Michael Rutschky
05.05.2012 | 18:00

Der gute König

Ästhetik Die TV-Serie „The West Wing“ setzt das politisch unfruchtbare Trivialschema anderer Konzepte außer Kraft. Simon Rothöhler hat die US-Serie nun in einem Essay analysiert

In unseren Kreisen – in ihrer Imagination – spielt der amerikanische Präsident eine überaus vieldeutige und verzwickte Rolle. Einerseits kann er mühelos den großen Satan verkörpern – wer bei geeigneter Gelegenheit auf George W. Bush zu sprechen kommt, erntet noch heute sofort Äußerungen ritualisierten Abscheus. Achtundsechziger erinnern sich gut, wie dieser Nichtsnutz, gut als Handpuppe seiner bösen Onkels Dick Cheney und Paul Wolfowitz und Donald Rumsfeld zu imaginieren, seinerzeit riesig übertroffen wurde von Richard Nixon, dem Oberschurken, dessen schmählicher Untergang damals so gar nicht in unsere Erwartungen passte: Wieso stürzten sie, die Vereinigten Staaten von Amerika, diese durch und durch von Kapitalismus und Imperialismus korrumpierte Nation, ihn, Tricky Dick, der doch ihre Geschäfte so erfolgreich betrieb, beispielsweise Maos China für das amerikanische Kapital erschloss?

Auch das Gegenbild lässt sich leicht aufrufen. Selbst in unseren Kreisen erweckte die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten überschwängliche Begeisterung. Eine Wahl, die mit den bockelharten Strukturanalysen, wie George W. und seine bösen Onkels unwiderruflich den neuesten Aggregatzustand der USA erwirkt hätten, so gar nicht übereinstimmten. Der Achtundsechziger kämpfte mit den Tränen, als Aretha Franklin bei der Inauguration sang – im Hintergrund traten also die sechziger Jahre hervor, im Mittelpunkt jene Lichtgestalten, deren Ermordung die satanische Verwandlung der USA endgültig bezeugt hatte, John F. Kennedy und Martin Luther King ...

Politischer Unterricht

Kurzum, man erkennt ihn leicht als Phantasma, den amerikanischen Präsidenten. Eine Gestalt aus Märchen und Sage, aus dem Roman, dem Kino – im Fernsehen widmete sich von 1999 bis 2006 die Serie The West Wing der Ausarbeitung des Phantasmas, eine Serie, die in den USA schöne Erfolge erzielte und hierzulande diejenigen, welche ihr sukzessive verfielen, einer besonderen Art von politischem Unterricht unterzog. (Allerdings, sagt meine Freundin B., Theaterfrau, lässt die Synchronisation stark zu wünschen übrig: Statt mit der notwendigen Geschwindigkeit zu reden, schreien die Sprecher einfach, und sie scheinen die Vorgänge gar nicht zu verstehen, die sie sprechen.)

The West Wing gehört zu jenen neuen US-Serien, die das (verkommene) Genre ganz unerwartet mit neuem ästhetischen Leben erfüllten, Emergency Room, The Sopranos, The Wire, Six Feet Under, es geht ja immer weiter. Im Augenblick engagiert Homeland die Cognoscenti, mit dem rätselhaft schönen Damian Lewis in der Hauptrolle, was K. gefreut hätte, die sich richtig in ihn verliebte nach Band of Bro­thers.

Auf der Höhe des Materials hat jetzt ­Simon Rothöhler, Spezialist für die Ästhetik der Fernsehserie in einem Sonderforschungsbereich der Freien Universität ­Berlin und Mitherausgeber der Zeitschrift Cargo, einen Essay von Büchleinlänge veröffentlicht, eine elegante und dichte Beschreibung, die der Eleganz und dem Witz von The West Wing erfolgreich nacheifert. Der Essay erscheint in einer Reihe, die Titel für Titel die neuen Serien diskutiert.

Böse Onkels

Josiah Bartlet heißt der Präsident, Nobelpreisträger für Ökonomie, von uraltem Neuengland-Adel, nach amerikanischen Maßstäben ein Ultraliberaler (fast linksradikal), und immer, wenn man seitdem den kleinen, kräftigen Martin Sheen in einem anderen Film sieht (The Departed von Martin Scorsese beispielsweise), fragt man sich verblüfft: Was hat denn der amerikanische Präsident hier zu suchen? – Und Josiah Bartlet umrahmt ein brillanter Stab, dessen Namen, wenn sie bei Gelegenheit fallen, seliges Lächeln hervorrufen bei den Cognoscenti. Leo McGarry, der Stabschef, „made of leather“; Josh Lyman, sein Stellvertreter, der düstere Toby Ziegler (dessen Vater eine jüdische Gangstervergangenheit anhängt), der hübsche Sam Seaborn (der in der Dramaturgie der Serie, deren Star er sein sollte, langsam absteigt) – in die Pressesprecherin CJ hat sich mein alter Freund Theckel lege artis verliebt: 156 Folgen erlauben es dem Zuschauer, zu all diesen Figuren persönliche Beziehungen einzugehen.

Ich fange erst gar nicht an mit dem Nacherzählen. Simon Rothöhler demonstriert mit schöner Überzeugungskraft, wie Aaron Sorkin, der Erfinder der Serie, wider die George-W.-Jahre eine Idealisierung der Clinton-Ära setzte. Als Trostmittel für die entsprechende Community. Jeden Mittwoch um 21 Uhr, während sie die bösen Onkels und ihre nichtsnutzige Handpuppe und deren Schandtaten in der Realität zu ertragen hatte. Wenn man die Serie gründlich anschaut und nachschmeckt in ihren knotenreichen Wendungen und Verwicklungen, dann entsteht allerdings der Verdacht: Ob sich eine solche Geschichte in dieser Machart nicht auch mit republikanischen Protagonisten erzählen ließe? Immer mal wieder führt The West Wing republikanische Lesarten der Politik ein, und sie erscheinen keineswegs bizarr oder absurd; den Gegenkandidaten zu Josiah Bartlets Nachfolger, Alan Alda – aus vielen Filmen Woody Allens wohlbekannt – gibt ihn mit viel Charme und Intelligenz, stellt man sich gern als Helden einer Präsidentenserie vor.

Damit sind wir beim politischen Unterricht, den The West Wing auf so avancierte Weise erteilt. Simon Rothöhler bringt es ebenso trocken wie schnoddrig auf den Punkt: „Kaum einmal trennt West Wing die Grundsatzdiskussion von der erzählerischen Evaluierung ihrer Durchsetzbarkeit ab. Als Serie über den politischen Prozess ist sie nicht nur reformistisch eingestellt, sondern auch stark an der Umsetzungsebene des Entscheidungshandelns interessiert. Wer hier arbeiten will, muss beides können, Konzeptpapiere schreiben und Deals eintüten.“

Das Trivialschema, das sich gerade in unseren Kreisen so großer Anhänglichkeit erfreut – der Politiker muss seine hohen Ziele deklarieren, damit die Wahl gewinnen und dann in der Wirklichkeit erkennen, dass er sie nicht durchsetzen kann, weshalb alle wahrhaftige politische Erzählung von Desillusionierung handelt und Opposition die einzige Option bleibt – dies erzählerisch ebenso wie politisch unfruchtbare Schema setzt The West Wing mit jeder Folge souverän außer Kraft.

The West Wing Simon Rothöhler Diaphanes 2012, 96 S., 10

Michael Rutschky ist unter anderem Autor des Buches