Der Hofstaat der Mitte

Ungleichheit Ohne die Hilfe einer neuen Diener-Klasse kämen viele selbsternannte Leistungsträger kaum zurecht
Der Hofstaat der Mitte
Unterbezahlte Hilfskräfte werden heute „Helpling“ genannt oder „TaskRabbit“

Foto: Michael Gottschalk/Getty Images

„We do chores, You live life“, wir machen die Hausarbeit, du lebst dein Leben: So wirbt die Service-Plattform TaskRabbit überall in New York für ihre Dienste. Heute New York, morgen 19 weitere Städte in den USA, übermorgen die halbe Welt, die Markteroberung muss schnell passieren, denn die Konkurrenz schläft nicht. Auch hierzulande nicht. Warum soll man sein Essen nur bei Lieferando bestellen, wenn es doch auch die Dienste dinnery und apetito gibt, nicht zu vergessen foodora oder deliveroo? Es sieht so aus, als wollten diese neuen Bequemlichkeitsanbieter ihre Alleinstellung durch besonders blöde Namen untermauern – was nicht funktioniert, wenn sich alle blöde Namen geben.

TaskRabbit leistet sich den Spaß, seine Mitarbeiter als Rabbits, als Aufgaben-Kaninchen zu bezeichnen. Den Erfolg des Unternehmens behindert das einstweilen nicht. Zu attraktiv erscheint die Option, sich mit der App von lästigen Hausaufgaben ganz einfach freizukaufen. Auf der Homepage des Unternehmens wird der Unterschied zwischen häuslichen Arbeiten und Leben genauer erläutert. Während jemand deine Regale montiert, hängst du mit deinen Kindern ab. Während jemand deine Einkäufe macht, läufst du im Park. Während jemand die Wände deiner Wohnung streicht, malst du ein Meisterwerk. Und während jemand deinen Müll einsammelt, widmest du dich deinem neuen Hobby. Das schöne Leben, das solche Angebote verheißen, passiert immer dann, wenn die Arbeit am häuslichen Krisenherd anderweitig erledigt wird.

Ein „Alfred“ kostet 32 Dollar

Wem die Heinzelmännchen von TaskRabbit noch nicht genug Bequemlichkeit spenden, der kann sich, jedenfalls in New York, auch an Alfred wenden. Alfred „ist ein automatischer Hands-off-Dienst, der ganz leise im Hintergrund deines Lebens summt – und dir erlaubt, es zu leben“. Schon ab 32 Dollar pro Woche kann man seinen persönlichen Alfred buchen. Der klassische Butlername Alfred suggeriert einen Hauch von alter Dienerherrlichkeit.

Für 32 Dollar kommt also ein Alfred in unser Haus und arbeitet unsere „To-do-Liste“ ab, Dinge, zu denen wir, warum auch immer, selbst nicht kommen. Als Kunde wird man Alfred selten oder gar nicht zu Gesicht bekommen. Alfred hat unseren Schlüssel und wir vertrauen ihm, weil seine Firma ihn von Grund auf durchleuchtet hat. Überhaupt nur drei Prozent der Bewerberinnen und Bewerber bestünden diesen Check, wird mitgeteilt. Man hat sich diesen neuen Typus von haushaltsnahem Dienstleister somit als Elite vorzustellen, leistungsfreudig, zuverlässig, ja getrieben von Idealismus und dem glühenden Wunsch, anderen das Leben zu erleichtern. „Meet the Alfreds“: Auf den Alfred-Seiten lernen wir etwa Eeva Marja aus Finnland kennen, die jetzt in Brooklyn wohnt. Sie hat einen Masterabschluss in Psychologie, arbeitet jetzt aber eben als Alfred und bezieht aus ihrem Job „die Befriedigung, den Alltag anderer Leute besser zu machen“.

Wenn man der Werbung glaubt, sind die neuen Butler fast schon eine Art Sozialarbeiter. Der Sozialfall sind hier Menschen mit hohem Einkommen und Leistungsidealen, die freilich das Hinaustragen des Mülls aus der eigenen Wohnung nicht einschließen. Auf den Seiten von Alfred berichten Kunden von ihrer „Alfred experience“. Die Berufe sprechen Bände: James arbeitet in der Sparte „Real Estate Finance“, Christina in einer Anwaltsfirma, Angelica ist „Capital Markets Associate“, und so fort. Alle haben sie sich für eine Art Hotelwohnen entschieden. Es ist diese leistungsfrohe, überstundenhungrige Klasse von jungen, ungebundenen Professionellen, die das neue Service-Wesen befördert. Nicht dass doppelverdienende Eltern mit Kindern keine Servicewünsche hätten, im Gegenteil. Aber diese Wünsche sind, vor allem wenn es um die Kinder geht, komplexer: Da geht es noch einmal ganz anders um Vertrauen und persönliche Beziehungen. Noch buchen wir den Babysitter nicht über eine App, aber der Tag ist vielleicht nicht fern.

Der Trumpf der neuen digitalen Entlastungsindustrie besteht nicht nur in der Entlastung von der Arbeit selbst – sondern in der Entlastung auch noch von der Anbahnung dieser Arbeit. Anders als in der Vorzeit, wo man sich mit dem Hauspersonal immer auch den Konflikt mit dem Hauspersonal mit ins Haus holte, ist hier alles vorab geklärt, vom Vertrauens-Check über die Qualifizierung bis zur Bezahlung. Eine wie auch immer geartete Nähe zwischen Kunden und Dienstleistern baut sich unter diesen Umständen nicht mehr auf und ist auch nicht erwünscht. Die neuen Dienstleisterinnen und Dienstleister sind Hausgeister geworden, die, für uns unsichtbar, in unseren Räumen nach unseren Wünschen unsere Arbeit tun.

Es müsste Politik und Gesellschaft erschrecken, dass haushaltsnahe Dienstleistungen, sowohl die herkömmlichen wie die neuen, plattformgetriebenen, eine der wenigen wirklichen Zukunftsbranchen unserer Tage sind. Wenn in Deutschland neue Jobs entstehen, dann bewegen diese sich zu 80 Prozent im Niedriglohnsektor, und davon wiederum ein großer Teil im haushaltsnahen Bereich. Das sind der polnische Pflegehelfer, die Putzfrau aus Bosnien, das Kindermädchen von den Philippinen, aber eben auch der Pizzafahrer aus Deutschland. Warten, Pflegen, Liefern, das ist ein Arbeitsmarkt mit goldener Zukunft. Meist schlecht bezahlt, oft unversichert, mal scheinselbstständig, mal als Minijob, frei von Aufstiegschancen und oft sogar vom Wunsch danach: Sehr viele Leute richten sich, offenbar mangels besserer Alternativen, in solchen Arbeitsverhältnissen dauerhaft ein, ohne Gewerkschaften und Tarifverträge. Und die Gewerkschaften tun sich schwer, in diesem wachsenden Segment Fuß zu fassen. Viele der Dienstleister legen wenig Wert darauf, abhängig Beschäftigte zu werden. Die klassischen Arbeitnehmerrechte und –pflichten passen kaum zu einem mobilen Lebensstil, bei dem „Migration“ sich zunehmend in „Zirkulation“ verwandelt und kein Land mehr eine feste Basis bildet, von der aus bürgerliche und Arbeitnehmerrechte geltend gemacht werden.

Jobs als Kaninchen gibt es viele

Folgt man den Untersuchungen der International Labour Organization (ILO) der Vereinten Nationen, lässt sich ein Anstieg in der Zahl häuslicher Dienstleisterinnen und Dienstleister weltweit verzeichnen. Domestic workers: Das sind Männer und Frauen, von denen manche sogar in den Haushalten ihrer Auftraggeber leben, nach dem Live-in-Prinzip, andere nicht. Menschen, die als Butler, Köche oder Gärtner den Hofstaat von Oligarchen oder Popstars bevölkern, die als Nannies, Haushälterinnen und Pflegerinnen Kinder und alte Leute betreuen, oder die als „Kontraktoren“ von Firmen wie Alfred oder TaskRabbit „zeitnah“ und „on demand“ Bequemlichkeitswünsche von gestressten Kunden erfüllen.

Nur ein Bruchteil dieser Dienstleister ist statistisch erfasst, nur ein Bruchteil würde angeben, „von Beruf“ etwa als Online-Butler zu arbeiten. Die Dunkelziffer der heutigen Haushaltshelfer übertrifft die offiziellen Zahlen um ein Vielfaches. Wer studiert, kann sich als Nannie oder Teilzeit-Kaninchen leicht etwas dazuverdienen; schwieriger wird es, wenn man mit 50 oder 60 allen Ambitionen abgeschworen hat und allein aus Geldnot immer noch putzen geht. Ein domestic worker zu sein ist für die meisten eine Falle, aus der man sich irgendwann nicht mehr befreien kann. Warum aber tappt man überhaupt in die Falle? Weil diese Jobs immer noch attraktiver sind als schwere körperliche Arbeit. Weil man in der Regel keine Ausbildung für sie braucht. Und weil es eben leicht ist, einen solchen Job zu finden. Der Arbeitsmarkt für Diener bemisst sich am Bedienungshunger der Kunden, und dieser ist größer denn je.

Grauzone der Bequemlichkeit

Man kann sich über all diese Tatsachen nicht genug wundern. Sind nicht Diener ein Phänomen aus der Vergangenheit, jedenfalls in den westlichen Ländern? Das Wort weckt nostalgische Empfindungen, wie sie heute von TV-Serien wie Downton Abbey bedient werden. Tatsächlich stand in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern das Dienerwesen vor dem Aussterben, wie Statistiken zeigen. Der bürgerliche Haushalt, ob in seiner klein- oder seiner gutbürgerlichen Variante, kam weithin ohne Diener aus. Neuartige Haushaltsgeräte machten es der sogenannten Hausfrau möglich, den dienerlosen Haushalt selbst zu bewältigen und in manchen Fällen sogar lieben zu lernen. Die Freude am Selbermachen (Backen, Stricken, Putzen) begann zu dominieren. Die Geräte spendeten Entlastung, freilich ohne dass deshalb die Arbeit unbedingt weniger wurde.

Familienpolitisch jedoch war die unbezahlte Vollzeitarbeit von Frauen im eigenen Haushalt irgendwann nicht mehr zu halten. Um 1960 herum begann die neue Ära der (mit)verdienenden, aber weiterhin dienerlosen Frau und Mutter, die auf diese Weise erste Erfahrungen im Vereinbarkeits-Management von Beruf und Familie sammelte. Schon gab es ein Vereinbarkeitsproblem – aber noch niemanden, auf dessen Rücken man es hätte lösen können. Erst die massenhafte Ankunft von Arbeitsmigrantinnen in Deutschland und anderswo hat zu Lösungen geführt, wenn auch regelmäßig zu Lasten anderer.

Das heute nicht nur bei Familien mit Kindern vorherrschende Gefühl, Stress zu haben und deshalb Dinge besser einfach zu delegieren, siedelt in der Grauzone zwischen Bequemlichkeit und Bedürftigkeit. Haushaltsnahe Dienstleistungen halten für beides Angebote bereit. Wer sich über Lieferando Chips und Bier für einen netten Fußballabend nach Hause kommen lässt, gehört eher in die Bequemlichkeitsklasse als einer, der nach einer Pflegekraft für die alternden Eltern sucht, die nicht ins Heim wollen. In beiden Fällen aber werden Leistungen in Anspruch genommen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit schlecht bezahlt sind und die zudem von Leuten erbracht werden, die, eben weil sie solche Dienstleistungen verrichten, niemals ein eigenes bequemes Leben haben werden. Es ist die Mittelklasse mit ihren von der Politik umworbenen „Leistungsträgern“, die heute das häusliche Service-Wesen befeuert. Familien, Singles, wer auch immer, nie fiel es ihnen leichter und nie war es vom Anbahnungsaufwand her unkomplizierter, Serviceleistungen zu buchen – und das fast ohne schlechtes Gewissen: Man hält sich ja nur ein bisschen „den Rücken frei“.

Christoph Bartmann ist für das Goethe-Institut in New York tätig. Kommende Woche erscheint sein Buch Die Rückkehr der Diener. Das neue Bürgertum und sein Personal (Hanser 2016, 288 S., 22 €)

06:00 07.09.2016

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