Der härteste Härtefall

KOSOVO-FLÜCHTLINGE Bürokratische Hürden vor den Toren des helvetischen Paradieses

Schon vor den NATO-Angriffen lebten bis zu 200.000 Kosovo-Albaner in der Schweiz, danach überquerten täglich Hunderte illegal die Schweizer Grenze. Die Wohnungen ihrer Verwandten und Flüchtlingsunterkünfte sind überfüllt, man spricht von diesen Menschen in Begriffen für Naturkatastrophen wie Flut, aber jede Familie hat ihre eigene Tragik. Der kriegsbedingte Entscheid des Schweizer Bundesrates über die Familienzusammenführung löste bei den hier ansässigen Kosovo-Albanern Hoffnungen aus, aber die ursprünglich human gedachten Auswahlkriterien bringen absurde Lösungen und Leid mit sich.

An den kantonalen Fremdenpolizei schal tern vorbei und in den Büros der Hilfswerke defilierte in den letzten Wochen eine besondere Kathegorie von Menschen, mehr oder weniger Rechtlosen, Hoffenden, Bittenden, Verzweifelnden. Sie zeigten ihre Ausländerausweise, mal stolz, mal beschämt, je nach dem Buchstaben darin, der sie als Ausländer mit Niederlassung, als anerkannten oder abgewiesenen Asylbewerber ausweist. Sie falteten zerknüllte Papierblätter auseinander, mit Händen, ans Anpacken, und nicht ans Schreiben gewohnt, hatten sie ungelenk die Namen ihrer Ehefrauen und Kinder, der Geschwister und Eltern mit deren Geburtsdaten aufgeschrieben. In der Jackentasche trugen sie ihre versammelte Familie bei sich wie Glücksanhänger. Meist Männer, seit zwanzig, zehn, fünf, zwei Jahren, oder bloß einigen Monaten in der Schweiz.

Von den Gehältern, verdient an Baugerüsten, Straßen, Fließbändern und in Pizzerias wurden Häuser in Kosovo gebaut, die jetzt abgebrannt und geplündert sind. Es bleibt nur das Natel, die lebendige Schnur rund um die Uhr, an die sich die Familie hält und hochzuziehen versucht. Kurze Anrufe aus den Flüchtlingslagern in Mazedonien, Albanien, aus den Asylheimen in Westeuropa: Wann holst du uns in die Schweiz?

Berat hat den besten Ausländerstatus, eine Niederlassung und arbeitet seit Jahren regelmäßig. Seine Kinder sind minderjährig und schmoren bei 40 Grad Hitze mit ihrer Mutter in einem Zelt in Albanien. Doch der Polizeibeamte schüttelt den Kopf, als er die Lohnabrechnung sieht. Der Hilfsarbeiter müßte monatlich mindestens 5.500 Schweizer Franken verdienen. Auch sei sein Wohnraum nach schweizerischen Standarts für drei Kinder zu klein. Für diese Kinder, die jetzt auf einer Plastikfolie schlafen, Allergien und Durchfall haben und ins Telefon weinen, ist ihr Vater der einzige feste Punkt in einer auseinanderbrechenden Welt. Berat kann sich nicht mehr konzentrieren, fällt vom Gerüst, der Aufprall bringt seine Gedanken zur Klarheit, er nimmt einen Kredit auf und bezahlt 7.000 Franken den Schleppern. Eines frühen Morgens telefoniert ihm seine Frau von einem Grenzbahnhof. Endlich der vertraute Geruch und die unendlichen Kriegsgeschichten, aber kaum hat sich sein Geist beruhigt, schon kommt die Kündigung vom Hausbesitzer. Die Wohnung sei nicht für fünf Personen vermietet worden.

Enver ist besser dran, zwanzig Jahre Schweiz, ebenfalls eine Niederlassungsbewilligung, der Lohn ausreichend, eine Viereinhalbzimmerwohnung. Die Fremdenpolizei gestattet seiner Frau und den drei minderjährigen Kindern einen Touristenbesuch für drei Monate, aber den 19jährigen Sohn lehnt sie ab. Er ist volljährig. Wäre er jedoch ein Härtefall, wäre sein Bauch hart vor Schwangerschaft oder noch härter von frischen Kugeln, dürfte er sich über Sommer beim Vater erholen. Während der Rest der Familie in Skopje ins Flugzeug einsteigt, macht sich der Sohn alleine auf den Weg. Serbische Polizisten verhaften ihn, und als sie erfahren, daß sein Vater in der Schweiz lebt, verlangen sie 10.000 Schweizer Franken innerhalb von 48 Stunden, sonst würden sie ihn zwingen, an der serbischen Front gegen die UÇK zu kämpfen. Der Vater bezahlt und holt ihn illegal zu sich.

Nesim ist seit einem Jahr abgewiesener Asylbewerber ohne Arbeit, der fremde Staat ernährt ihn samt Frau und drei Kindern. Er gibt dies wie ein Verbrechen zu. Er weiß, sein Status ist der niedrigste. Er will noch seine zwei kleinen Söhne nachziehen. Er kann nur betteln, im Kreis herumgehen, vielleicht reißt irgendwo ein Loch ein. Dieses Loch ist der Krieg. Die Großeltern flüchten mit den Kindern aus Kosovo nach Albanien. Doch die Kinder müßten unbegleitet sein, erst dann könnte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes sie als hilfsbedürftigen Fall der Schweizer Vertretung in Tirana vorschlagen. Nach wochenlangem Hin und Her fragt man: »Sind die Großeltern und die Kinder vielleicht schwer krank?« Eine leise Hoffnung kommt auf: die Großeltern haben chronische Erkrankungen, können sich um die Kinder nicht kümmern, eine Arztbestätigung wird aus Albanien gefaxt, und das Bundesamt für Flüchtlinge in Bern prüft den Fall noch einmal. Günstig wäre natürlich, wenn die Kinder Asthma oder Diabetes hätten, herzkrank von Geburt, lebenslang abhängig von Medikamenten wären. Der Vater hat seine eigene Philosophie: »Reicht der Krieg, die Flucht, zwei Monate Gestank und Schlamm eines Lagers und eine einjährige Trennung von Mutter und Vater nicht aus? Können sich die Beamten nicht vorstellen, daß dies alles Kinder krank macht?« Doch, Bern zeigt am Ende Vorstellungskraft und genehmigt den Familiennachzug.

Flamur ist dagegen eindeutig ein Härtefall - Kriegsinvalide, 22 Jahre alt, UÇK-Kämpfer, soeben wurden ihm beide Beine amputiert, eine gut begründete Bestätigung des Spitals aus Tirana liegt auf Englisch vor. Flamurs drei Onkel leben in der Schweiz, sind arbeitsliebend, haben mittelgroße Wohnungen. Aber Neffe und Onkel sind für den westeuropäischen Familiensinn keine Kernfamilie. Ist Flamur vielleicht unbegleitet? Nein, ein Bruder ist bei ihm. Schade für Flamur, daß er es nicht alleine schafft. Der zu Fall gebrachte Kämpfer findet Aufnahme in einem Mailänder Spital. Dort liegt er. Unbegleitet. Ob er jetzt in die Schweiz kommen darf? Aber nein, Italien gilt doch als sicheres Drittland. Wenn Flamur noch wenigstens ein Bein hätte, könnte er über die grüne Grenze zu seiner Familie humpeln. Er hat einen erweiterten Familienbegriff - Onkel und Tante und Vetter fühlten sich für ihn verantwortlich wie seine leiblichen Eltern. Sie sind es, die ihn in Mailand besuchen, dank ihrer Jahresbewilligung B dürfen sie das enge Gastland kurz verlassen. Sie muntern Flamur statt seiner Eltern auf, die von Bewilligungen und Härtefällen keine Ahnung haben. Sie sind inzwischen aus Albanien nach Kosovo zurückgekehrt, ohne erfahren zu haben, daß ihr Sohn einer der bestsichtbarsten Härtefälle geworden ist.

Halim ist ein demütiger Mann. Gedemütigt noch und noch. Seine junge Frau wurde von den serbischen Militärs vergewaltigt. Sie floh mit ihrer Mutter und ihren drei Kleinkindern nach Mazedonien. Seitdem geistig verwirrt, sorgt ihre Mutter für die Kinder. Deshalb gilt die Familie als nicht hilfsbedürftig. Für die Engländer allerdings schon. Man hat sie ins englische Kontingent aufgenommen. Wenn Halim sie in England besucht, verliert er seinen Ausländerstatus, der zwar der schlechteste ist, aber doch einer. Und aus England herauszukommen ist unmöglich, um England herum ist Wasser wie Stacheldraht.

Wäre die Familie in Deutschland, Österreich oder Italien gelandet, könnte sie leicht wie viele andere zu Fuß durch den Wald ins helvetische Paradies einreisen. Hier würde sie sich aller Illusionen über Paradiese entledigen. Gleich nach der Ankunft in einer Empfangszelle würde man sie an die Kantone so verteilen, daß nun der Großvater mit Schwiegertochter und Enkel im Zürcher Asylheim lebt, die Schwiegermutter alleine in St. Gallen, der Bruder mit Frau und Kind in Basel, zwei Onkel im Tessin und der Neffe mit seiner Familie in Lausanne. Das Recht zusammenzubleiben, hat nur die Kernfamilie, ein Kantonswechsel zugunsten der Großfamilie ist kaum mehr möglich. Die Familienzusammenkünfte der tausendfach Zerrissenen finden schon wieder über Natel statt.

Aferdita will niemanden zu sich einladen, sie leidet bloß an der Obsession, ihre alte Mutter, die in einem albanischen Flüchtlingslager im Sterben liegt, noch einmal sehen zu müssen. Sie ist wegen diesem zwanghaft-depressiven Zustand in psychiatrischer Behandlung. Oft träumt sie von einem Familienmahl am runden Tisch, der entzweibricht. Der Psychiater erklärt ihr, daß dies ein schönes Bild für ihr nicht intaktes Selbst sei. Die Beamtin bei der Fremdenpolizei meint, das Gesuch um eine Woche Ausreise aus der Schweiz werde mit aller Wahrscheinlichkeit abgelehnt, aber auf diesen Entscheid müsse sie drei bis sechs Monate lang warten. Aferdita wird trotz Antidrepressiva zornig, sie ruft vor dem Schalter laut aus, Gott werde eines Tages diese Unmenschlichkeit bestrafen. Einige Tage später stirbt die Mutter in Albanien. Unbegleitet. Der härteste Härtefall.

Die Schriftstellerin und Journalistin Irena Brezna arbeitet seit Kriegsausbruch in der Kosovo-Beratung des Schweizerischen Roten Kreuzes in Basel.

00:00 02.07.1999
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