Der heikle Umgang mit Originaldokumenten

Das Göttinger Stadtarchiv veröffentlicht eine Wahlkampfrede Hitlers für den pädagogischen Einsatz

Das Göttinger Stadtarchiv hat Anfang März eine Multimedia-CD veröffentlicht, in deren Mittelpunkt eine Rede Adolf Hitlers steht, die dieser am 21. Juli 1932, zehn Tage vor der Reichstagswahl vom 31. Juli, in der Universitätsstadt vor mehreren tausend Menschen gehalten hat. Daneben enthält die CD erläuternde und kommentierende Texte der Historikern Kerstin Thieler, weiterführende Literatur über die NSDAP in Göttingen, die Geschichte der Stadt während der NS-Herrschaft und schließlich ausgewählte Dokumente aus dem Bestand des Stadtarchivs, die im Zusammenhang mit dieser Rede entstanden; etwa die Anmeldung der Kundgebung durch die örtliche NSDAP, die Verfügung der Ortspolizeibehörde zur Regelung des Verkehrs an diesem Tage oder eine Lageskizze des Veranstaltungsortes.

Göttingen war schon früh eine Hochburg der NSDAP, im Februar 1922 wurde hier eine Ortsgruppe gegründet, bald darauf entstanden weitere Parteiorganisationen, den ersten SA-Sturm gab es im Dezember des selben Jahres. Bei den Reichstagswahlen erzielten die Nazis regelmäßig einen höheren Stimmenanteil als im Reichsdurchschnitt, bei der Juliwahl 1932 gewannen sie mit 51 Prozent schon die absolute Mehrheit in der Stadt.

Muss an dieses Kapitel der deutschen und der Göttinger Geschichte immerfort erinnert werden? Warum wird eine relativ unspektakuläre Wahlkampfrede Hitlers in einer hörbaren Version auf CD veröffentlicht? Ist das noch Aufklärung oder schon Propaganda?

Der Göttinger DGB-Vorsitzende Sebastian Wertmüller, der sich in den vergangenen Jahren engagiert und mutig positionierte, wenn es darum ging, rechte Aufmärsche in der Stadt zu verhindern, reagierte mit "Erstaunen" auf die Ankündigung des Stadtarchivs, diese CD herauszubringen. Er äußerte zwar "Verständnis" dafür, dass "in historischen Dokumentationen Originaldokumente in Schrift, Bild und Ton eine Rolle spielen". Aber noch ohne die CD zu kennen, urteilte er streng, dieses Projekt "sprenge den dokumentarischen Rahmen": "Das ist schon", so hieß es in seiner Presserklärung "Verkaufsförderung mit dem größten Verbrecher der deutschen Geschichte." Er könne nur hoffen, "dass es sich tatsächlich um eine historische Dokumentation handelt".

Ernst Böhme, der Leiter des Göttinger Stadtarchivs, verwahrte sich umgehend gegen die Kritik des DGB-Vorsitzenden. Zum einen wird die CD nicht frei im Handel erhältlich sein, das Stadtarchiv hat sie nicht etwa produzieren lassen, um Kasse zu machen - zum Einsatz kommen soll sie vor allem im Schulunterricht. Ausgerechnet diese wichtige Information fehlte in der gekürzten Presseerklärung des Stadtarchivs, die im Göttinger Tageblatt veröffentlicht worden war, und so erklärt sich in erster Linie die heftige Reaktion Wertmüllers. Nur weil die Hitler-Rede gezielt für Bildung (und Wissenschaft) bereitgestellt wird, ist ihre Veröffentlichung übrigens auch nicht als Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda strafbar.

Zum anderen handelt es sich bei der Publikation ohne Frage um die sorgfältige Edition einer historischen Quelle mit lokalem Bezug. Wenngleich mit der Veröffentlichung keinesfalls beabsichtigt ist, rechtsextreme Sammler zu bedienen, ist natürlich nicht auszuschließen, dass diese Klientel, die überall nach Devotionalien ihrer mörderischen Vorbilder sucht, Gefallen an der bisher in den Magazinräumen des Stadtarchivs schlummernden Rede findet.

Doch kann und muss das nicht hingenommen werden? Wie denn anders, als auch unter Verwendung authentischer Originaldokumente kann Geschichte Schülerinnen und Schülern anschaulich "gemacht" werden? Im konkreten Fall ist beispielsweise gut zu hören, wie Hitlers Zuhörerschar in Göttingen jubelte - auch wenn nach 1945 die wenigsten davon noch etwas wissen wollten. So kann zum Beispiel die Frage nach der Massenbasis der NSDAP (oder weniger wissenschaftlich: die Frage nach dem Rückhalt in der Bevölkerung) vor dem Hintergrund der Lokalgeschichte behandelt werden: Warum war Göttingen so früh eine braune Hochburg, was war hier anders, was das Besondere?

Wie anders als durch die Auswertung von Quellen können solche Fragen beantwortet werden? Generationen von Historikerinnen und Historikern haben sich schließlich durch Aktenberge, Fotos und Filmmaterial gewühlt, um die historischen Abläufe ("Geschichte" also) rekonstruieren zu können. Was die nationalsozialistische Diktatur angeht - ohne diese "Fleißarbeit" wäre heute vieles immer noch unbekannt. Natürlich soll hier nicht naiv behauptet werden, das Quellenstudium sei der Königsweg, weil die Quellen für sich allein sprächen. Eine zentrale Aufgabe der Historiographie war, ist und wird es sein, die Quellen zum Sprechen zu bringen, sie miteinander zu verknüpfen, sie einzuordnen.

Ohne Frage sind die Aufgaben der Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht von anderer Qualität. Es geht nicht um Forschung, es geht um kritische Aneignung (von historischem) "Wissen" und Zusammenhängen, um die Sensibilisierung für Humanität und um die Herausbildung sozialer Kompetenzen in einer demokratischen Gesellschaft. Was spricht da gegen historische Originaldokumente, die mit sorgfältig bearbeiteten Begleittexten bereitgestellt werden und es gerade so ermöglichen, dass die Klientel einen "Zugang" zum Gegenstand findet, der nicht durch vorweggenommene Interpretationen verstellt wird, wie regelmäßig beispielsweise in den "beliebten" Doku-Dramen vom Mainzer Lerchenberg?

Nicht nur, dass dort historisches Bildmaterial aus Propagandafilmen und Wochenschauen verwendet wird und allgemeine Akzeptanz findet, darüber hinaus wird Authentizität mit nachgestellten Spielszenen vorgetäuscht, was die Wahrnehmung und Aneignung historischer Ereignisse nachhaltig beeinflusst. Hinzu kommt dann noch die in der Redaktion beliebte Personalisierung komplexer Sachverhalte und Wirkungszusammenhänge (Hitlers Generäle, Frauen und so weiter), der andere, strukturelle Erklärungsansätze zum Opfer fallen: Fertig ist das verzerrte Geschichtsbild.

Ein politisch-pädagogischer Anspruch, Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern zu "erziehen" (wobei nicht unterstellt wird, dass die Redaktion diesen hat), wird durch einen solchen Umgang mit historischen Originaldokumenten ad absurdum geführt, da für die Zuschauer "Tatsachen" und Interpretationen nicht mehr klar und nachvollziehbar zu trennen sind. Im Oberseminar gäbe es dafür keinen Schein, trotzdem bringen die Doku-Dramen dem ZDF Quote und die Begleitbücher zu den Sendungen verkaufen sich.

Das alles ist natürlich nicht neu, jede und jeder der regelmäßig in die Medienseiten und Feuilletons der überregionalen Presse sieht, kennt diese Kritik. Geschichte ist (zum Glück) auch auf andere Weise darstellbar. Natürlich sind die vielfältigen Unterschiede zwischen Fernsehen und Multimedia-CD nicht zu leugnen, doch worum es in beiden Fällen (und allgemein in allen Medienformaten) gehen muss, ist die Frage nach dem sorgfältigen Umgang mit historischen Quellen, besonders dann, wenn es sich um nationalsozialistisches Propagandamaterial handelt.

Immer dann, wenn einem, wie im Fall der CD aus dem Göttinger Stadtarchiv, wieder einmal ein gelungenes Beispiel sorgfältiger Arbeit in die Hände fällt, ist man geneigt, für eine größere Offenheit, für einen freizügigeren Umgang mit derartigen historischen Originaldokumenten zu plädieren. Dient das der geistigen Auseinandersetzung im Rahmen von Bildung und Wissenschaft, befindet man sich zumindest rechtlich auf der sicheren Seite. Vielleicht könnte ein in diesem Sinne freizügigerer Umgang erheblich dazu beitragen, Legenden zu entzaubern.

Denken wir nur an Leni Riefenstahl, die bis zum Schluss nie müde würde, zu behaupten, sie habe doch keine NS-Propagandafilme gedreht. Wer beispielsweise ihren Triumph des Willens (einmal) gesehen hat, weiß, wie leutselig die Riefenstahl lügen konnte, wie gezielt, engagiert und einfallsreich sie mit filmischen Mitteln den Führerkult transportiert hat.

00:00 02.04.2004

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