Der Heilige Krieg übersteht so manches Beben

Indien/Pakistan Mehr Tuchfühlung zwischen beiden Staaten wird nicht nur durch die Diwalli-Attentate gestört - auch die Hardliner hier wie dort bleiben sich treu

Wenige Sekunden, bevor an diesem 29. Oktober die Bombe explodiert, ändern Budh Prakash und Kuldeep Singh das Drehbuch der Terroristen. Schaffner und Fahrer des dichtgepackten Stadtbusses schleudern das große schwarze Paket durch die Vordertür hinaus. Ihre Geistesgegenwart rettet mehr als 100 Passagieren das Leben. Die fliegende Bombe detoniert in der Luft und verletzt draußen im hektischen Abendverkehr 14 Menschen - Kuldeep Singh schwebt seither in Lebensgefahr. Am Samstagabend, zwei Tage vor dem Diwalli-Fest, erlebt Delhi seinen bisher schwersten Terroranschlag. 62 Menschen werden getötet und 214 verletzt, als auf einer Magistrale und auf zwei überfüllten Märkten der Lichter geschmückten, festlich gestimmten Stadt drei Sprengsätze detonieren. Die Spur weist nach Pakistan.

Terrorgruppen haben viele Leben

Die Erdbebenkatastrophe, die am 8. Oktober das Leben von Millionen von Menschen in beiden Teilen Kaschmirs zerstörte, mag Indien und Pakistan einander näher gebracht haben - die jüngsten Attentate in Delhi aber bewirken den gegenteiligen Effekt. Premier Manmohan Singh telefonierte bereits mit dem pakistanischen Präsidenten Musharraf, um ihm zu sagen, sein Land sei zutiefst verstört, dass trotz anderslautender Beteuerungen die Terroristen, die unzweifelhaft von Pakistan aus operierten, keineswegs in die Schranken gewiesen würden. Bereits vor Monaten hieß es in Delhi, die Gebirgs-Camps der Jehadis, der islamistischen Guerilla im pakistanisch besetzten Teil Kaschmirs, die Musharraf angeblich räumen ließ, seien wieder besiedelt.

Terrorgruppen scheinen viele Leben zu haben. Nicht nur ihre Wiederauferstehung nach den Operationen der pakistanischen Armee überrascht - auch ihre offenbar ungebrochene Schlagkraft nach dem Erdbeben. Nach Angaben des internationalen Hilfskorps wurden am 8. Oktober zahlreiche Gebirgslager total verwüstet und mindestens 2.000 Jehadis getötet. Doch wer gedacht hatte, ein solches Inferno würde die Heiligen Krieger für längere Zeit lähmen, irrte gründlich. Und genau das - der Nachweis einer ungebrochenen Handlungsfähigkeit - könnte die beabsichtigte Botschaft der Anschläge von Delhi gewesen sein.

Seither hat die "größte Verbrecherjagd in der Geschichte der Hauptstadt" begonnen, wie zumindest die Presse in Delhi befindet. Noch ist nicht klar, wer sich hinter der Inquilabi Mehwaz verbirgt, die sich inzwischen zu der Tat bekannte. Außer Zweifel steht aber, dass die Anschläge von einer in Pakistan ansässigen Terrorgruppe verübt wurden. Seit 1980 ist in der indischen Kapitale kein Jahr ohne einen größeren oder kleineren Bombenanschlag dieser Formationen vergangen. Genau am Tage der Diwalli-Attentate - wohl kein Zufall - gab es das Urteil im Prozess gegen Mohammed Ashraf, einem führenden Mitglied der Untergrundgruppe Lashkar-e-Toiba, die Ende 2000 einen Angriff auf das Rote Fort in Delhi verübt hatte. Ashraf wurde zum Tode verurteilt.

Es gibt weitere bemerkenswerte Zusammentreffen: So detonierten die Bomben von Delhi, während hochkarätige indische und pakistanische Abordnungen in Islamabad eine folgenschwere Entscheidung zu fällen suchten: Soll die Demarkationslinie zwischen dem indischen und dem pakistanischen Teil Kaschmirs, die seit Jahren als gefährlichste Grenze der Welt gilt, wegen des verheerenden Erdbebens im Himalaya geöffnet werden? Der Vorschlag - zwei Wochen nach der Katastrophe von Präsident Musharraf unterbreitet - gilt vielen als kühne und überwältigende Friedensgeste. Andere wittern eine gefährliche Falle und fühlen sich nun bestätigt: Die Bluttat von Delhi wurde mit großer Wahrscheinlichkeit von Tätern verübt, die über eben diese Demarkationslinie auf indischen Boden gelangt sind.

Die Vergangenheit ist ein anderes Land

Der pakistanische Autor Ahmed Rashid gehört zu denen, die Musharrafs Verständigungswillen vehement begrüßen. Es sei Zeit für unkonventionelle Maßnahmen, schreibt er. Die Verwüstung Kaschmirs belehre darüber, dass sich der Status Quo überlebt habe - "die Vergangenheit ist ein anderes Land". Allenthalben werden Stimmen lauter, die Demarkationslinie zwischen den beiden Teilen Kaschmirs einfach zu ignorieren oder auszuradieren: Die neue Buslinie zwischen Srinagar und Musaffarabad ist Sinnbild dieses Verlangens. Doch das Verteidigungsministerium in Delhi kann einem "verklärten Romantizismus" der Versöhnung wenig abgewinnen. Die Grenze lasse sich an drei Punkten öffnen, lautete das Angebot. Den Grenzstreifen überqueren dürfe aber nur, wer sich ordnungsgemäß ausweisen könne. Schließlich müsse die unkontrollierte Passage von militanten islamischen Fundamentalisten verhindert werden.

Die Grenzöffnung wird nicht nur als militärisches Risiko empfunden, sondern auch als politische Fußangel. Wenn es plötzlich keine Demarkationslinie mehr gibt, sind der indische und der pakistanisch besetzte Teil Kaschmirs zwangsläufig eine Einheit - eine politisch schwer umstrittene. Indien gäbe indirekt seinen Anspruch auf Kaschmir auf. Die humanitäre Geste käme als politischer Bumerang zurück. Außerdem argwöhnen in Delhi viele Politiker, Musharraf unterbreite seine großherzigen Offerten nur, um seine Kritiker zum Schweigen zu bringen, die ihm vorhalten, dass er eine Mitschuld am Leiden und Sterben Tausender von Erdbebenopfern trage. Er habe zugelassen, dass ein in den politischen Eliten Pakistans tiefverwurzeltes Misstrauen gegenüber Indien eine prompte und großzügige Hilfe des Nachbarn vereitelt habe. Schlimmer noch: die pakistanische Armee beschäftigte sich nach dem Erdbeben volle zwei Tage damit, die gesamte Grenze nach Indien militärisch zu sichern - als wollte Delhi die Tragödie für einen Eroberungsfeldzug nutzen. Und für Rettungsmaßnahmen fehlten die Kapazitäten. Musharraf hatte zunächst wegen nationaler Empfindlichkeiten überhaupt keinen Beistand von außen angenommen, obwohl außer Frage stand, die eigene Armee kann die Lage nicht allein meistern. Erste materielle Hilfen aus Indien wurden nur mit Vorbehalten angenommen. Hungernden Erdbebenopfern blieben selbst indische Kekse vorenthalten, weil sie - ursprünglich für die Schulspeisung in Afghanistan produziert - die indische und afghanische Flagge trugen.

Während die pakistanische Armee ihr Feindbild pflegte, kam Hilfe aus unerwarteter Richtung: Die fundamentalistische Guerilla baute trotz eigener Verluste Auffanglager und sogar ein Feldhospital auf - mit einem großen Zelt für Briefings. Und sie hatte politisch Erfolg, die Versorgungsstränge der Jehadis seien in vielen Katastrophengebieten derzeit eine Art Lebensader, gab ein Sprecher der pakistanischen Rettungskoordination verlegen zu.

So sind viele der seit Oktober 2001 - seit dem Afghanistan-Krieg - von den USA geächteten Gruppen, darunter die Lashkar-e-Toiba, vorübergehend als Wohltäter aus den Trümmern ihrer Vorgeschichte wieder aufgetaucht. Helfen ist eine andere Art von Jihad, sagen ihre Führer, und: das Erdbeben ist für uns auch ein Geschenk Allahs. Nachdem die internationale Finanzhilfe bestenfalls tröpfelt, haben die Jihadisten üppige Geldquellen erschlossen, um Menschenleben zu retten und - möglicherweise - früher oder später eine reiche Rekrutenernte einfahren zu können. Frisches Blut für den Untergrund auf der anderen Seite der Grenze. Das sind schlechte Nachrichten für Indien - und auch für Pakistan.



Der Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan

1947 - am 15. August tritt der Indian Independence Bill in Kraft. Mit ihm werden zwei Staaten geschaffen: das hinduistisch dominierte Indien und das muslimische Pakistan.

1948 - pakistanische Truppen dringen in den größtenteils zu Indien gehörenden Staat Jammu und Kaschmir ein ("Erster Kaschmir-Krieg"). Am 1. Januar 1949 wird ein Waffenstillstand verkündet.

1965 - zweiter indisch-pakistanischer Krieg, es geht um die Hoheit über Kaschmir.

1971 - dritter indisch-pakistanischer Krieg um Ost-Pakistan, das danach als Republik Bangladesh unabhängig wird.

1972 - Indien und Pakistan einigen sich mit dem Abkommen von Simla, Konflikte künftig ohne Einmischung Dritter und auf friedlichem Wege zu lösen.

1974 - am 18. Mai führt Indien einen ersten Atomtest durch.

1990 - der Bundesstaat Jammu und Kaschmir wird direkt dem indischen Staatsoberhaupt unterstellt.

1998 - Indien erklärt sich definitiv zur Atommacht. Auch Pakistan führt Atomtests durch.

1999 - im Mai-Krieg von Kargil an der Grenze zwischen dem indischen und pakistanischen Teil Kaschmirs drohen beide Seiten mit dem Einsatz von Kernwaffen.

2001 - am 13. Dezember verüben islamistische Terroristen einen Angriff auf das indische Parlament - Indien und Pakistan verstärken jeweils ihre Grenztruppen.

2002 - am 5. Januar kommt es zu einem offiziellen Händedruck zwischen den Staatschefs Pakistans und Indiens in Kathmandu, aber zu keinem substanziellen Gespräch.

2003 - am 23. November ruft Pakistan den einseitigen Waffenstillstand mit Indien aus.

2004 - Vertreter beider Länder verabschieden am 18. Februar einen Fahrplan für vorgesehene Friedensgespräche.

2005 - am 7. April wird zwischen Srinagar und Musaffarabad die seit 60 Jahren erste Busverbindung eröffnet, die den indischen und pakistanischen Teil Kaschmirs verbindet.

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00:00 04.11.2005

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