Der Hund

Kehrseite I Der Junge steht vor dem Antiquariat, neben ihm seine kleine Schwester. Beide starren auf den Hund. ...

Der Junge steht vor dem Antiquariat, neben ihm seine kleine Schwester. Beide starren auf den Hund.

"Ausgesetzt", sagt der Junge. "Aber er hat eine Marke, man kann rauskriegen,wo er herkommt. Man muss das nämlich rauskriegen. Man darf so einen Hund nicht einfach behalten." Das Leuchten in seinen Augen straft seine Worte Lügen. "Was ist eine Marke?" will die Schwester wissen, beeindruckt von den Kenntnissen ihres Bruders und ebenso augenleuchtend wie dieser.

"Das Blechding am Halsband. Das gelbe. Da steht drauf, ob er noch gültig ist. Ich guck mal nach."

Beherzt geht er einen Schritt auf den Hund zu, der ruhig sitzen bleibt.

"Karli!" Die Schwester stößt einen Schrei aus.

"Ich geh ja ganz langsam ..." Kurz vor dem Hund hockt er sich hin und ist nicht mehr viel größer als dieser. "Na?" sagt er und streckt ihm seine Kinderhand zum Beschnuppern hin. Sehnsucht nach Hundefell springt ihm aus den Fingerspitzen. Jahrelange Sehnsucht.

"Na du? Wie heißt du denn?"

Der Hund verrät es nicht, aber er schnuppert artig an der Hand. Der Junge ist entzückt. "Siehst du", sagt er zu seiner Schwester, "er mag mich."

Es ist ein alter Hund, sandgelb, mit nur einem Auge. Das andere ist zugenäht. An der schwarzen Schnauze zeigen sich schon viele graue Haare. Er sieht sehr freundlich und gelassen aus. Der Junge streichelt ihm den Hals. Nun traut sich die Schwester heran.

"Ist der schön!" sagt sie. "Wenn der keinem gehört, können wir ihn doch mitnehmen?"

"Wir haben ihn schließlich gefunden ..." träumt der Junge. Er nimmt die Marke in die Hand. "... 2005 steht drauf - er gilt also noch dieses Jahr."

"Und dann?"

"Dann muss man mit ihm zum Arzt, glaube ich."

Jetzt streicheln ihn beide Kinder. Der Hund legt sich auf den Rücken. Er hätte gern eine vierhändige Bauchmassage.

"Guck mal, er hat bestimmt Hunger", meint das Mädchen mitleidig und zieht einen Klumpen verklebter Gummibärchen aus der Hosentasche.

"Doch nicht so was! Wir müssen Hundefutter besorgen, Wurst und Knochen. Ich hab noch das Geld von Oma! Damit gehen wir zum Fleischer."

Der Gummibärchenklumpen, um ein paar Hundehaare bereichert, landet im Mädchenmund.

"Oh", sagt sie, "wär das schön! Ich würde ihn Morchen nennen."

"Morchen ist okay", entgegnet großzügig ihr Bruder und man sieht ihm an, wie er in Gedanken schon einen Hundeschlafplatz im Kinderzimmer herrichtet.

"Ob Mutti das erlaubt?" fragt das Mädchen.

"Schließlich haben wir ihn gefunden. Und er hat doch sonst keinen. Der braucht uns doch. Das versteht Mutti. Und sie würde ihn auch nicht ins Tierheim bringen. Das macht die nicht!"

Beide betrachten den Hund. Sie werden mit ihm über Wiesen rennen, Stöcke schmeißen, Bälle werfen. Im Sommer wird er am Badeufer warten. Sie werden ihn jeden Tag streicheln, morgens, mittags, abends, immerzu. Sie werden zu Hause auf dem Fußboden mit ihm toben. Und vor allem werden sie ihn rufen: "Morchen, Morchen! Komm! Komm her!" Und er wird wie der Blitz hinter ihnen herflitzen.

"Böse Menschen gibt es", sagt das Mädchen, "so einen lieben Hund wegzuschicken."

"Vielleicht ist er weggelaufen, weil er es nicht gut hatte", meint der Junge, "vielleicht haben sie ihn gehauen oder ihm nicht genug Futter gegeben."

"Bei uns hätte er es gut." - Da sind sie sich einig.

"Wir nehmen ihn mit!" Endlich hat der Bruder die erlösenden Worte ausgesprochen.

"Morchen!" ruft das Mädchen. "Morchen! Komm!"

Der Hund dreht sich gemütlich auf den Bauch zurück, setzt sich in aller Seelenruhe hin und schaut das Mädchen neugierig aus seinem einen Auge an.

"Komm Morchen!"

Jetzt legt der Hund den Kopf schief. Er bleibt sitzen.

"Wir brauchen eine Leine", stellt der Junge fest. Er sieht sich um. Und wirklich liegt unter den Baugerüsten ein paar Meter weiter ein kurzer Strick.

Als der Junge damit zurückkommt, tritt eine Frau aus dem Antiquariat. Der Hund wedelt sofort mit dem Schwanz, läuft freudig auf sie zu und springt an ihr hoch.

"Komm, Rico", sagt die Frau. Und dann geht sie, geht, als wäre das die normalste Sache der Welt, den Bürgersteig entlang, an den Kindern vorbei, am Baugerüst vorbei, weiter und immer weiter, mit dem Hund an ihrer Seite. Und die leuchtende Sehnsucht, die es schon bis in die Augen und Fingerspitzen geschafft hatte, muss sich wieder ins Herz zurückziehen.

Doris Bewernitz wurde 1960 in Mecklenburg geboren, sie schreibt Kurzgeschichten und Lyrik, die in zahlreichen Anthologien erschienen sind. Sie lebt in Berlin.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare