Der gute Führer

Wirtschaftswunder Spanien ist von der Krise gebeutelt. In einem kleinen Dorf sorgt der Bürgermeister trotzdem für billige Häuser und Vollbeschäftigung

Er ist überall. Wie eine bärtige Mona Lisa mit Palästinensertuch lächelt er Passanten von Fassaden und Mülltonnen entgegen. Aufdringliche Reklame fehlt am Weg. Stattdessen sprechen mit dicken Pinseln bemalte Hausmauern von „Frieden, Brot und Arbeit“ oder fordern auf, den Fernseher ab- und das Gehirn einzuschalten. Der väterliche Blick der bärtigen Mona Lisa verfolgt die Vorbeigehenden. Wie die echte Mona Lisa im Louvre, die einen immer im Auge behält, egal ob man links oder rechts von ihr steht. Die Mittagssonne vertreibt die kalte Morgenluft aus den Straßen, die von plattgefahrenen braunen Orangen übersät sind. Dazwischen rollt ein weißer Wagen mit Schrittgeschwindigkeit und großen Lautsprechern, aus denen eine aufdringliche weibliche Stimme mantraartig wiederholt: „Morgen wird in der Fabrik gearbeitet.“

Das also ist der Ort, an dem es keinen einzigen Arbeitslosen geben soll, der Traum vom Eigenheim mit 15 Euro im Monat wahr wird und die Sozialdemokraten den rechten Rand des politischen Spektrums bilden.

Das allgegenwärtige Lächeln auf den unzähligen Postern gehört Juan Manuel Sánchez Gordillo. Er ist seit über 30 Jahren Bürgermeister in Marinaleda, einem 2.800-Seelendorf in Andalusien. „Die autonome Republik Marinaleda“, wie das aufmüpfige Dorf in den Nachbarorten belustigend genannt wird, ist der Schreck andalusischer Großgrundbesitzer. Heute hat Gordillo sein Markenzeichen, das Palästinensertuch, nicht um den Hals gewickelt. Reflexartig greift er nach einer Zeitschrift und fängt wahllos in ihr zu blättern an. „Was willst du?“, fragt er barsch, während Che Guevera herzhaft von der Wand über ihm lacht. Nicht nur wegen seiner langen Amtszeit und dem graumelierten Bart denkt man bei Gordillo eher an Castro.

„Ich bin Antikapitalist, Öko, Pazifist und Utopist“, stellt sich Gordillo vor. Marinaleda ist seine wahr gewordene Utopie. Seit er 1979 bei den ersten demokratischen Wahlen nach dem Ende der Franco-Diktatur als 21-Jähriger zum Bürgermeister gewählt wurde, hat er den Ort seinem Traum von einer idealen Gesellschaft näher gebracht. Trotz Krise, trotz einer Rekordarbeitslosenrate von 30 Prozent in Andalusien – in Marinaleda herrscht Vollbeschäftigung. „Wir investieren, statt zu kürzen“, erklärt der Bürgermeister. Hauptarbeitgeber im Dorf ist der landwirtschaftliche Genossenschaftsverbund El Humoso, dessen Produkte über die Marke Humar vertrieben werden. Auf 1.200 Hektar werden Oliven und Artischocken, Paprika und Saubohnen angebaut. Nach der Ernte wird alles in der ebenfalls im Dorf angesiedelten Dosenfabrik weiter verarbeitet.

Dolores Tejadas steht bei der Waage, Artischockenherzen wackeln über das Fließband, während die hohen Stimmen der Bee Gees durch die Fabrikhalle schwingen. Sie hat grüne Gummihandschuhe übergezogen, greift nach den bleichen Herzen und legt sie auf die Waage. Seit zwölf Jahren arbeitet Dolores hier. „In der Fabrik ist es viel besser als am Feld. Die Arbeit erfüllt mich mehr“, sagt die 49-Jährige. Früher, also bevor Juan Manuel den proceso, den Revolutionsprozess, in Gang setzte, war sie wie hundert andere im Dorf Tagelöhnerin. Das bedeutete harte Arbeit während der Erntezeit von Mitte September bis Januar und Arbeitslosigkeit für den Rest des Jahres. Bis in die achtziger Jahre hinein war Hunger nichts Unübliches in Marinaleda, auch die Kinder mussten öfter aufs Feld statt in die Schule.

Leben im 15-Euro-Haus

Die Anfänge der Genossenschaft sind das Kapitel in der Ortsgeschichte, auf das die Marinaleder mit dem größten Stolz zurückblicken. Zwölf Sommer lang besetzten sie die Finca des Herzogs von El Infantado, einem ehemaligen Militärkommandanten und Franco-Getreuen. Sie blockierten Straßen, legten Schienen oder sogar Landebahnen lahm. Marinaleda machte sich damals in ganz Spanien einen Namen. Es war ein langer und harter Kampf um El Humoso, erinnert sich Dolores. Vor allem weil keiner wusste, ob sie Erfolg haben würden. Doch die Knüppelschläge der Guardia Civil, Geld- und Gefängnisstrafen konnten den Willen der Tagelöhner nicht brechen. 1991, kurz vor der Eröffnung der Expo 1992 in Sevilla, war die Geduld der Politiker am Ende. Andalusien kaufte dem Herzog das Land ab und überließ Marinaleda kostenlos die Nutzung. „Ich hätte nie gedacht, dass wir so viel erreichen würden“, sagt Dolores.

Südspanien ist bis heute geprägt von Latifundien. Ein Großteil der Agrarflächen ist nach wie vor im Besitz von Adeligen, wie etwa der Herzogin von Alba, deren von Schönheitsoperationen entstelltes Gesicht die Seiten von Klatschzeitschriften füllt. Ihr Landbesitz wird auf 34.000 Hektar in ganz Andalusien geschätzt, damit führt sie die Liste der Großgrundbesitzer an und kassiert über ein komplexes Netzwerk von Agroindustriefirmen EU-Agrarsubventionen in Millionenhöhe. Diese Firmen setzten natürlich auf Maschinen statt auf menschliche Arbeitskraft.

Das erklärte Ziel der Genossenschaft hingegen ist, Arbeitsplätze zu schaffen. Den jährlichen Umsatz, den die Genossenschaft erwirtschaftet, beziffert deren Geschäftsführer Antonio Aires auf fünf Millionen Euro. Der Gewinn macht rund drei Prozent aus. Das sei nicht viel, aber man versuche eben, eine gesunde Balance aus größtmöglicher Anzahl von Arbeitsplätzen und Rentabilität zu halten, sagt Aires. Laut Gordillo verdient jeder der zwischen 300 und 400 Beschäftigten das Gleiche: 1.200 Euro – egal ob Arbeiter in der Fabrik oder auf dem Feld, Sekretärin oder Bürgermeister. „Alles, was ich darüber hinaus verdiene, spende ich der Gemeinde, der Genossenschaft oder an NGOs“, sagt der Gemeinde-Chef, der für die Izquierda Unida (Vereinigte Linke) auch im andalusischen Regionalparlament sitzt.

Was angebaut und wie investiert wird, das ent­scheiden die Genossenschaftler in eigenen Versammlungen. Gordillo ist immer dabei, obwohl er kein Mitglied ist. Das gilt auch für alle Entscheidungen auf kommunaler Ebene. Über 50 Versammlungen finden jährlich in Marinaleda statt, bei denen die Bürger über alles abstimmen – welche Arbeiten am „Roten Sonntag“ ausgeführt werden, an dem Freiwillige öffentliche Plätze instandhalten, wie groß das geplante Altersheim werden soll, wer in die 15-Euro-Häuser einziehen darf.

Diese Häuser ziehen besonders seit der Immobilienkrise viel Aufmerksamkeit auf sich. Mittlerweile gibt es 350 davon. Das Rezept ist simpel: Die Gemeinde stellt das Grundstück gratis zur Verfügung, über das andalusische Bauzuschussprogramm wird das Baumaterial finanziert, Architekt und Maurer werden von der Gemeinde bezahlt. Das, was die künftigen Bewohner dazu geben müssen, ist die eigene Arbeitskraft. Dolores und ihre Familie gehörten 1985 zu den Ersten. Ihre Hypothek belief sich auf 50.000 Euro. Mit einer Monatsrate von 15 Euro wird das Haus im Jahre 2262 abgezahlt sein. Utopisch? Das Haus solle nur weitervererbt, aber nicht verkauft werden, um Spekulation zu unterbinden, sagt Gordillo. „Wohnen ist ein Menschenrecht und keine Ware, mit der Handel betrieben werden kann.“ Der Durchschnitts-Spanier lädt sich für das Eigenheim im Schnitt eine Hypothek von 150.000 Euro auf, die er mit 500 Euro monatlich abstottert. Die geplatzte Immobilienblase und nun die Wirtschaftskrise haben zu einem rasanten Anstieg von Zwangsräumungen geführt. Im 100 km entfernten Sevilla werden derzeit täglich vier Familien auf die Straße gesetzt, weil sie ihre Miete oder Hypothek nicht mehr zahlen können. 2007 waren es noch drei.

Trotzdem bleiben kritische Stimmen nicht aus. Direkte Demokratie in Marinaleda? Darüber kann Hipolito Aires nur den Kopf schütteln. „Die Dorfversammlung ist eine Lüge, niemand traut sich dem Bürgermeister zu widersprechen“, sagt der Tankstellenwart. Der Mittvierziger sitzt in seinem spartanisch eingerichteten Kassenhäuschen. Über ihm hängt ein überdimensionales Holzkreuz. Der Bürgermeister kontrolliert alles, meint Aires. „Er entscheidet, wer in der Genossenschaft arbeiten darf. Damit kauft er sich seine Stimmen.“ Aires ist auch zweiter Sprecher des örtlichen PSOE, der sozialdemokratischen Partei Spaniens. Sie stellt in Marinaleda die einzige Opposition. PSOE-Anhänger würde man hier als Faschisten beschimpfen, sagt Aires. Außer ihm will von der Opposition im Dorf niemand mit Journalisten sprechen. Aus Angst, meint Aires. Von der konservativen Partido Popular (PP) hat sich zuletzt 1995 ein Politiker ins linke Epizentrum Marinaleda gewagt. Zuerst empfing Javier Arenas und seine Delegation ein menschenleeres Dorf mit verschlossenen Türen. In der Bar verweigerte man der Gruppe den Zutritt. Als Arenas beschloss, zurück nach Sevilla zu fahren, seien auf ein Zeichen alle Bewohner gleichzeitig auf die Straße gerannt und hätten die Gruppe als „Faschisten, Hurensöhne und Arschlöcher“ beschimpft.

Störfall im Paradies

Bislang gewann Gordillo jede Wahl mit absoluter Mehrheit bei einer konstant hohen Wahlbeteiligung von 75 bis 90 Prozent. Félix Talego, Professor für politische Anthropologie an der Universität Sevilla, gibt Aires recht. Er hat Marinaleda in den Jahren 1991 und 1992 besucht und große Diskrepanzen zwischen dem Bild des Bürgermeisters und der Realität beobachtet. Anfangs sei er auch fasziniert gewesen von den lebhaften Versammlungen und den angeregten Diskussionen. Doch dann stellte er fest, dass Gordillo am Ende immer seinen Willen durchsetzte. Skeptiker und Kritiker würden vom Bürgermeister an den Pranger gestellt, als Schwächlinge oder Verräter gebrandmarkt. „Viele Leute, die dem proceso treu waren, sind aus dem Weg geräumt worden.“ Talego ist von Gordillo inzwischen ebenfalls zur persona non grata erklärt worden.

Der Andalusien-Korrespondent der Tageszeitung El Pais, Raúl Limón, beschreibt Gordillo als eine charismatische Persönlichkeit, „allerdings auch voller Widersprüche“. Die Stimmung im Ort sei erdrückend, meint er. Lehrer, die aus anderen Regionen an Marinaledas Schule geschickt würden, hielten es oft nicht lange aus, gibt er ein Beispiel. Limón sieht das Problem in der mangelnden Pluralität in Marinaleda. 75 Prozent der Bewohner stammen aus landlosen Tagelöhnerfamilien, das spiegele sich genau in der Wählerschaft des Bürgermeisters wieder.

Doch nicht nur Vorwürfe undemokratischer Praktiken werfen dunkle Schatten auf Gordillos Utopie. Die aktuelle Krise nagt ebenfalls am linken Paradies, denn die Region Andalusien will ihre leeren Kassen auffüllen. Dies soll unter anderem über den Verkauf von Immobilien geschehen. El Humoso steht auch auf der Liste. Doch da spielt der Bürgermeister von Marinaleda nicht mit. „Wir verhandeln derzeit mit der andalusischen Regierung und haben klar gemacht, dass wir das Terrain nicht kaufen wollen. Wir wollen es nur nutzen.“ Sollte die andalusische Regierung das Land verkaufen, droht Gordillo mit Aktionen wie in den Achtziger Jahren. In Sevilla macht das Eindruck.

Als Dolores die Fabrik verlässt, ist es schon dunkel, der Tag aber ist für sie noch lange nicht vorbei. Ihre grüne Schürze hat sie gegen Jeans und einen fliederfarbenen Pullover eingetauscht. Sie trifft sich mit drei anderen Aktivistinnen im Gewerkschaftssaal, um Plakate für eine Kampagne zu kleben. Trotz acht Stunden in der Fabrik ist sie voller Energie und scherzt mit den compañeros. Gordillos Utopie ist auch das: viel Arbeit in der Freizeit. Und eines weiß hier jeder: Solches Engagement für die Sache des Bürgermeisters ist entscheidend, wenn man in den Genuss der Vorzüge des Modells Marinaleda kommen will.

Linda Osusky ist freie Journalistin in Wien. Seit ihrem Besuch in Marinaleda hat sie die Feldarbeit entdeckt. Dieses Jahr wird sie sich ein Selbsterntefeld anmieten

09:00 03.03.2012

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