Der Imam krächzt aus dem Lautsprecher

Spanien Der einstige Popstar Antonio Romero ist vor Jahren zum Islam konvertiert, heißt nun Abd As-Samad, züchtet Oliven und gründete in Andalusien ein Zentrum der Begegnung

Mit ausgebreiteten Armen kommt der Imam auf mich zu. Er nimmt meine Rechte in seine großen, weichen Hände und lacht das dunkle, herzliche Lachen, das ich schon kenne: „Good morning, where had you been?“ Er lässt meine Hand wieder los und fasst mich um die Schulter.

Der große, füllige Ägypter hatte am Tag zuvor neben mir am Mittagstisch gesessen. Es war kühl im Raum, er trug einen Parka aus hellbraunem Wildleder und einen schwarzen Rollkragenpullover zu Brille und Vollbart. Er verwickelte mich schnell und geschickt in ein Gespräch über Gott und die Welt, die Toleranz und die Achtung voreinander. Dass er der Imam war, wusste ich zunächst nicht. Von der Stirnseite des Restaurants, nur drei Stühle entfernt, sah ich Antonio Romero lächeln – kaum merklich. So begann mein Besuch in der Alquería de Rosales, einem islamischen Zentrum unter „echten“ und konvertierten Muslimen mitten im katholischen Spanien.

Kalifen und Emire

Am Tag darauf fahre ich mit Josefa, Antonios Frau, ins Dorf. Sie braucht ein paar Dinge, die der Garten im Winter nicht hergibt, für Salate und die Obst-Tafel. Am Ortseingang streift sie sich die Mütze vom Kopf und schüttelt ihr Haar glatt. „Ich mache das immer, wenn ich ins Dorf gehe. Die Leute hier respektieren uns, und dass ich meine Kopfbedeckung abnehme, ist eine Art von Respekt, den ich ihnen entgegen bringe.“

Antonio Romero und Josefa sind hier geboren. Puebla de Don Fadrique ist ein Dorf mit weniger als 3.000 Einwohnern, aber bewegter Geschichte. Von einer Tafel, die an ihrer Kirche angebracht ist, lassen sie Jesus drohen: „Ich werde Spanien erobern.“

Fast 800 Jahre lang hatten Kalifen und Emire den Süden der Iberischen Halbinsel beherrscht und Städte wie Cordoba, Granada und Sevilla zu kulturellen Zentren der gesamten islamischen Welt gemacht, wozu die in Spanien ansässigen Juden mit ihrem Wissen und ihrer Gelehrsamkeit das Ihre taten – bis die Reconquista dieses Goldene Zeitalter von Al-Andalus beendete.

Die Einwohner von Puebla de Don Fadrique sind Nachfahren der katholischen Zuwanderer aus Navarro, die nach der Vertreibung von Moslems und Juden gegen Ende des 15. Jahrhunderts hierher kamen. Sie brachten nicht nur eine völlig andere Kultur in den andalusischen Süden, sondern auch die Erinnerung an Nunilón und Alodía, zwei katholische Damen, die einst für ihren Glauben den Märtyrertod starben. Bis heute werden sie als Heilige verehrt, in ihrer eigenen Kapelle am Fuße des Berges Sagra. Ob der Ort mit Bedacht gewählt wurde, ist nicht überliefert, auf jeden Fall hat er Symbolkraft: Sagra ist ein arabisches Wort und bedeutet Grenze – zu Zeiten von Al-Andalus war damit auch die zwischen Islam und Christentum gemeint.

Auf dem Rückweg zur Hazienda schimmern die Gipfel des Sagra weiß durch die Bäume, während in der Ebene die Minarette der Moschee wie eine Fata Morgana in den Blick geraten. „Hier war es“, sagt Josefa plötzlich, und ihre Stimme zittert. „Sie kamen von einer Reise nach Malta zurück, mein Mann und unser zweitältester Sohn, er war 13 damals. Ausgerechnet hier, nur noch ein paar hundert Meter von unserem Haus entfernt, passierte es: Ein anderes Auto kam ihnen entgegen, Antonio konnte nicht mehr ausweichen. Rafael kam durch den Zusammenstoß ums Leben – das ist keine vier Jahre her.“ – Josefa schweigt, bis wir das Tor zur Alquería de Rosales passiert haben. „Ich weiß nicht, ob wir das ohne unseren Glauben durchgestanden hätten.“.

Im Comedor setze ich mich zu einem Paar aus Mauretanien, das die in London, studierende Tochter besucht hat, und nun gemeinsam mit ihr die historische Pracht von Al-Andalus kennenlernen will – Cordoba, Granada, Sevilla und Malaga. Noch wichtiger scheint den Gästen der Alquería die Begegnung zu sein. Wir trinken marokkanischen Pfefferminztee und reden über eine Stunde miteinander. Nirgendwo auf meinen Reisen waren bisher Kontakte so einfach, Gespräche so anregend. Niemanden interessierte, dass ich keine Muslimin bin.

„Genau darum geht es“, meint Antonio Romero, als ich nach dem Mittagessen bei ihm sitze. „Wir sind offen für alle, jeder kann kommen, der sich für Koexistenz von Kulturen und Religionen erwärmt.“ Er kenne sich aus mit den Konfessionen, die eigene Familienchronik verzeichne Missionare und Nonnen. Er stehe dem Christentum eher skeptisch gegenüber: „Zu viel Blut ist im Namen der Kirche geflossen, zu unheilvoll war sie in Spanien als Institution. Und das über Jahrhunderte hinweg, auch ihre Nähe zu Franco war fatal.“

In der Schulzeit tanzt Antonio in einer Folkloregruppe, entdeckt die Liebe zur Musik und zu Josefa, auch die Lust auf Rebellion und Freiheit und kommt unter Franco ins Gefängnis. Als er wieder auf freiem Fuß ist, geht er mit Josefa in die Vereinigten Staaten, gerät über New York nach San Francisco, damals eine Hochburg der Hippies. Antonio wird bald zum Geheimtipp der Szene. Musiker wie Joan Baez oder Creedence Clearwater Revival verdanken ihm mehrere Arrangements. Zurück in Spanien tourt Antonio Romero als Pop-Star mit seiner Band Triana durchs Land.

Auf Andalusien folgen bald Marokko, Tunesien, Algerien. Er trifft Nachfahren der einst aus Spanien vertriebenen Andalusier, sammelt ihre Musik, lebt mit ihnen. Und findet zu Gott: „Es war in Marokko, am Rande einer Moschee. Dort ist es üblich, dass die Gläubigen zum Ende des Gebets einen Kreis bilden und aus dem Koran zitieren. Ich stand auf dem Vorplatz, die Stimmen drangen bis nach draußen. Es traf mich direkt ins Herz, ich begann zu weinen und konnte stundenlang nicht aufhören, fühlte mich glücklich und befreit.“

Antonio Romero konvertiert zum Islam, wie nicht wenige seiner Landsleute in den achtziger Jahren, was im erzkonservativen, postfranquistischen Spanien Skandale heraufbeschwören kann. Die neuen Muslime werden angegriffen und diffamiert, über den einst berühmten Popstar Antonio Romero, der jetzt Abd As-Samad heißt, fällt die Presse her. Um so mehr wird die islamische Welt auf ihn aufmerksam. Die saudische Botschaft in Madrid schlägt ihm Studien an der Universität von Mekka vor.

Also bricht er mit seiner Frau Josefa-Maimuna und dem ersten Sohn David auf. Das Ehepaar studiert Arabisch und Islamische Theologie, Antonio promoviert, lehrt in Riad Soziologie, begegnet vielen Muslimen aus der westlichen Welt und großen islamischen Gelehrten. „Aber mein spirituelles Verständnis vom Islam kollidierte bald mit dem in Saudi-Arabien. Als das ruchbar wurde, war ich nicht mehr erwünscht ...“

Die Stimme des Imam krächzt aus dem Lautsprecher und durch den Ort. „Es ist soweit“, sagt Antonio. „Mein Sohn David hat die Technik auf dem Minarett installiert, damit sich niemand mehr beschweren kann, er hätte den Muezzin nicht gehört“.

Antonio Romero, Popstar und islamischer Gelehrter, eher Beobachter als Akteur, jemand, der sich Vertrauen erwirbt durch vorsichtige Zurückhaltung. Er gehört dem Obersten Rat ISESCO an, der internationalen Islamischen Organisation für Bildung und Kultur, vertritt die westlichen Muslime. Wo der interreligiöse Dialog versucht wird, ist Abd As-Samad zu finden.

Radikalität und Alkohol

Seine Tochter Ada zeigt mir das Gelände von Alquería de Rosales. „Die Hazienda gehört der Familie meines Vaters. Als wir aus Riad zurückkehrten, begannen meine Eltern, das Zentrum aufzubauen. Die Landschaft ist fruchtbar, hier wachsen die besten Oliven in ganz Spanien. Mein Vater hat angefangen, ökologisch anzubauen. Beinahe eine Revolution in den neunziger Jahren. Jetzt sind die andalusischen Landwirte ganz weit vorn, immer mehr betreiben ökologischen Anbau. Meinen Vater haben sie zum Vorsitzenden ihres Verbandes gewählt.“ Ada zeigt mir die Wasserhöhle auf dem Gelände der Hazienda, ohne die es keine Pflanze gäbe. Alles, was im Comedor auf den Tisch kommt, stammt von den Feldern der Hacienda. „Mein Vater liebt dieses Land. Mit all der Arbeit, die er hier leistet, lebt er seinen Glauben.“

Ada – oder Adiba – eine temperamentvolle junge Frau um die 30, ist in Saudi-Arabien aufgewachsen. Sie war viel unter Frauen, hat dem Austausch von Kuchenrezepten ebenso zugehört wie philosophischen Gesprächen. „Das vermisse ich in Spanien. Hier haben Frauen doch sehr andere Interessen.“

Ada ist mit einem Mann aus dem Dorf verheiratet. Sie wollte ihn und keinen anderen. Der gläubige Christ ist wegen seiner muslimischen Frau konvertiert, keine einfache Angelegenheit für alle Beteiligten, aber in dieser Gegend vielleicht leichter als anderswo in Spanien. Ada führt mit ihrem Vater zusammen das Zentrum, ihr Mann ist die handwerkliche Seele des Unternehmens.

„Wir haben gelernt“, sagt Ada, „uns zwischen beiden Kulturen zu bewegen, es ist Teil unserer Geschichte und sollte Teil unseres Lebens sein. Ja, wir lehren den Koran, wir vermitteln den Islam, aber den moderaten, den toleranten, der zum Dialog und zur Kommunikation auffordert, der sich der arabisch-islamischen Kultur ergibt und an die Ära von Al-Andalus erinnert. Unsere Türen stehen offen, du hast es selbst gesehen, jeder ist erwünscht, ob religiös oder nicht, ob mit oder ohne Kopfbedeckung. Verboten sind eigentlich nur zwei Dinge: Radikalität und Alkohol.“

Es ist Freitag. Aus dem Dorf kommen katholische Freunde als Gäste des Mittagsgebets. Wir Nicht-Muslime sitzen auf Teppichen und Kissen, abseits der anderen. Josefa hat dicke Decken verteilt, es ist noch sehr kalt in der Moschee. Eine pakistanische Familie konnte sich die besten Plätze sichern, und hinten, fast ein bisschen vereinsamt, entdecke ich Antonio Romero.

Später sitzen wir im Comedor lange beim Essen, es wird geredet und gelacht. Berührungsängste oder gar Islamophobie gibt es hier nicht. Die Leute kennen Antonio von Kindesbeinen an, das islamische Zentrum beunruhigt niemanden. Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in das New Yorker World Trade Center krachten, war das Gebetshaus gerade im Bau. Die Katholiken des Dorfes bildeten Volkspatrouillen, wie sie es selbst nannten, und bewachten die halbfertige Moschee ein paar Nächte lang, bis sich die erhitzten Gemüter wieder beruhigt hatten. Nicht alle Spanier sind so entspannt und tolerant wie die Katholiken von Puebla de Don Fadrique, die einen Moslem zum Vizebürgermeister gewählt haben.

Nach dem Essen nehmen die Männer einen Kaffee an der kleinen Bar. Ada führt mich in die Seminarräume und die Zimmer, die bald ausgebucht sein werden. In ein paar Wochen beginnt die Saison mit Arabisch-Kursen und Kunst-Seminaren. Und zwischendurch kommen die Leute aus dem Dorf an den Wochenenden, um zu reiten oder arabisch zu essen.

Ich sitze ein letztes Mal Antonio in seinem Büro gegenüber. „Hattest du den Eindruck, dass dich jemand missionieren will,“ fragt er. „Nicht, dass es verboten wäre, aber es ist nicht gut angesehen im Islam. Jeder soll glauben, woran er will. Ich setze auf gute Beziehungen zum Priester von Puebla de Don Fadrique, auch wenn er nicht versteht, warum ich mich auf der Suche nach Gott für den Islam entschieden habe.“

Zum Abschied erzählt mir Antonio Romero, wie er unter schwierigsten Bedingungen während des Krieges in Bosnien zusammen mit der jüdischen Gemeinde von Sarajevo für humanitäre Hilfe gesorgt habe. „Damals gab es ein ähnliches Gefühl wie an jenem Tag in Marokko. Du erinnerst dich? Es ging um Leute, die nach dem Gebet einen Kreis bilden und aus dem Koran zitieren.“

Alquería de Rosales ist eine muslimische Gemeinde. Sie basiert auf den Werten und der Kultur der klassischen, spirituellen Anschauung, wie sie der Islam vertritt, siehe: al-madrasa.com

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13:15 21.02.2010

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