Der gute Informant

Fotografie Geheimdienste bemühen sich immer schon, Künstler zu diskreditieren. Eine Ausstellung in Dortmund widmet sich ihrem Treiben
Alexandru Bulucz | Ausgabe 44/2019 1

Journalisten dürfen die Gruppenausstellung Artists & Agents. Performancekunst und Geheimdienste im HMKV Dortmund (Hartware MedienKunstVerein) schon vor den Eröffnungsreden sehen. Das Interesse ist groß. Das Kuratorinnen-Trio steht Rede und Antwort, seit Tagen schon. Zwei von ihnen, Inke Arns, künstlerische Leiterin des HMKV, und Sylvia Sasse, Slawistin aus Zürich, haben hier 2017 schon das Projekt Sturm auf den Winterpalast. Forensik eines Bildes kuratiert.

Als Erstes sticht die Installation der Chilenin Voluspa Jarpa ins Auge. Minimal Secret Condor Operation ist ihre Auseinandersetzung mit den CIA-Akten der Operation Condor in Chile zwischen 1948 und 1994. „Unter diesem Codenamen“, heißt es auf dem Informationsschild, „arbeiteten Geheimdienste sechs lateinamerikanischer Länder mit den USA zusammen – mit dem Ziel, linke und oppositionelle Kräfte weltweit zu verfolgen und zu töten.“ Um das „Archiv als Kunstwerk“ zu präsentieren, lässt Jarpa lose Blätter aus den Geheimdienstakten wie überdimensionale Projektionsfolien im Raum hängen. Besucher können sie zu lesen versuchen, durch sie hindurchschauen oder an einer der vielen Schwärzungen hängen bleiben. Die partielle, nicht zuletzt von Sprachcodes der Geheimdienste bedingte Unlesbarkeit der Akten ist ein Indiz ihrer Unzuverlässigkeit.

IM Winfried posiert so gern

Aus der Mitte des Raumes lässt sich die panoramatische Anordnung der Ausstellung, die sich in kleinere Seitenräume verzweigt, gut überblicken. An den Wänden: verschiedene Medien der Dokumentation künstlerischer Performances, die der Überwachung ausgesetzt waren. Dokumente verschiedener Geheimdienste, Texte in Originalsprache und Übersetzung, Schwarzweiß- und Farbfotografien, Videos.

Etwa Gabriele Stötzers Fotoserie mit dem Transvestiten „Winfried“, der als IM von der Stasi beauftragt war, „die Fotoperformance in Richtung Pornografie zu radikalisieren und so für einen möglichen Anklagepunkt gegen Stötzer zu sorgen“. Zu sehen ist aber eine „Lust am Posieren, die durch den geheimpolizeilichen Auftrag nicht gestört, sondern vielmehr gerechtfertigt wird“.

Oder „Alexandras“ Securitate-Bericht über Alexandru Antik. Er beginnt mit den Worten: „Alexandru Antik, einer der besten Künstler seiner Generation“. Mădălina Brașoveanu, von der im monumentalen Begleitbuch (Leipzig, Spector Books, 300 S., 34 €) ein Aufsatz zu Spuren von Performance Art in den Archiven der ehemaligen Securitate abgedruckt ist, schreibt etwas ironisch, „Alexandras“ Bericht zeige „das Bild vom ‚guten Informanten‘“. Ginge es hier nicht um die Opfer der Securitate, müsste eine Typologie des IMs folgen: der IM, der andere Leute bespitzelt, weil er Geld oder Vergünstigungen will; der IM, der anderen schaden will, jenseits materieller Interessen; der IM, der Karriere machen will; der IM, der zu feige ist, um Nein zu sagen; der IM, der erpresst wird, usw.

Performancekünstler übten ihre Kunst nicht selten im Wissen um ihre Überwachung aus und riskierten dabei Kopf und Kragen. Kata Krasznahorkai, Kunsthistorikerin in Zürich und Mit-Kuratorin, hat in verschiedenen Archiven geforscht und fünf Jahre lang auf die Ausstellung hingearbeitet: Das Lesen von Überwachungsdossiers könne süchtig und krank machen.

Die Kuratorinnen sind sich einig: Die vergleichende Auseinandersetzung mit geheimpolizeilichen „Zersetzungsmaßnahmen“, mit Praktiken und Strategien der Diskreditierung, Pathologisierung und Kriminalisierung von Künstlern immunisiere gegen die auch gegenwärtig grassierenden Techniken medialer Desinformation. Sie sensibilisiere für staatliche Einflussnahmen auf Kunst und Medien weltweit, zum Beispiel in Polen, Russland und Ungarn. Auch wenn der Fokus der Ausstellung auf osteuropäischen Geheimdiensten liegt, haben sich die Kuratorinnen bewusst gegen eine geografische Präzisierung ihres Gegenstands entschieden. Sie stellen „nur“ zehn Geheimdienste vor, gehen aber von einem globalen Phänomen aus, dessen Erschließung an der prekären Forschungslage scheitert. In Russland dürfe man gar nicht forschen, die privaten Aufzeichnungen eines ehemaligen KGB-Agenten müssen zur Aufklärung herhalten. In Bulgarien können Forscher Morddrohungen erhalten. Oft seien die Archive nur zum Teil zugänglich oder noch immer verschlossen.

Ausstellung und Begleitbuch sind, 30 Jahre nach 1989, eine spektakuläre Leistung. Es verwundert nicht, dass sich die Kuratorinnen über die Entscheidung des Bundestages irritiert zeigen, just in diesem Jahr für die Überführung der Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes ins Bundesarchiv zu stimmen – die Abwicklung einer ganzen Behörde. Damit geht auch die öffentlichkeitswirksame Sonderstellung des Archivs verloren. Ein falsches Signal für die Kunst: „Bislang hängt das Wissen aus diesen Archiven im Aufarbeitungsdiskurs fest und ist nur vereinzelt in kunst-, literatur- oder theaterwissenschaftlichen Debatten gelandet“, so Sasse und Krasznahorkai. Mögen die Parlamentarier nach Dortmund fahren und sich Sasses Satz hinter die Ohren schreiben: „Der Kalte Krieg ist kein kalter Kaffee.“

Info

Artists & Agents. Performancekunst und Geheimdienste HMKV Dortmund, bis 22. März 2020

06:00 18.12.2019

Ausgabe 14/2020

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