Der Hunter-Trip

Hin und wieder schreibt Helge Timmerberg unter Einfluss einer Droge – aber nie unter Einfluss aller Drogen auf einmal. Das konnte nur Hunter S. Thompson. Eine Begegnung

Leseprobe:

Kann ein Mensch, der Selbstmord begangen hat, Vorbild für mich sein? Falls Hunter sich die Kugel gab, weil er unheilbar krank gewesen ist, wäre das keine Frage. Aber wenn er es einfach nicht mehr geschafft hat, glücklich zu werden oder zumindest die Balance von Glück und Leid zu halten, wenn seine Art zu leben nicht die Weisheit erlangt hat, die das Alter akzeptiert, wenn seine Seele zu schwach war, den schwächer werdenden Körper zu tragen, und sein Geist zu sehr von Drogen durchsiebt, um noch etwas Vernünftiges zu schreiben, wenn er gegen Windmühlen kämpfte, wenn er den Verlust der Potenz mit dem Verlust der Männlichkeit gleichsetzte, wenn er keine Nacht mehr nüchtern einschlief, wenn er den Mann verachtete, den er im Spiegel sah, wenn also einer der größten Schreiber des vergangenen Jahrhunderts und einer der wildesten Journalisten aller Zeiten sich das Gehirn wegschoß, weil er als Verlierer zu enden drohte, lautet die Antwort auf meine Frage eindeutig: nein. Hunter S. Thompson kann kein Vorbild für mich sein.

Es gibt noch eine andere Theorie. Er war ein Waffennarr, er war ein Spieler, er war ein Trinker, er war es gewohnt, mit Johnnie Walker über Grenzen zu gehen. Und er war schwer Kick-süchtig. Er brauchte täglich einen. Einem Adrenalin-Junkie wie ihm wäre es durchaus zuzutrauen, daß er jede Nacht auf seiner Terrasse Russisches Roulette gespielt hat. Dann wäre es kein Selbstmord gewesen, sondern ein Unfall. Und ich würde hier eine andere Frage sehen: Wäre der Unterschied zwischen lebensmüde und lebensverachtend wirklich so groß, um jetzt das „Nein” zu Hunters Vorbildfunktion zu revidieren?

Mir persönlich würde folgende Version am besten gefallen: Hunter war unheilbar krank und hat jede Nacht dem Russischen Roulette die Chance gegeben, das Leid abzukürzen. Nur eine Kugel im Trommelrevolver ist eine Chance von fünf zu eins. Das kann ich akzeptieren, das sehe ich ein. So viel Desperado muß sein, um vor der Diktatur des Schicksals nicht völlig das Gesicht zu verlieren...

© 2010 by Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin

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Der Jesus vom Sexshop
Stories von unterwegs
Helge Timmerberg

Rowohlt Berlin
304 S., 18,95

Helge Timmerberg, geboren 1952 in Dorfitter (Hessen), ist Abenteurer, Journalist und Reiseschriftsteller. Er schreibt Reportagen aus allen Teilen der Welt, unter anderem für Stern, Die Zeit, Merian und Playboy. Sibylle Berg über ihn: Den ersten richtig großen und tiefen Neid empfand ich, als ich Helge Timmerberg kennenlernte. Er war in meiner Generation der beste Schreiber Deutschlands und der freieste Mensch, den ich jemals getroffen habe.

Das Buch ist am 12. März 2010 erschienen

21:15 23.03.2010

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