Der Herr ist auf Sendung

Platzhalter Johannes Paul II. scheint kaum noch fähig, sein Amt zu führen. Der Papst wird zum Lehrstück über die ambivalente Bedeutung des Körpers und der Zeichen in der katholischen Kirche

Vom heiligen Gregorius geht die Legende, dass er 17 lange Jahre angekettet auf einem Felsen-Inselchen für einige fatale Inzest-Sünden büßte. Wie sieht jemand aus, nach solcher Übung? Er war, schreibt Thomas Mann in Der Erwählte, "nicht viel größer als ein Igel, ein filzig-borstiges, mit Moos bewachsenes Naturding, dem kein Wetter mehr etwas anhatte, und an dem die zurückgebildeten Gliedmaßen, Ärmchen und Beinchen, auch Äuglein und Mundöffnung schwer zu erkennen waren ..." Ausgerechnet dieser zum Nichts verschrumpelte Büßer wird Papst werden, ein Petrus, ein Fels. Ihr zweifelt? Ihr Kleingläubigen. Der Igel wird strahlende menschliche Gestalt erhalten, wenn Gott es nur will.

Seit langer Zeit schon ist Papst Johannes Paul II., Pontifex Maximus, Oberster Priester der Weltkirche, an Morbus Parkinson erkrankt. 1995 musste er sich einer Hüftoperation unterziehen, 1992 wurde ein Tumor am Dickdarm diagnostiziert und schon 1981, nur drei Jahre nach seiner Wahl, wurde er Opfer eines Attentats, von dessen Folgen er sich nie ganz erholte. Johannes Paul II., der "Medienpapst", hat exzessiv die Macht der Bilder genutzt, um die Mission der Heiligen Katholischen Kirche voranzutreiben. Es ist nur konsequent, dass nun auch sein Siechtum zu einer Sache der öffentlichen Debatte wird. Wir sehen ihm im wahrsten Sinne des Wortes beim Prozess einer Petrifizierung, einer Versteinerung, zu. Immer mehr sinkt Johannes Paul II. in sich zusammen, als würde er bei lebendigem Leibe zur Reliquie seiner selbst.

Was bedeutet der öffentliche Verfall des Papstes? Was überhaupt ist ein Papst? Was ist der Körper des Papstes und wer spricht, wenn der Papst spricht? Fast ist vergessen, dass Johannes Paul II. einmal sportlich war, ein Wanderer, Skifahrer, Schwimmer, der das 25-Meter-Becken in der Sommerresidenz Castelgandolfo ausgiebig nutzte. Er war zu Beginn seines Pontifikats eine kraftvolle, und wie Jan Ross in seiner Papst-Biografie nicht müde wird zu betonen, "männliche" Erscheinung. Johannes Paul II. nutzte den ganzen Körper, um Präsenz zu erzeugen. Bisweilen als der "eilige Vater" oder "spontifex maximus" bezeichnet, begab er sich auf mehr als 100 Reisen, Pilgerfahrten waren es für ihn. Solange es ihm möglich war, legte er sich bei der Ankunft flach auf die Erde und küsste den Boden. Wie oft war dieses Bild im Fernsehen, bis es sich eingeschliffen hatte ins ikonografische Bewusstsein dessen, was ein Papst tut? Legendär sind auch die Weihnachts-Messen, die er, damals noch Karol Wojtyla und Bischof von Krakau, in Nowa Huta auf freiem Feld abhielt. Jedes Jahr hielt er sie, von 1959 an, bis die polnische Regierung 1967 endlich dem Bau einer Kirche in der Arbeitervorstadt zustimmte. Der Ritus fordert den ganzen Körper.

Im Zusammenhang mit dem öffentlichen Siechtum des Papstes wurde in letzter Zeit öfter Ernst Kantorowicz´ These von den "zwei Körpern des Königs" zitiert. Danach hat der Herrscher einen realen, politischen und einen davon unabhängigen mystisch-symbolischen Leib. Was für den König gilt, sollte für den Papst nicht zu schade sein, Johannes Paul II. ist Papst, und die Funktion "Papst" ist unsterblich. Gleichzeitig will die Trennung in "zwei Körper" gerade bei diesem Papst nicht treffen. Seine symbolische Funktion ist verwachsen mit dem Körper, und wohl deshalb löst sein Anblick als Greis die ganze Skala der Gefühle aus. Sie reicht von Ehrfurcht über Entsetzen bis zu Wut, Ärger und Peinlichkeit. Die Sichtbarkeit dieses Papstes hat etwas beeindruckend Unerhörtes.

Was Johannes Paul II. am Rücktritt, der ihm theoretisch möglich wäre, hindert, ist nicht persönliche Eitelkeit oder Starrsinn, sondern der tiefe Glaube an seine Bestimmung. Hier gilt kein irdisches Maß. Er begreift sein Pontifikat als körperliches Exerzitium, als Martyrium. Er ist Blutzeuge Christi. Deshalb zwingt er uns sein Bild auf. Schon das Attentat vom 13. Mai 1981 hat er in diesem Sinne gedeutet. Der 13. Mai ist just der Tag einer Marien-Erscheinung im portugiesischen Dorf Fátima. Es gab dort eine Prophezeiung, die der Papst später als genaue Ankündigung des Attentats deutete. Er wurde auf wunderbare Weise gerettet. Die Kugel seines Attentäters steckt heute in der Krone der Marienstatue der Wallfahrtskirche in Fátima. Mysterium heißt das Zauberwort.

Das Christentum ist keine Religion, die den Geist vom Körper sauber trennt. Der Leib ist der Ort der Prüfung, nur über die Passion des Fleisches kann sich der Geist befreien. Durch und durch dialektisch und immer mit doppeltem Boden funktioniert das katholische Christentum: es ist geprägt von der Verachtung des irdisch Sichtbaren und ihm gnadenlos verfallen in der Gier nach Wunderzeichen. Es verdammt den Körper und ist vollständig von ihm besessen.

Johannes Paul II. glaubt an Zeichen, handelt zeichenhaft und er versteht sich selbst als Zeichen. Er denkt ganz in der Logik der Repräsentanz - ein Signifikant deutet auf etwas, das selbst kein Signifikant mehr ist. Anders wäre ja auch Erlösung nicht denkbar. Der Papst ist Pontifex, eine Brücke hin zum Göttlichen, "Was du auf Erden bindest, soll auch im Himmel gebunden sein". Er ist Vicarius Christi, Stellvertreter auf Erden - was recht verstanden nicht heißt, eine Stelle auszufüllen, sondern sie frei zu lassen. Der Stellvertreter ist Platzhalter für den, der kommen wird.

Wer also spricht, wenn der Papst spricht? Wer schreibt die Bücher des Johannes Paul II. und wer die Enzykliken? Wer gibt die Lehrmeinung heraus? Das innerkirchlich umstrittene Dogma der Unfehlbarkeit, von dem überdies seit seinem Inkrafttreten 1870 nur zwei Mal Gebrauch gemacht wurde, entstand im Vertrauen darauf, dass der Papst nicht nur Mensch ist. Der Papst ist ein Medium. Durch ihn und die Kirche wirkt der Heilige Geist. Der Pontifex bringt eine Botschaft, er hat eine Mission, eine Sendung auf Erden. Niklas Luhmann definiert Medien als "diejenigen evolutionären Errungenschaften, die an jenen Bruchstellen der Kommunikation ansetzen und funktionsgenau dazu dienen, Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches zu transformieren". Das passt nicht schlecht, auch wenn die Institution "Papst" evolutionsgeschichtlich als ziemlich altes Medium bezeichnet werden müsste. Aber es funktioniert - gerade außerhalb Europas - noch ganz gut. Mag die atheistisch-postmoderne Medientheorie mit Marshall McLuhan tönen "the medium is message" - womit die Botschaft des Papstes nichts weiter wäre als der Papst - Johannes Paul II. sieht das natürlich anders: "Ich lebe in dem ständigen Bewusstsein, dass in allem, was ich in der Erfüllung meiner Berufung und Sendung sage und tue, etwas geschieht, was nicht ausschließlich meine Initiative ist." Die katholische Theologie wäre mit dieser Eins-zu-Eins-Übersetzung allerdings etwas vorsichtiger, sie geht davon aus, dass der Heilige Geist in der Kirche als ganzer am Werke ist, auch wenn einzelne - Päpste zum Beispiel - durchaus daneben liegen können.

Ist dieser Papst ein Star? Insofern ein Star eine unverwechselbare Persönlichkeit repräsentiert ist Johannes Paul II. einer, und zwar bis an die Grenze des Erlaubten. Er führt sein Amt auf eine so unverwechselbare Weise, dass er ein Stück weit verbrannte Erde hinterlässt. Wer soll darauf folgen? Der nächste Papst wird ein Übergangspapst, darin sind sich die Kommentatoren einig.

Insofern ein Star aber schillert, das heißt, wie Georg Seeßlen es für den "Superstar" beschreibt (s. Freitag 4. 3. 2004), ein Wesen ist, das Gegensätze überstrahlt, Kategorien verflüssigt, Übergangswelten schafft, ist Johannes Paul II. nicht wirklich "Star". Er ist was er ist, und er ist auf erschreckende Weise eindeutig. Zwar wurden in seiner Amtszeit Galilei und Kopernikus rehabilitiert, die Lehre Darwins nicht mehr verworfen - immerhin. Johannes Paul II. hat nicht geschwiegen zum Schweigen der Kirche während des Faschismus, er war der erste Papst der eine Moschee betrat und hat den Dialog mit anderen Religionen gesucht. Aber gleichzeitig huldigt er dem Marienkult und Wunderglauben, er spricht von den "Ideologien des Bösen" im 20. Jahrhundert (Faschismus und Kommunismus), nennt - wenn auch anders als kolportiert - Holocaust und Abtreibung in einem Atemzug oder "Ehescheidung, die freie Liebe, die Abtreibung, die Empfängnisverhütung" - Binnendifferenzierung ist nicht erwünscht. Wenn´s hart auf hart kommt, muss der Papst - so geschehen 1995 - auch den Bischof von Evreux absetzen, weil der die Partnerschaft von Homosexuellen akzeptiert und den Zölibat kritisiert. So modern die Mittel sind, derer Johannes Paul II. sich bedient, so reaktionär ist seine Botschaft. Der Vatikan hat eben nicht nur eine Homepage, er hat seit 2001 auch einen Schutzpatron fürs Surfen: Isidor von Sevilla.

In dem gerade erschienenen Buch Erinnerung und Identität, das zum großen Teil auf Gesprächen aus dem Jahr 1993 basiert, plädiert der philosophierende Johannes Paul II. dafür, zum Denken des Thomas von Aquin zurückzukehren. So hanebüchen das zunächst klingen mag, in einigen Punkten trifft sich die päpstliche Aufklärungs- und Subjektkritik - wohl eher ungewollt - mit der Postmoderne. Im katholischen Irrationalismus und der kirchlichen Archaik bilden sich eigentümliche Überschneidungen mit vernunftskeptischen Theoriebildungen des späten 20. Jahrhunderts. Einziger Unterschied: beim Papst steht Gott hinter den Zeichen, bei der Postmoderne nichts. Für die Theorie diesseits des Jenseits scheint das kaum von Belang. An Wunder zu glauben oder an den Zufall, ist so unterschiedlich ja nicht.

Auffällig ist auch, dass Denker der Postmoderne, beispielsweise Gianni Vattimo, Slavoj Zizek, Alain Badiou, letztlich auch Jacques Derrida, sich zunehmend mit religiösen Stoffen befassten. Man wird ihren Themen, die einiges an metaphysischem Mehrwert versprechen, eine Konjunktur voraussagen können. Und umgekehrt - ketzerisch aber nicht ganz falsch - könnte man in der sprichwörtlichen Doppelzüngigkeit der katholischen Kirche eine rhetorische Technik wiedererkennen, ein "Sprechen als ob", das manche postmoderne Theorie zur Methode erhob. Meint die Kirche, was sie sagt? Welchen Status, welche Verbindlichkeit haben ihre Aussagen? Niemand befolgt ernsthaft die Weisungen des Papstes, denn sie entsprechen keiner Lebenspraxis. Darum kann er auch immer dasselbe wiederholen, es geht um den Schein. Bei ein bisschen aufgeklärterem Umgang damit, könnte man solch ein Vorgehen - frei nach Richard Rorty - ironisch nennen. Leider gängelt die Kirche, und das ist ihr Verbrechen, immer noch Menschen, die wirklich an das Wort glauben.

Zu einem Star wird der Papst gerade bei jenen, die nicht glauben. Seine Unnachgiebigkeit hat einen Reiz auch für konservative Romantiker wie Jan Ross, der mit seinem so vorzüglichen wie tendenziösen Buch eine Hagiographie des Johannes Paul II. als "Bollwerk des Eigensinns" verfasst hat. Ross findet, dass die "Papstgegner längst den Spießerkonsens" verkörpern, ihm geht es um das Widerstandspotenzial des Unzeitgemäßen. Hier, mit Verlaub, hört der Spaß auf. Was dieser Papst verkündet, ist nicht freiheitlich. Er meint eben doch, was er sagt, und was er sagt, ist verklemmt, reaktionär, dogmatisch, autoritär. Die nicht-ironische Idolisierung des Papstes geht fehl, weil sie so irdisch ist.


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00:00 11.03.2005

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