Der Habicht überlebt

Kroatien 1991 Vor 20 Jahren markiert der Fall von Vukovar in ­Kroatien eine Wende im jugoslawischen Bürgerkrieg. Fortan ging es für Belgrad nicht mehr um den Erhalt der Föderation

Grad heroj heißt Vukovar heute in Kroatien – Heldenstadt. Schulklassen reisen dort hin und lassen sich die Schrecken des Krieges vorführen, die man an mancher Häuserwand noch besichtigen kann. Weil die Stadt an der Donau in ihrer tapferen Verteidigung so starke Truppenverbände gebunden hielt – so will es die Heldenerzählung – blieben andere Städte von ihrem Schicksal verschont. Der Mythos ist der Schlacht am Thermopylen-Pass nachgebildet, wo 480 v. Chr. eine kleine Schar Spartaner unter Opferung ihres Lebens das riesige Heer der Perser aufhielt, damit die Athener Zeit hatten, sich zu formieren.

Anders als der Spartaner Leonidas hat der Kommandeur der Verteidigung von Vukovar die Schlacht überlebt und dem obersten Befehlshaber in Zagreb, Präsident Franjo Tudjman, bittere Vorwürfe gemacht. Der habe ein Fanal für seinen Opfermythos gebraucht, behauptete Mile Dedaković, genannt der Habicht. 20 Jahre ist das her. Inzwischen hat der serbische Präsident Tadić gemeinsam mit seinem kroatischen Amtskollegen Josipović die Heldenstadt besucht und sich für die Verbrechen serbischer Soldaten und Paramilitärs entschuldigt – eine schlechte Stunde für Geschichtsrevisionisten und Voraussetzung für eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Pflaster für heroische Mythen

87 Tage lang, von Mitte August bis zum 19. November 1991, beschossen Artillerie-Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) die Stadt. Nach realistischen kroatischen Zahlen kamen dabei zwischen 2.900 und 3.600 Menschen ums Leben, unter ihnen 86 Kinder. Mit der Zeit wurde der Ring immer enger und dichter. Es gab Luftangriffe. Anfangs galt der Beschuss nur Stellungen der kroatischen Nationalgarde, später allen Gebäuden, auch dem Hospital, das mit einem großen roten Kreuz markiert war. Hätte Tudjman wirklich ein „Fanal“ gewollt, wären die Menschen vergeblich gestorben. Die Welt blieb kühl seinerzeit. Kein ausländischer Journalist hielt sich in der Stadt auf, es gab kaum Bilder. Wahrscheinlich waren die kroatischen Truppen viel zu schwach, um Vukovar gegen die übermächtige Armee zu unterstützen. Dass die Verteidigung trotzdem so lange durchhielt, lag an ihrer starken Moral – und der elenden Moral der Angreifer. Die Rekruten der Volksarmee desertierten reihenweise; niemand wusste so recht, wofür er eigentlich kämpfen sollte. Tausende junge Belgrader flohen ins Ausland, um sich der Mobilisierung zu entziehen. Der Fall Vukovar markiert den Beginn des Granatterrors gegen Städte, der später in Sarajevo und Mostar zu einem Muster wird. Zugleich stellt er einen Wendepunkt dar. Spätestens seit Vukovar kämpften die Truppen der Volksarmee nicht mehr für den Erhalt Jugoslawiens, sondern für ein großes, „ethnisch reines“ Serbien.

Vukovar war einst ein hübsches und langweiliges südungarisches Landstädtchen, ein schlechtes Pflaster für heroische Mythen. Im Nordosten Kroatiens, in Slawonien, der Baranja und in West-Syrmien lebten traditionell Deutsche, Ungarn, Kroaten, Serben, aber auch Slowaken und Ukrainer. Ihre Vorfahren wurden einst von Maria Theresia gerufen, um das von den Osmanen zurückeroberte Land zu besiedeln. Nach Vertreibung der Donauschwaben lebten in Vukovar fast so viele Serben wie Kroaten. Der Anteil der so genannten „Mischehen“ war hoch. Fast acht Prozent verweigerten jede nationale Zuordnung und nannten sich „Jugoslawen“. Die nationalistische Partei von Franjo Tudjman hatte hier bei der ersten freien Wahl 1990 eine Schlappe erlitten; die kroatischen Kommunisten – umbenannt in Partei der demokratischen Reformen – stellten den Bürgermeister und sämtliche fünf Abgeordnete der Region. Während der dreimonatigen Belagerung blieben die Serben von Vukovar in der Stadt. Nicht wenige nahmen an der Verteidigung teil. Erst Tage vor dem Fall klärten sich die nationalen Fronten: Die Kroaten flohen in langen Kolonnen. Die Serben wurden von den Belagerern als „befreit“ betrachtet und durften bleiben. Aus Vukovar wurde für sieben Jahre Bykobap – so der Name der Stadt in kyrillischen Buchstaben.

Das Jugoslawien, für das die Volksarmee bis Vukovar kämpfte, war ein serbisch dominiertes. Neben Tito war die Armee stets das zentrale, übernationale Element gewesen. Das hieß nicht, dass sie in den nationalen Scharmützeln neutral blieb: Sie war zentralistisch und damit der natürliche Bündnispartner der größten Volksgruppe im Lande. Seit Titos Partei im Januar 1990 auseinander fiel, war die Armee politisch herrenlos. Selbst trauten sich die Generäle mit Verteidigungsminister Veljko Kadijević an der Spitze (dem Kind einer serbisch-kroatischen Ehe) politische Führung mit Recht nicht zu. Vukovar war ihr Debakel. Was die Generäle eigentlich wollten, wurde von niemandem verstanden: weder von den Rekruten, noch den Nationalisten in Serbien und Kroatien, noch den wenigen, die Jugoslawien als Ganzes erhalten und demokratisieren wollten. Wenn im November 1991 die Einnahme der Stadt zur ethnischen Säuberung führte, dann wurde Jugoslawien durch den Kampf der Armee nicht verteidigt, sondern im Gegenteil endgültig zerstört.

Slobodan Milošević in Belgrad dachte anders. Nicht mehr ein zentralistisches Jugoslawien war sein Ziel, sondern eine Sezession der serbisch besiedelten Gebiete. Für ihn ergab es keinen Sinn, mehrheitlich kroatische Städte wie Osijek oder Vinkovci oder gar die Hauptstadt Zagreb anzugreifen, wie die Generäle es wollten. Vielmehr sollte die kroatische Bevölkerung in den Orten, die jetzt von der Armee gehalten wurden, zur Flucht gedrängt werden. So kam es zum Massaker von Ovčara, dem schlimmsten Verbrechen im kroatischen Krieg.

Unter Drogen

Kroaten, die beim Einmarsch der Armee nicht fliehen konnten oder wollten, retteten sich an jenem 19. November ins Krankenhaus der Stadt, hoffend, dass das Rote Kreuz sie von dort evakuieren würde. Statt des Roten Kreuzes aber kam die Armee und brachte etwa 300 der an die 400 Menschen (fast alles Männer im wehrfähigen Alter) aus dem Hospital zu einer verlassenen Gänsefarm. Dort angekommen, wurden die Männer mit Knüppeln und Ketten geschlagen; einige starben. Die Täter waren mehrheitlich keine Soldaten, sondern Freischärler. Es waren Trupps entweder von Kriminellen und Entwurzelten, die oft unter Drogen standen, an leichter Kriegsbeute interessiert waren oder die sich – wie die Tiger des Željko Ražnatović Arkan – zu einer asketischen Elitetruppe stilisierten. Eine ganze Nacht lang beseitigten die Freischärler fast alle ihrer Gefangenen. Die Männer – der jüngste von ihnen 16 Jahre alt – mussten sich mit dem Gesicht zu einer großen Grube aufstellen und wurden in Reihen von je sieben oder acht von hinten erschossen.

Exakt 200 Leichen wurden später in dem einen Massengrab gefunden. Auf kroatischer Seite wird die Zahl der Toten auf 255 bis 264 geschätzt. Zehn von ihnen waren Serben. Eine Zeitlang wurde noch darüber gestritten, wie viele der Opfer Patienten oder Personal des Krankenhauses und wie viele demobilisierte Soldaten waren. Für die rechtliche Beurteilung spielt das keine Rolle: Alle waren entwaffnet und gefangen. Es war Mord. Drei Armeeoffiziere standen in Den Haag vor Gericht, weil sie ihre Gefangenen den Freischärlern wissentlich zur Exekution ausgeliefert haben sollen. Es konnte ihnen nicht nachgewiesen werden. Aber der Mythos von der „sauberen Armee“ war dahin. Schon der Granatbeschuss war ein Kriegsverbrechen.

Anders als Westslawonien und die Krajina – Gebiete, die 1991 ebenfalls von der Volksarmee gehalten wurden – kamen im Jahr 1998 Ostslawonien, die Baranja und West-Syrmien mit Vukovar schließlich auf friedlichem Wege ins unabhängige Kroatien. Das Ergebnis eines Deals der UNO mit Slobodan Milošević, ohne dass es zu einer Massenflucht kam. So leben heute in Vukovar noch immer Serben. Aber Schulen, Kneipen, selbst Geschäfte sind ethnisch getrennt. Der Hass, der nur scheinbar die Ursache des Krieges war, ist jetzt sein Ergebnis.

Norbert Mappes-Niediek schrieb zuletzt über die Spannungen im Nordkosovo

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10:00 19.11.2011

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