Der Heilige Krieg gegen die Liberalen

Schmuddelecke Konservative amerikanische Sachbuchautoren und der heilige Krieg gegen Liberalismus und Islam

Eine der beunruhigendsten Erfahrungen, die man zurzeit in den Vereinigten Staaten machen kann, ist unerwarteter Weise der Besuch einer Sachbuchsektion im Buchladen oder der eingehende Blick auf die gängigen Bestsellerlisten. Neben Kitty Kellys Skandalbuch über die Bush-Familie und den kritischen Berichten ehemaliger Regierungsmitglieder wie Richard Clarke oder Bob Woodward rangieren hier vor allem rechtspopulistische Erbauungsbücher.

Noch vor sechs Jahren handelte es sich bei der Publikation von konservativen Sachbüchern lediglich um einen Nischen-Markt, der von ein paar kleinen, spezialisierten Verlagshäusern versorgt wurde. Aber angespornt vom konservativen Hass auf Bill Clinton und vom religiös-nationalistischen Tenor der Bush-Regierung entwickelten sich solche Veröffentlichungen zum Buchmarktsegment mit der größten Wachstumsrate.

Die Verlagsriesen Random House und Penguin haben daher im vergangenen Jahr die beiden Reihen Crown Forum und Sentinel gegründet. Diese widmen sich ausschließlich rechtskonservativen Veröffentlichungen und konnten so, zusammen mit Verlagen wie WND oder Reganbooks, 18 der 30 politischen Sachbuchbestsellertitel der vergangenen drei Jahre vermarkten.

Einer der neuen Stars dieser Buchszene ist Ronald Kessler, dessen Biografie A Matter of Character sich über 300 Seiten mit der glorifizierenden Portraitierung des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten beschäftigt. Das Leitthema des Buches ist nicht, wie anzunehmen wäre, die Kriegs- und Terrorpolitik von George W. Bush, sondern sein Engagement für die amerikanischen Schulkinder. Die Verbesserung der Leseergebnisse in der Grundschule erscheint nach der Lektüre von Kesslers Buch als das zentralste Anliegen der Bush-Politik. Jede Kritik am charakterstarken Präsidenten muss sich vor diesem Hintergrund von selbst verbieten. Seine bekanntermaßen bescheidenen universitären Prüfungsergebnisse indizierten, so Kessler, nichts weiter als eines der wichtigsten Requisiten für die Präsidentschaft, nämlich einen Sinn fürs Praktische. Bushs Höflichkeit gegenüber dem Personal des Weißen Hauses, seine Pünktlichkeit und sein Arbeitsethos nähmen sich im Vergleich zu Bill Clinton geradezu heldenhaft aus.

Kesslers Hang zum Personenkult erinnert dabei auf unheimliche Weise an die sozialistischen Politikerbiographien vergangener Jahrzehnte. Vor allem jener Graubereich, in dem politische Information in Fiktion übergeht, sorgt für unerwartete Déjàvus. Doch der Ton von Kesslers Biografie erscheint im Gegensatz zum Tenor seiner übrigen rechtskonservativen Kollegen noch als relativ moderat. Was hier vorherrscht, sind der Stil gezielter Provokation und die Rhetorik der Hasstirade.

Am alarmierendsten sind dabei jene Medien-Jointventures der Fernsehmoderatoren des notorischen Nachrichtensenders Fox-News. Mehrere der ultrakonservativen Bildschirmpersönlichkeiten versuchten sich im Sachbuchgenre und schafften es auf die Bestsellerlisten. Vor allem Sean Hannitys Let Freedom Ring war ein Verkaufsschlager, der alle Auflagenrekorde sprengte. Was Hannity so erfolgreich suggerieren konnte, war, dass jeder vernünftige patriotische Amerikaner so wie er denken würde. Dies gelang ihm vor allem durch seine gekonnte Weichzeichner-Inszenierung des netten und gottesgläubigen Familienvaters von nebenan. Seine politische Prosa dagegen macht in fanatischer Aggression verbales Kleinholz aus Demokraten, Atheisten, Umweltschützern und vor allem aus der angeblich liberal voreingenommenen Medienlandschaft.

Hannity geht sogar soweit, einen "heiligen Krieg" zu konstatieren. Damit ist nicht nur der Krieg gegen den radikalislamischen Terror gemeint, sondern auch der "Krieg der Ideen", der gegen die Liberalen Amerikas gewonnen werden müsste. Denn diese würden durch ihre obskuren Ansichten den Terroristen in die Hände arbeiten. Weitere Herzensanliegen des kuschligen Autors sind das Verbot von vorehelichem und schwulem Sex, die Aufstockung des Militäretats, das Erbe des amerikanischen Traums und die Versorgung der amerikanischen Wirtschaft mit ausreichenden Mengen billigen Öls.

Für viele Republikaner dienen diese Bücher als eine Art private Erbauungsliteratur oder als Gesprächsstoff liefernde Argumentationsvorlage für Mittagspause und Cocktailparties. Als solches sind sie auch konzipiert. Den Autoren geht es weniger um politisch sachhaltige Argumentationen oder faktenbasierte Forschungen als um den Appell ans Gefühl, sich auf der richtigen politischen Seite zu befinden.

Ann Coulter, die bekannteste und meistgelesene konservative Autorin jedoch, geht über diesen Appell gerne auch hinaus. In ihren monatelang auf den Bestsellerlisten plazierten Pamphleten Slander und Treason, ihrer gerade erschienenen Litanei How to speak with a Liberal und in ihrer wöchentlichen Internetkolumne ruft sie unter anderem auch mal dazu auf, die Araber zum Christentum zu konvertieren. Coulter erklärt Öl als einen legitimen Kriegsgrund für die USA oder beschreibt Europäer als Barbaren, die nur so aussehen würden wie Amerikaner. Solche groß angelegten verbalen Entgleisungen haben sich nicht nur millionenfach verkauft, sondern der Autorin auch ernsthaft den Status einer der wichtigsten Intellektuellen der Vereinigten Staaten eingebracht.

Bei ihrem bisher skandalösesten Machwerk Treason handelte es sich um den Versuch, die vorgeblich von Journalisten und Akademikern verzerrte amerikanische Geschichtsschreibung richtig zustellen, und die McCarthy-Ära als einen liberalen Mythos zu dekonstruieren. Joe McCarthy, unter dessen Leitung Kommunisten und Schwule inquisitorisch verfolgt wurden, wird hier als ein aufrechter amerikanischer Bürger rehabilitiert, der seinem Land einen patriotischen Dienst erwiesen hätte. Dazu ergeht sich die Autorin in sophistischen Denunziationsversuchen, die denen McCarthys um nichts nachstehen.

Die ideologische Konsistenz dieser Veröffentlichungen ist frappierend. Ihr Grundmotiv der historisch und religiös begründeten Überlegenheit Amerikas geht Hand in Hand mit paranoiden Angstszenarien und pathologischem Hass gegenüber Demokraten, Medien, Islam und UNO. Aber es sind vor allem ihre gegenwärtigen organischen Metaphern des bedrohten Volksköpers, bei denen man als Deutscher aufhorcht. Liberalismus wird hier nicht nur als eine "Geisteskrankheit" beschrieben, sondern auch als "Oktopus", der die Regierung, die Kirche und das Rechtssystem Amerikas erwürgen würde. Es ist nur schwer entscheidbar, ob man über diese beinah literarische Mesaillance aus Nazi-Rhetorik und Seafood lachen oder bestürzt sein sollte.

Beängstigend ist die publikumswirksame Reichweite dieser neuen politischen Pop-Literatur in jedem Fall, nicht zuletzt auch, weil sich ihr Echo in der offiziellen Rhetorik der amerikanischen Regierung kaum überhören lassen. Die rechtskonservativen Veröffentlichungen nähren zudem einen um sich greifenden politischen Diskurs, der jeden Dissens präventiv unterbindet. Demokratische Politiker, Akademiker, Journalisten oder Hollywoodstars werden zunehmend mit den Attributen "unpatriotisch" oder "unamerikanisch" versehen. So werden sie nicht nur automatisch für jede weitere Diskussion disqualifiziert, sondern auch auf die schillernde Feindbildseite von islamischen Terroristen, Pornographen, Kriminellen, Ehebrechern und Kommunisten gestellt. Die nachhaltige Wahlkampfschwäche der Demokraten zeigt, dass diese Strategie aufzugehen scheint. Ihre Scheu, unpatriotisch zu wirken, hält die Demokraten im ideologischen Würgegriff. Dabei wiesen die Populisten wie der gewitzte Michal Moore auf der eigenen Seite, den richtigen Weg. Noch niemand hat bisher über die urige Figur aus Michigan den Verdacht geäußert, dass sie "unamerikanisch" wäre.

Ann Coulter: How to talk with a Liberal (If You Must). Crown Forum. Random House. New York 2004, 368 S., 24,50 EUR

Ann Coulter: Treason. Liberal Treachery from the Cold War to the War on Terrorism. Crown Forum. Random House. New York 2003, 24,50 EUR

Ronald Kessler: A Matter of Character. Inside the White House of George W. Bush. Sentinel. Penguin Books (USA). New York 2004, 306 S., 22,90 EUR

Sean Hannity: Let Freedom Ring. Winning the War of Liberty over Liberalism.ReganBooks. Harper Collins. New York 2003, 300 S., 23,50 EUR


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00:00 15.10.2004

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