Der Himmel ist kein Dach

Draussen vor der Tür Obdachlos in Moskau - Asyle ohne Rückfahrkarte

Ljudmilla streckt den nackten Fuß über einer Plastikwanne. Krankenschwester Tatjana gießt eine hellgrüne Desinfektionsflüssigkeit über den kleinen Zeh, der vom Frost ganz schwarz ist. Dann verbindet sie das ganze Bein. Täglich leistet die Mitarbeiterin der Notambulanz von Ärzte ohne Grenzen am Kiewer Bahnhof erste Hilfe für Obdachlose in Moskau. Tatjana trägt eine Atemmaske, denn ein Drittel der Hilfesuchenden, das sind ehemalige Strafgefangene, von denen viele an Tuberkulose leiden. Diese Arztpraxis im Westen Moskaus ist die einzige Stelle, an der den Wohnungslosen ohne weitere Formalitäten geholfen wird.

"Ich heiße Meinander. Ich habe deutsche Vorfahren", erzählt Ljudmilla stolz und bewegt ihren Fuß. "Noch fühle ich etwas." Die 48-Jährige, die sich in ein dickes, braunes Wolltuch eingehüllt hat, lacht in einer Mischung aus Fatalismus und Lebenswillen. Die Ärztin Elmira Michailowa nimmt ihr das Lächeln sofort wieder, der Zeh müsse wahrscheinlich amputiert werden. Es sei aber sehr schwer, ein Hospital zu finden, das Obdachlose behandelt. "Wir geben Ihnen erst einmal Antibiotika und Vitamine, aber Sie müssen operiert werden, sonst droht eine Blutvergiftung."

Ja, sie trinke, räumt Ljudmilla widerstandslos auf die Frage der Ärztin ein. "Ich kann zur Zeit nur in einem Hauseingang schlafen, da ist es sehr kalt." Eine kleine Flasche billigen Wodka gibt es in Moskau schon für 20 Rubel. Der Alkohol wärmt zwar kurzzeitig den Körper, die Blutzirkulation in den Armen und Beinen aber lässt nach. So erfrieren Finger und Zehen. Ljudmilla zieht sich die nassen Stiefel wieder an und wartet draußen vor der Tür auf ihren Mann Schenja. Dabei tröpfelt wie von selbst eine Geschichte aus ihr heraus.

"Geboren wurde ich in Kiew. Geheiratet habe ich in einer Kirche in Sotschi am Schwarzen Meer. Anfang 1989 bin ich nach Tiraspol in Moldawien gezogen und habe später meine Wohnung dort für 15.000 Dollar verkauft. Die Makler schlugen vor, das Geschäft im Restaurant groß zu feiern. Drei Tage später fand man mich im Rinnstein und ausgeraubt." Aber nicht alle Menschen seien schlecht. Schon oft hätten ihr einfache Bürger alte Kleidung geschenkt. Schenja, ihr Mann, wird später erzählen, er arbeite manchmal auf einem Parkplatz, bürste Schnee von den Autos, kratze das Eis von den Scheiben. So verdiene er sich ein paar Rubel.

Alexej Nikoforow, der Leiter der Ambulanz, ist allerdings davon überzeugt, dass viele Obdachlose nicht ihre wirkliche Geschichte erzählen. "Sie meinen, mit der Wahrheit würden sie sich nur unnötig schaden. Deshalb spulen sie irgendeine Biographie herunter. Aber das nützt uns eben gar nichts, wenn es um Ausweispapiere geht. Da können wir ihnen nur helfen, wenn sie die Wahrheit sagen."

Die Notaufnahme von Ärzte ohne Grenzen ist für viele Obdachlose ein letztes Refugium. Die Erste-Hilfe-Wagen der großen Moskauer Krankenhäuser seien zwar verpflichtet auszurücken, wenn ihnen ein Notfall gemeldet werde. "Aber" - so Nikoforow - "sobald die Equipe eines Ambulanzwagens erkennt, dass es sich um einen Obdachlosen handelt, der noch dazu in einem schmutzigen und verwahrlosten Zustand ist, dann fahren sie einfach vorbei. Im Fahrtenbuch steht kurz und knapp: ›Anrufer nicht gefunden‹." Das sei wirklich unmenschlich.

Die Ärztin Elmira Michailowa wurde erst vor wenigen Tagen mit einem solchen Verhalten konfrontiert. Sie hatte in der Ambulanz zwei Obdachlose mit Erfrierungen vierten Grades und hohem Fieber behandelt. Von einem Krankenwagen wurden sie dann in eine Klinik gefahren, dort aber abgewiesen. "Man hätte ihre Füße amputieren müssen, weil sie sonst an Blutvergiftung sterben", meint die Ärztin. "Die beiden Männer sind bei uns nie wieder aufgetaucht. Wahrscheinlich sind sie schon tot ..."

Nach Angaben der Moskauer Innenbehörde gibt es in der Neun-Millionen-Stadt zur Zeit 100.000 Obdachlose. Im ganzen Land sind es nach Angaben der Russischen Akademie der Wissenschaften vier Millionen, die kein Dach über dem Kopf haben. Obdachlose sind arbeitsscheue, willenlose Trinker, herunter gekommene Subjekte, so das gängige Vorurteil. Für Alexej Nikoforow trifft das jedoch nur auf eine Minderheit zu. Großteils handle es sich bei den Unglücklichen um ehemalige Strafgefangene oder Menschen, die durch Betrügereien ihre Wohnungen verloren hätten. "Oft sind es auch Männer, die sich von ihren Frauen getrennt haben. Leute aus der Provinz, die in der Großstadt vergeblich Arbeit suchen. Oder denken Sie an ehemalige Wehrpflichtige, die ihre Wohnung eingebüßt haben."

In diesem Winter sind in der Hauptstadt bereits 310 Menschen erfroren. Bei leichtem Frost sterben in einer Moskauer Winternacht statistisch gesehen durchschnittlich zwei bis drei der Verlorenen in Kellern, Hausfluren, Parks, der Kanalisation oder in Abrisshäusern. Doch Mitte Januar, als das Thermometer auf minus 26 Grad absackte, erfroren in einer Nacht zehn Menschen. In den meisten Fällen keine Stadtstreicher, Prostituierte oder Straßenkinder. Die Nowaja Iswestija schreibt, die Hälfte der Toten dieser Nacht, das seien keine Obdachlosen, sondern Moskauer Bürger gewesen, die "es einfach nicht geschafft haben".

"Wenn jemand Diabetiker oder Epileptiker ist, wenn sich jemand schlecht fühlt und ausruhen muss - bei diesen Temperaturen erfriert man relativ einfach", meint Nikoforow. Um die Jahreswende, als drei Wochen lang ein Feiertag dem nächsten folgte, gab es fast täglich Anlass zum Trinken, viele waren noch spät in der Nacht unterwegs. Und spontane Hilfe kann in der rauen Metropole niemand erwarten. Journalisten der auflagenstarken Blätter Moskowskije Komsomolez und Komsomolskaja Prawda machten gerade ein aufschlussreiches Experiment. An belebten Plätzen legten sie sich in sauberer Kleidung auf eine Bank und suggerierten, eingeschlafen zu sein. Die Journalisten lagerten dort stundenlang, doch niemand interessierte sich für ihren Zustand. Selbst die Miliz reagierte nicht.

Nach den prompten, sensationsgeladenen Veröffentlichungen wies Bürgermeister Luschkow den staatlichen Erste-Hilfe-Dienst und die Polizeistreifen an, sich gegenüber Hilfsbedürftigen auf der Straße aufmerksamer zu verhalten. Die Obdachlosenheime wurden vergattert, entgegen der Regel, auch Nicht-Moskauer aufzunehmen, denn nur 15 Prozent der Obdachlosen Moskaus sind auch in der Stadt registriert. Ambulanz-Leiter Nikoforow merkt dazu lakonisch, ein Großteil der Notquartiere habe die Order des Bürgermeisters eiskalt ignoriert. Nachtasyle seien knapp geworden, Keller und Böden kaum mehr zugänglich.

Tatsächlich haben seit den Moskauer Wohnhausexplosionen vor anderthalb Jahren, denen über 300 Menschen zum Opfer fielen, fast alle Häuser elektronisch gesicherte Haustüren. Die Metro lässt nachts ihre Gitter herunter, auch die meisten Bahnhöfe schließen für ein paar Stunden.

Während Ärzte ohne Grenzen medizinische Hilfe leistet und mit einer Plakatkampagne verzweifelt gegen die Gleichgültigkeit ankämpft, helfen Kirchen und Heilsarmee mit Mahlzeiten. Die Stadt verstand es, das Ausmaß des Obdachlosenproblems jahrelang zu ignorieren. Doch inzwischen hat sich etwas getan. Neben einem der Moskauer Bahnhöfe, dem Kurskij Wogsal, wird jetzt ein Stützpunkt für die Obdachlosenhilfe gebaut. Während es Anfang der neunziger Jahre kein einziges Obdachlosenheim gab, existieren inzwischen immerhin acht für 1.500 Menschen.

Vor der Ambulanz wartet Ljudmilla noch immer auf ihren Mann. "Wollen Sie leben?" frage ich. "Ich will zu Jesus Christus. Wozu noch 20 Jahre aushalten. Ist das etwa Leben?" Als ihr Mann aus der Ambulanz stolpert, wendet sie sich ab. "Alles Gute, Good bye!" Arm in Arm trotten die beiden durch den Schnee und eine Moskauer Winternacht davon.

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00:00 25.01.2002

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