Der Händler war ein Mäzen

Archivarbeit „Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst“: Ottfried Dascher hat die erste umfassende Biografie des von den Nazis verfolgten Kunsthändlers Alfred Flechtheim geschrieben

Leider kennt jeder sein Gesicht. Mit diesem markanten Profil. Leider. Denn nicht Verehrung brachte 1938 das Gesicht des Kunsthändlers Alfred Flechtheim auf das Hamburger Plakat der Ausstellung „Entartete Kunst“, sondern Denunziation. Mit übergroßer Nase und hervorquellenden Augen wurde das Flechtheim-Porträt von den Nazis zum Inbegriff des „Entarteten“ erklärt.

Über den Irrsinn einer solchen Stigmatisierung muss hier nicht mehr gesprochen werden. Über Alfred Flechtheim, geboren 1878 in Münster als Sohn einer Getreidehändlerfamilie, schon. Denn auch wenn sein Gesicht bekannt ist – sein Leben ist es nicht. Wer also war der Mann, dass er so dumm diffamiert werden musste? Er war – kurz gesagt – ein Kunsthändler, der sich mit viel finanziellem Mut, dem richtigen Gespür für den spektakulären Auftritt und mit großer Liebe zur zeitgenössischen französischen und deutschen Kunst zu einem der bedeutendsten und bekanntesten Galeristen seiner Zeit hocharbeitete.

Gesellschaftliche Höhepunkte

Wie er das schaffte, was er dachte, wen er kannte – davon erzählt die jetzt im Schweizer Nimbus Verlag erschienene erste ausführliche Biografie. Geschrieben hat sie Ottfried Dascher, der als bester aller Flechtheim-Kenner angepriesen wird. In der Tat hat er sich intensiv mit dem Kunsthändler beschäftigt.

Auch annähernd 70 Jahre nach dem Ende Nazideutschlands steckt die Forschung über das Schicksal der Kunst und ihrer Händler zwischen 1933 und 1945 in den Anfängen. Doch jede Rückgabe eines Bildes aus einem deutschen Museum, jede verhinderte Auktion aufgrund ungeklärter Provenienzen bringt neue Erkenntnisse – auch über Alfred Flechtheim, der bewundert und gehasst, hofiert und benutzt wurde. Vor allem seine Galerie in Berlin gehörte zu den angesagtesten Adressen ihrer Zeit. Seine Vernissagenfeste waren gesellschaftliche Höhepunkte, die Bälle schräge Inszenierungen für die vergnügungssüchtige Berliner Gesellschaft der zwanziger Jahre. Bei ihm trafen sich Kunstwelt und Halbwelt, Boxer und Banker.

Nur bei der Kunst hatte er höchste Ansprüche. Zu „seinen“ Künstlern zählten Picasso und Rousseau, Maillol und Léger, Cézanne und van Gogh, um nur einige der berühmtesten ausländischen zu nennen. Er vertrat außerdem Max Beckmann und George Grosz, Paul Klee und Wassily Kandinsky, Georg Kolbe und Kurt Schwitters. Auch das ist nur eine Auswahl aus einer wesentlich längeren Liste von Künstlern, die er ausstellte, verkaufte und selbst sammelte. George Grosz erinnerte sich noch 1955 an Flechtheims Liebe zu seinen Künstlern: „Eigentlich war Flechtheim ein Fossil. Das heißt, er war einer der letzten Überlebenden einer älteren, nun längst ausgestorbenen Kunsthändlergeneration, die in Kunst nicht nur Ware sahen und sich oft überhaupt nicht wie Händler verhielten, sondern wie Mäzene.“

Das war einer der Gründe für Flechtheims notorische Geldnot. Es hätte trotzdem alles so weitergehen können – Flechtheim hätte mal verloren, mal gewonnen, doch niemals aufgehört, Kunst zu sammeln, Künstler zu unterstützen und ihre Werke auszustellen und zu verkaufen. Doch da kamen die Nazis, der Kunsthändler Flechtheim wurde zum jüdischen Händler Flechtheim, der „entartete Kunst“ verkaufte. Die Glamourfigur wurde zum Hassobjekt – wie so viele.

Thea Sternheim

Der klägliche Rest seines Lebens ist schnell erzählt: Flechtheims Galerien wurden aufgelöst, er selbst starb am 9. März 1937 im Londoner Exil. Zuvor hatte er sich von seiner Ehefrau Betty scheiden lassen, damit ihr Vermögen nicht für seine Galerieschulden herangezogen werden konnte. Betty hätte emigrieren können, doch sie blieb in Berlin. Als sie Ende 1941 nach Minsk abtransportiert werden sollte, nahm sie Veronal.

Flechtheims erster Biograf ist der ehemalige Leiter des Westfälischen Wirtschaftsarchivs Dortmund und Leiter des Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchivs in Düsseldorf – es ist gut, dass Dascher sich mit dem Aktenstudium auskennt.

So ist sein Text nicht nur eine interessante Lebensbeschreibung, sondern auch eine dichte Materialsammlung geworden und entgeht jedem literarisierenden Kitschverdacht. Für die authentische Beschreibung bürgt außerdem Daschers Bekanntschaft mit Eric A. Kaufmann, einem Neffen von Alfred Flechtheim, der die Entstehung der Biografie bis zu seinem eigenen Tod 2009 begleitet hat. Außerdem gehören die Erinnerungen der Autorin und Flechtheim-Bekannten Thea Sternheim wegen ihrer kühl betrachtenden, analytischen Erinnerungen zu Daschers bevorzugten Quellen. Am 8. September 1933 schrieb sie zum Beispiel: „Mittagessen bei Flechtheims. Die unglücklichen Leute sind gerade dabei, das ihnen von Hitler bescherte Geschick in seiner ganzen Bitterkeit auszukosten. Flechtheim total ruiniert, die Frau um ihren Besitz zitternd.“

Und vier Tage später notiert sie: „Welche tragischen Einzelschicksale alle diese vom Fatum betroffenen Juden, die mit allen Fasern ihres Herzens an Deutschland hängen und härter als in ihrem Selbsterhaltungstriebe in ihrer Liebe zu dem unwürdigsten aller Vaterlande getroffen werden.“

Am Ende seiner Biografie unternimmt Ottfried Dascher den Versuch, die private Kunstsammlung des Händlers zu rekon­struieren. Kein einfaches Unterfangen, denn wie bei den meisten Kunsthändler-Sammlern mischten sich Privatbesitz und Handelsware immer irgendwie. Doch für die Forschung ist diese erste Liste – bei allen vorab zugestandenen möglichen Irrtümern –, ein guter Ausgangspunkt weiterzumachen und endlich diesen Teil der deutschen Geschichte umfassend aufzuarbeiten.


Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst: Alfred Flechtheim. Sammler, Kunsthändler, VerlegerOttfried Dascher Nimbus 2011, 512 S., 39,80

ErinnerungenThea Sternheim, Kore Verlag 1998, 734 S., nur noch gebraucht erhältich

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11:00 12.03.2012

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