufen an, weil sie gerade ihre Turnusabrechnung erhalten haben, mehr bezahlen müssen und wissen wollen, woran das liegen kann." Es geht also ans Geld und deshalb auf die Suche nach den Übeltätern unter den Geräten oder den schlechten Angewohnheiten ihrer Besitzer. Die neigen nämlich zur Vergesslichkeit: "Im alltäglichen Ablauf achtet man nicht darauf: Welche Geräte benutze ich, wie lange benutze ich sie." Knobloch rät den Kunden, Auflistungen anzulegen, den Zählerstand eine Weile täglich zu notieren und sich so das eigene Nutzungsverhalten zu verdeutlichen. Der Klassiker sind dabei die Standby-Verbräuche einiger Geräte: Bis zu 10 Watt schnurren da ständig durch einen Fernseher, der 20 Stunden am Tag nur herumsteht. Dann gibt es Geräte mit einem versteckten Standby, das können noch mal zwei bis drei Watt bei einer Waschmaschine sein.

Moment! Meine Maschine mit dem zweifachen A saugt mir heimlich Strom ab, wenn ich nicht den Stecker ziehe? Bei Candy Hoover, der Firma, die sie hergestellt hat, erfahre ich, dass es sich bei diesem Effekt um eine so genannte Scheinleistung handelt, die ein Eingangsentstörfilter verursacht. Den gibt es, damit die Maschine nicht stört, nicht mich, sondern meine anderen Elektrogeräte, und das nicht beim Herumstehen, sondern beim Einschalten. Rolf Bahr, Techniker bei Candy Hoover, gibt mir einen telefonischen Crashkurs in Physik. Häufig scheitert die Energieerfassung schon am Messgerät: "Messen ist auch so eine Sache." Bei Energiemessgeräten gäbe es solche und solche und ohne Angabe des Phasenwinkels sei das alles nichts. Heutige Stromzähler könnten die Scheinleistung des Filters ebenfalls nicht erfassen, "da dreht sich die Scheibe gar nicht", sagt Bahr und rechnet aus, dass ein solcher Filter bei einer Wirkleistung von 0,07 Watt im Jahr allenfalls für 10 Cent Strom verbrauchen kann. Der Stecker bleibt drin, ich komme nämlich nicht an ihn heran, ohne jedes Mal die Küche umzuräumen. Immerhin erhalte ich von Rolf Bahr ein Lob für konsequentes Ausschalten der Maschine. Wer nämlich die kleinen, roten Lämpchen ständig leuchten lässt, verbraucht bis zu fünf Watt, und das läppert sich im Jahr dann schon auf ein paar Euro auf der Stromrechnung.


Zeit für eine Zwischenmahlzeit. Ein Naturkostgroßhändler in Göttingen vertreibt klimaneutrale Bananen. Hermann Heldberg hat durchrechnen lassen, was Bananen in Produktion und Handel an CO2 auswerfen. "Über 5.000 Tonnen pro Jahr", erklärte er unlängst im Deutschlandfunk, "allein für den Import der Bananen aus der Dominikanischen Republik." Das kann man umrechnen - zum einen auf das einzelne Kilo Bananen, zum anderen in einen bestimmten Geldbetrag. Schließlich sind CO2-Emissionen in anderen Branchen ein handelbares Gut und haben einen Wert zwischen fünf und zehn Euro pro Tonne. Deshalb schlägt Heldberg nun pro Kilo Bananen ein halben bis einen Cent auf, der in Aufforstung und andere klimaausgleichende Maßnahmen in den Herstellerländern investiert wird.

Mir gefällt die Idee, nur esse ich nicht besonders gerne Bananen. Ich mag Äpfel. Nicht den Einheitsapfel aus dem Supermarkt, sondern heimischen Anbau, alte Sorten, eigene Ernte. Damit ließe sich jetzt herumprahlen, weil es ja so ökologisch toll und ernährungsphysiologisch lobenswert ist, Obst der Saison aus lokalen Anbaugebiete zu bevorzugen. Nur hat die Sache einen Haken: Die Bäume mit den Super-Äpfeln stehen nicht in dem Garten, in dem gerade meine Wäsche trocknet. Der Garten mit der Wäsche ist eine ökologisch bettelarme Grünfläche hinter einem Mietshaus in Hannover. Meine Lieblingsäpfel wachsen dagegen auf einer vom Urgroßvater angelegten Streuobstwiese in der Nähe von Bremen. Um genau zu sein: es liegen 100 Kilometer zwischen mir und den Äpfeln. Und die muss ich mit dem Auto fahren, weil die Äpfel ja transportiert werden wollen und weil die sonstige Überproduktion aus dem mütterlichen Gemüsegarten und der alten Obstwiese einer gewissen Stauraumkapazität beim kundigen Abnehmer bedarf. Wäre ja schade drum.

Um nun dem Beispiel der Göttinger Klimabanane zu folgen, rufe ich bei Toyota an und schildere mein Problem: 12 Jahre altes Auto, Spritverbrauch circa 8 Liter auf 100 Kilometer, wie viel CO2 mag da herauskommen? "Das kann man mathematisch aus dem Spritverbrauch ermitteln", erklärt mir Karsten Rehmann aus der Presseabteilung und rechnet für mich nach. Bei 8 Litern Super-Benzin auf 100 Kilometern pustet mein Auto 192 Gramm CO2 in die Luft. Hätte der Wagen einen Dieselmotor, dann wären es 11 Prozent mehr. Was besser ist? "Ein Benzinmotor, der wenig verbraucht, ist klimamäßig günstiger", sagt Rehmann, doch eigentlich könnte er noch wenn und aber sagen, weil ökologisch streng betrachtet noch weitere Faktoren berücksichtigt werden müssten - andere Abgaswerte zum Beispiel, die Herstellung und die Nutzungsdauer des Wagens und so weiter.

Aber um nun endlich in den Apfel beißen zu können: bis ich die Äpfel mitnehme, haben sie praktisch keinen Schaden am Klima angerichtet, ganz im Gegenteil, der Baum hat CO2 verbraucht, um den Apfel überhaupt reifen zu lassen. Ich puste auf Hin- und Rückfahrt insgesamt 384 Gramm CO2 in die Luft und esse anschließend fünf Kilo Äpfel. Äpfel gibt es - gut und energiesparend gelagert in einem alten Stall - von Oktober bis April. Sechs Monate im Jahr, zweimal pro Monat Äpfelholen, ergibt pro Jahr 4608 Gramm CO2. Und der Ausstoß wird nicht weniger, wenn ich zusätzlich jedes Mal zehn Eier von überaus glücklichen Hühnern mitnehme.


Für Flugreisende gibt es Möglichkeiten, Buße zu tun, ihre Flugreise in CO2 umrechnen zu lassen und den ermittelten Gegenwert in Geld für klimafreundliche Projekte zu spenden. Da sich bisher kein Ablasshandel für sündiges Apfelessen etabliert hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als bald möglichst aufzuforsten und einige CO2-hungrige Apfelbäumchen zu pflanzen. Immerhin fahre ich innerhalb Hannovers ausschließlich Fahrrad, bei 2500 Kilometern Nicht-Auto-Nutzung macht das im Jahr eine Kraftstoffersparnis von 200 Litern oder 4,8 Kilogramm CO2.

Zurück aus der Apfelpause ist der Schreibtisch dran. Ausschaltbare Steckerleisten wegen des Standby-Verbrauchs der Peripheriegeräte Drucker, Router Co. habe ich. Ich habe auch gelernt, das Handyladegerät aus der Dose zu ziehen, weil es Strom verbraucht, selbst wenn es da nur so herumhängt. Das Handyladegerät ist gieriger als der Eingangsentstörfilter der Waschmaschine. Nur tausche ich wie fast alle anderen Verbraucher alte Stromfresser erst aus, wenn sie kaputt gehen. 110 Watt braucht der alte Monitor in der Stunde, der neue nur noch 37. Aber die guten, umweltfreundlichen, neuen Geräte wollen erst mal produziert und alles, was man wegwirft, muss entsorgt, recycled, deponiert werden.

Eine Frage kann ich heute nicht mehr klären. Wie viel Strom eines meiner wichtigsten Arbeitsgeräte benötigt: das Telefon. Dies, so die Pressestelle des Unternehmens, bei dem ich Kunde bin, könne man nicht spontan beantworten. Stunden später erfahre ich, es sei nicht so leicht herauszufinden, man wisse nicht, ob man es überhaupt wisse, es könne ein paar Tage dauern.

Gut, dann hole ich jetzt die Wäsche rein.


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00:00 06.04.2007

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