Der Held ist machtlos

Crime Watch N° 154 Eine Abrechnung mit den Bush-Jahren: Stephen King beweist in seinem neuen Roman "Die Arena" wieder einmal, dass er zu den großen amerikanischen Schriftstellern gehört

Am 21. Oktober 2012 senkt sich eine Kuppel über die 2000-Seelen-Gemeinde Chester’s Mill in Maine. Anders als die Kuppel, die wir aus dem Simpsons-Film kennen, ist Kings „Dome“ ein bösartiges Ding. Es zerschneidet im Moment des Herunterfallens Mensch und Tier, ist transparent, lässt iPods und Herzschrittmacher explodieren, wenn man zu nahe kommt, und ist selbst gegen die avancierteste menschliche Zerstörungstechnologie immun. Aber man kann hindurchsehen und die eingeschlossen Menschen dabei betrachten, wie sie von nun an ihr Leben fristen und mit der Situation klarkommen müssen. Eine soziologischer Versuchsaufbau par excellence. Und ein prächtiges Biotop für Stephen King, so ziemlich alle seine Themen, Obsessionen und popkulturelle Vernetzungen auf fast 1.300 Seiten opulent auszuleben.

Unter der Kuppel entspinnt sich eine bösartige Parabel, die die amerikanische Geschichte seit 2001 spiegelt: Ein fundamental-christlicher Kleinstadt-Autohändler, der wie Dick Cheney schwere Herzprobleme bei ansonsten eminenter Herzlosigkeit kultiviert, versucht mit Hilfe eines arg schlichtgemütigen und absolut inkompetenten Polizeichefs, der nicht wirklich überraschenderweise an Georg W. Bush erinnert, eine Art totalitäre (Nazi-)Herrschaft über die isolierte Gemeinde zu erringen. Die Kuppel kommt ihm gerade recht, weil er auch das größte Drogenlabor der USA unterhält, das satte Gewinne in die Kassen spült. Er spaltet die Bürgerschaft, schürt Emotionen, mißbraucht patriotische Gefühle und regiert mit Terror und Gewalt. Dass sein Sohn ein arg ekliger Frauenmörder ist, stört den nicht minder mörderischen Papi so gar nicht, solange sich der zunehmend verfallende junge Mann als Waffe gegen die Opposition gebrauchen lässt.

Auf dieser Handlungsebene führt King brillant vor, was ihn zu einem großen amerikanischen Schriftsteller macht: Die ganz und ganz dialektische, zwischen Idylle und Hölle changierende Schilderung von small-town-america, ganz im Geiste Ray Bradburys, dem King Die Arena sozusagen als große Hommage widmet.

Allerdings pointiert King dieses kleinstädtische Milieu explizit politisch und konkret als anfällig für krude Ideologie, für Xenophobie, Rassismus und christliche Intoleranz. Die Metzelszenen und auch viele komische Passagen, die makabre Scherze mit Leichen und –teilen treiben, kontrastieren in ihrer gewollten Künstlichkeit die anderen Gräuel, von denen das Buch wesentlich handelt. Denn der Irak-Krieg ist sozusagen in die USA zurückgekommen und richtet jetzt unter den Menschen in Chester’s Mill an, was die Bush-Politik im Irak angerichtet hat – Folter, Mord und die Verhöhnung der Menschenrechte. Deswegen hat der Roman zwar ein riesiges Figurenensemble, das King souverän handhabt, aber kaum noch einen richtigen, positiven Helden.

Nur einer, der im Irak war, jetzt Aushilfskoch in der Stadt ist, und von den Autoritäten außerhalb der Kuppel erkoren wird, in der Kuppel die Kontrolle zu übernehmen und den Ursprung dieses Phänomens zu beseitigen. Dieser Pseudo-Held, Dale Barbara, ist, wie alle Menschen letztendlich rat- und machtlos. Gegen den Terror der Fundamentalisten und gegen die Kuppel selbst. Der amerikanische Held mit seiner sonst nie versiegenden Tatkraft und Findigkeit, die noch den übelsten Schurken und den überlegensten Alien in Tausenden von einschlägigen Filmen und Büchern auszutricksen vermag, ist am Ende.

Die Kuppel, für deren Existenz King glücklicherweise keinen großen Erklärungsaufwand treibt, verschwindet am Ende nur, weil eine Frau auf einen sehr un-heroischen Affekt setzt, der hier leider verraten werden muss. Denn dieser Affekt ist in populärkulturellen Erzählmustern normalerweise tabuisiert: Mitleid. Kein Heroismus hilft, die Menschheit muss betteln und flehen gehen.

Stephen Kings wütende und hochplausible Abrechnung mit den Bush-Jahren erhält durch diesen Dreh ganz am Ende noch ein gewaltiges Surplus, weil er damit die Optionen und Möglichkeiten von Genre-Kunst noch einmal erweitert hat.

(Under the Dome, 2009) Stephen King. Roman. Aus dem Englischen von Wulf Bergner. Heyne, München 2009, 1.280 S., 26,95 Die Arena

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09:25 02.01.2010

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