Der gute Ceausescu

Verschlagen Alexander Stilles lesenswerte Analyse über den "Citizen Berlusconi"

"Berlusconi sagt ganz einfach, dass es ihm ums Geld geht. Na, und wem geht es denn, bitte schön, nicht ums Geld. Auch den Linken, aber die sagen das nicht offen. Und wer in Italien hat in Sachen Geldgeschäfte schon eine saubere Weste?"

Das sprach Enrica, Frau des Bürgermeisters und Besitzerin eines Gemischtwarenladens in dem norditalienischen Dorf Civezza, vor den Parlamentswahlen im Mai 2001. Eine Stimme aus dem Volk gab die Antwort auf eine große Frage. Denn Enrica stand in den siebziger Jahren links von der kommunistischen Partei und hatte Ideale. In den neunzigern lockte das Baugeschäft und sie und ihr ehemals kommunistischer Mann bekamen Geschmack an Berlusconis Konsumpropaganda und am Abschied vom Politischen.

Der in Rom lebende New-Yorker Journalist Alexander Stille geht in seinem Buch Citizen Berlusconi den gesellschaftlichen Veränderungen nach, die den Einstellungswandel auch der Frau des Bürgermeisters bewirkt haben. Nach Zeiten der Entbehrung entwickelte sich Italien in den achtziger Jahren zu einer Wirtschaftswunder-Gesellschaft, in der Geld nicht mehr nur gespart, sondern auch ausgegeben wurde. Und das Ende des in Italien dramatisch politisierten Kalten Krieges bewirkte eine erleichternde Entpolitisierung.

Dies ist auch der Kontext des unaufhaltsamen Aufstiegs Berlusconis zum reichsten Mann Italiens und zu einem in Europa neuen Politiker-Typus. In einem Interview hatte Berlusconi 1996 gegenüber Alexander Stille voller Stolz verkündet: "Ich war der Missionar des Privatfernsehens in Europa." Die breite Masse in Italien fand das toll. In Good Old Germany verachtete man ihn dafür, erkannte hier aber nicht die Zeitenwende, die die Person Berlusconi repräsentiert. "Von Anfang an war er davon überzeugt, dass seine Fernsehprogramme die Schrittmacher eines Kommerz-Kapitalismus neuer Art sein könnten, der auf der Seite des Verbrauchers eine individuellere Konsumkultur und eine Lockerung der Bindungen an kollektive Solidaritäts-Ideologien wie Christentum oder Kommunismus entsprechen würde."

Nach 1989 bröckelte nicht nur in Italien der "Sozialstaats-Konsens" und ändert sich die Rolle des Staates in der Gesellschaft. Der Staat, der über sein Fernsehen Bildung und gute Werte in unsere Wohnzimmer geschickt hatte, wurde nach US-amerikanischem Vorbild vom Privatunternehmer zurückgedrängt, der ein Fernsehen der Werbung, der Seifenopern, der Quizshows, der reduzierten Nachrichten und vor allem der Gewinnerzielung zum Siegeszug verhalf: Der Konsum sollte leben. Zu Zeiten des Linksseins von Enrica, der Frau des Bürgermeisters, hatte diese kulturelle Gewalt noch einen Namen: Kulturimperialismus. Da dachte man eben noch mehr an Politik als an Kommerz.

Stilles Stärke liegt im analytischen Blick auf die Annäherungen der amerikanischen und italienischen Gesellschaft. Berlusconi habe - ähnlich wie Ronald Reagan und George W. Bush - "ein extremes Geschick darin bewiesen, eine Sprache zu finden, die auf eine breite, Klassengrenzen transzendierende Akzeptanz gestoßen ist." Die Zuschauer seiner Fernsehsender sind auch seine Wähler. Setzt Bush auf religiösen Konsens, so Berlusconi auf "Appelle an Familie und Patriotismus, die Projizierung eines starken männlichen Images." Linke in der Berlusconi-Gesellschaft, so Stille, werden demgegenüber als Angehörige einer kulturellen Elite wahrgenommen.

Berlusconi selbst bringe die Tatsache auf den Begriff, dass "Tageszeitungen für die Elite sind und keine Hausfrau Zeitung liest.". Geschickt operiere er mit dem traditionell tief sitzenden Misstrauen der Italiener gegenüber der "schmutzigen Politik" und polemisiere gegen Politiker, "die keinen einzigen Tag in einer Firma gearbeitet haben und nichts anderes tun, als Steuergelder einzustecken". Auch in den USA ist der nicht-traditionelle Typus des Antipolitikers erfolgreich. Und wie dort werden die Fernsehsender in Italien zum Sprachrohr der Regierung. Hier wie da ist ein Verfall traditioneller journalistischer Werte, wie der Trennung von Tatsache und Meinung, zu beobachten.

Für Alexander Stille ist Berlusconi "einer der seltsamsten Menschen", die er je kennen gelernt hat. Nie zuvor hatte er jemanden "interviewt, der so viele offenkundige Unwahrheiten in einem so messianischen Brustton der Überzeugung von sich gegeben hatte." Und er zitiert Berlusconis besten Freund und Mitarbeiter Fedele Confalonieri, der Berlusconi für " einen aufgeklärten Despoten .. einen guten Ceausescu, aber als demokratischen Politiker für eine ausgesprochene Fehlbesetzung" hält.

Das Buch ist reich an Details über die Perfidie des alltäglichen Korruptionsgeflechts und die Vetternwirtschaft, die Berlusconi politisch haben groß werden lassen. Dazu gehören auch die Mafia-Kontakte und illegalen Aktionen seiner engsten Mitarbeiter, die raffinierten Komplotte, um mit seinen Anklägern aus der Justiz fertig zu werden, der Umgang mit Gesetzesänderungen, seine erdrückende Machtposition nicht nur in Politik und Partei. Die in den siebziger Jahren noch so lebendige und innovative nationale Kultur kann heute als erstickt oder in die Knie gezwungen angesehen werden. Mitunter sind Stilles Details aus dem vergangenen politischen Alltag für den deutschen Leser zu reichhaltig, so dass sich beim Lesen neben Interesse auch Ungeduld breit macht.

Kaum ins Visier nimmt Stille die Linke, die zuviel kooperiert und Berlusconi in den neunziger Jahren hat schalten und walten lassen. In den Nach-PCI-Zeiten habe sie "nur noch grundsolide, aber langweilige technokratische fiskalische Maßnahmen zu bieten" und darauf verzichtet, "an die Emotionen der Wähler zu appellieren". Eine zündende Alternative zur entideologisierten Spaßgesellschaft hat sie nicht gefunden.

Nun steht an, den Ausgang der Parlamentswahlen am 9. April abzuwarten. Wohl haben die Stimmen, die Berlusconi Inkompetenz in Sachen Regieren bescheinigen, deutlich zugenommen und jedermann weiß, dass er seine Versprechen von 2001 nicht eingelöst hat. Doch der Ausgang der Wahlen hängt beim Phänomen Berlusconi nicht von derart rationalen Bilanzen ab. Jeder weiß, dass Berlusconi besonders "furbo" (verschlagen, schlau) ist und bisher ausreichend Macht- und Geldmittel hatte, um das zu erreichen, was er will. Und Stilles Buch legt nahe, dass wir so oder so mit dem Phänomen Berlusconi noch länger zu tun haben werden.

Dass nun mitten im Wahlkampf ein gewichtiger Zeuge aus England zu illegalen Finanzgeschäften auspackt, hat den Vorteil, dass Berlusconi nicht mit den üblichen Verunglimpfungen gegenüber der italienischen Justiz operieren kann. Doch die Hoffnung, er käme durch Aufdeckungen zu Fall, will sich nicht wirklich breit machen.

Alexander Stille: Citizen Berlusconi. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. Beck, München 2006, 390 S. 24,90 EUR

Regine Igel ist freie Journalistin in Berlin. Zuletzt 1990 von ihr das Buch: Silvio Berlusconi. Eine italienische Karriere. In diesen Tagen erscheint von ihr der Band Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, Herbig München.


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00:00 31.03.2006

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