Der Hund im Beton

Dieses Haus! Es ist ein Schandfleck. Riesiges, betoniertes Versagen. Eine Investruine. Aber das Auge gewöhnt sich. Man übersieht es mit der Zeit, so ...

Dieses Haus! Es ist ein Schandfleck. Riesiges, betoniertes Versagen. Eine Investruine. Aber das Auge gewöhnt sich. Man übersieht es mit der Zeit, so unübersehbar es da steht: hohl und tot seit Jahren.

Ich nicht. Ich gewöhne mich nicht, denkt Nico. Mich fasziniert es. Neulich habe ich sogar davon geträumt. Ich bin ein Idiot. Mit diesem Gedanken überquert er die Straße. Geht über die Brücke. Den Blick hinauf zu der Ruine, die sein Arbeitsplatz ist. Ein Sprayer hat hoch oben ein paar Buchstaben geschrieben. HELV! Nicos Augen hatten, als er sich zum ersten Mal dem Gebäude näherte, einen Hilferuf gelesen, aber das war wohl nicht gemeint. Wie mochte der Typ da hinauf gelangt sein?

In der Sonne strahlt das Betongerippe weiß. Bei Regen scheint es unsichtbar zu werden.

Vor Jahren stand an der Stelle ein Flachbau. Es gab Kleintiere zu kaufen und Zierfische. Auf der S-Bahn-Brücke, über die Nico jetzt auf das Haus zu geht, hörte man Schweine quieken, der Zentralviehhof lag unten neben den Gleisen, und sein Gestank nebelte jeden ein, der auf einen der O-Busse wartete, die hier entlang fuhren. Das Gebiet stadtauswärts, der Fennpfuhl, war eine riesige Gartensiedlung. Die Stadt hörte sozusagen auf. Das ist eine Ewigkeit her.

Es ist Abend, und während alle ihre Autos über die Brücke nach Hause steuern, geht Nico zur Arbeit. In dieses Haus. In sein Spukschloss.

Alle Jahre wieder gerät es ins Gerede und in die Presse. Die Ruine sollte ein Handelszentrum werden. Der Investor zog sich zurück. Jetzt ist ein Hotel geplant. Wie lange schon? Die Wachschutzfirma, die es vor Eindringlingen sichert, verdient ohne viel Zutun Tag für Tag, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Da er nun einmal da ist, der rohe Klotz, denkt Nico, muss man ihn wohl oder übel akzeptieren, vielleicht sogar lieben eines Tages. Man könnte natürlich auch ein Gefängnis daraus bauen.

Plötzlich war die Spur aufgetaucht, gleich auf Nicos erstem Gang durch das leere Gebäude, er sah sie sofort: Sechs Pfotentapsen auf dem staubgrauen Boden, sechsfach Krallen und Sohle, Vorderläufe Hinterläufe, mitten in einem der zahllosen Gänge. Taps taps taps taps taps taps. Nicos Chef, der ihn herumführte und in den neuen Job einwies, schien die Spuren nicht zu bemerken oder kannte sie schon, achtlos ging er darüber weg. Wieso hatte ein Hund sich auf die Baustelle verirrt? Hatte ein Arbeiter ihn mitgebracht? Oder hatte sich ein streunender Köter eingeschlichen?

"Schlagen die Melder auch an, wenn sich mal ein Tier hier rumtreibt?"

"Nein, es muss eine aufgerichtete Gestalt sein. Manchmal, wenn zum Beispiel drei Tauben übereinander fliegen oder so, dann gibt es auch eine Meldung. Aber dann ist es nur eine vereinzelte, plötzlich irgendwo, ohne vorherige Eindringung. Und mit ein bisschen Erfahrung weiß man dann schon, dass es kein Mensch sein kann. Aber das werden Sie noch alles lernen." Sein Chef hatte tatsächlich "Eindringung" gesagt, und er sprach von "zielgenau orten" und "erfassen". Und er nahm so entsetzlich viel Rücksicht auf Nico, den Neuling. Dabei kannte der sich aus in Wachschutzdingen. Und während sein Chef vor Stolz auf das Überwachungssystem strahlte, dachte Nico nur: da hab ich schon Bessres gesehn!

Der Hund könnte also noch hier sein. Begraben in den Fundamenten? Vielleicht lebt er hier. "Also dann, morgen Nacht. Sie rufen drinnen an, dann öffnet Ihnen jemand. Die Nummer haben Sie? Viel Erfolg." - "Danke."

Nico arbeitet jetzt die vierte Woche hier, Nachtschicht für Nachtschicht. Ein streunender Hund ist ihm nicht begegnet. Wenn es ihn gibt, von dem er träumte, denkt Nico - er hatte von dem Haus, von dem Hund geträumt, wovon noch? - wenn ein Hund hier wirklich lebt, würde er ihn hecheln hören, so still ist es. Man hört die Tropfen des Schwitzwassers, das sich oben unter dem Dach sammelt, fallen, zehn Stockwerke tief, und aufschlagen wie kleine Geschosse.

Nico ist mit seinem Funkgerät unterwegs. Alle zwei Stunden macht er einen Gang durch das tote Haus, auch wenn seine Geräte keinen Vorfall melden. Wer, außer vielleicht einem, der einen Schlafplatz sucht, sollte hier rein wollen? Es ist ja alles nackt. Weniger noch: dem Haus fehlt das Haus. Es fehlt ihm die Haut, das bisschen Fell, das so ein Gerippe wohnlich oder zumindest annehmbar macht, ein Überzug aus Farbe und Bodenbelag und Tapeten und Teppich. Wo hatte er, überlegt Nico, während er durch die kahlen Gänge geht, wo hatte er das, wie war das mit der Erde, das muss in einem der Astronomiebücher gewesen sein, die er früher gern las. Was einem alles einfällt, wenn man so allein unterwegs ist. Die Erde trägt ja auch nur eine dünne Decke aus Mutterboden und Grün. Ein Grind, den man leicht abkratzt. Solche Gedanken ... - das Alleinsein macht einen ganz kirre.

Und Nico geht, das Funkgerät in der Hand, weiter seine Runde, und der Hund, der in diesem Labyrinth lebt, den kein Funkmelder erfasst, von dem er träumt, gesellt sich zu ihm. Läuft an seiner Seite, leckt ihm im Gehen die Hand. Und Nico fasst in sein warmes, strubbeliges Fell, so vertraut, als kennten sie sich.

00:00 05.09.2003

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