Der Impuls zum Widerspruch

Im Kino "Der Kreis" von Jafar Panahi zeigt die schwierige Lage der Frauen in Iran - Wie man einordnet, was man sieht, ist nicht zuletzte eine Frage von Außen- oder Binnenperspektive

Das ist aber bitter" und "bei uns in Iran herrschen eigentlich doch die Frauen". Das spiegelt so ungefähr die Bandbreite der Kommentare wieder, die nach dem Kino von Iranern zu hören waren. Ja, Jafar Panahis Film Der Kreis ist wirklich bitter. Er zeigt Frauenschicksale. Drei Frauen nutzen ihren Hafturlaub, um zu fliehen. Eine will ein Kind abtreiben, im fünften Monat; der Vater, so gesteht sie einer Freundin, sei exekutiert worden. Auf der Suche nach einem Arzt, der die Abtreibung vornimmt, trifft sie auf eine Frau, die dabei ist, ihr Kind auszusetzen. Ein süßes dreijähriges Mädchen im Ausgehkleid steht da am Straßenrand und weint nach seiner Mutter. Nicht, dass die Mutter schlecht wäre. Das wäre schon bitter genug. Die Mutter will das Beste für ihr Kind, sieht keine andere Möglichkeit mehr. Sie will ihrem Kind eine bessere Zukunft ermöglichen, eine Zukunft, die sie selbst dem Kind, das keinen Vater hat, als Prostituierte nicht geben kann. Das ist richtig bitter. Und kein Iraner möchte so etwas sehen, schon gar nicht im Exil. Er geht ins Kino, um ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen. Schon gar nicht möchte er, dass Nicht-Iraner so etwas sehen. "Was werden die Deutschen nun von uns denken." Auch das war ein Kommentar, der fiel. Nun denken Deutsche im Allgemeinen sowieso nicht besonders gut von Iranern, schon gar nicht in diesen Tagen, in denen Muslime mit Fanatikern gleich gesetzt werden.

Auch der genannte zweite Kommentar hat seine Berechtigung: "Bei uns in Iran herrschen aber doch die Frauen". Natürlich herrschen bei uns in Iran nicht die Frauen. Der Satz erfolgt reflexartig, wenn Iraner auf die Situation der Frauen in Iran angesprochen werden. Er soll zum Ausdruck bringen: "Es ist nicht so, wie ihr denkt." Es ist eben nicht so, dass jede Iranerin eine stimmenlose Dienerin der Ajatollahs und der Männer im Allgemeinen ist, dass sie nicht geehrt wird, keinerlei Rechte hat, im öffentlichen Leben nicht vorhanden ist. Nein, so ist es nicht. An der Universität Teheran studieren mehr Frauen als Männer, es gibt in Iran Bürgermeisterinnen und Parlamentsabgeordnete, Anwältinnen, die für mehr Rechte streiten. Es gibt eine lebhafte Debatte über Gleichberechtigung in Zeitschriften, die von Frauen für Frauen gemacht werden und ab und an bewegt sich tatsächlich etwas. Da wird beispielsweise - nach langem Kampf, aber immerhin - das Gesetz geändert, dass es Frauen verbietet, Richter zu werden.

Bedrückend an Panahis Film ist wohl vor allem, dass die Frauen, die er zeigt, zwar stark, aber ohnmächtig sind. Es gibt einen anderen Film, eine Dokumentation, die in einem Gerichtssaal spielt, und das iranische Scheidungsrecht thematisiert. Scheidung auf iranisch zeigt die Realität, eine grausame Realität, in der ab einem bestimmten Alter die Kinder automatisch dem Manne zugesprochen werden, in der die Frau nicht einmal ein Recht auf Scheidung hat. Aber dennoch bleibt bei diesem Film nicht dieser Eindruck von Ohnmacht zurück. Dieser Film zeigt Frauen, die kämpfen, die vielleicht auch den einen oder anderen Erfolg erringen.

All das zeigt Panahi nicht. Muss er auch nicht, denn auch das, was er zeigt, ist Realität und die muss man ertragen können. Er zeigt, was es auch bedeuten kann, Frau zu sein in Iran. Er zeigt eben etwas, das richtig bitter ist. Doch die Sorge der iranischen Kinozuschauer, was die Deutschen nun über uns denken werden, ist so unberechtigt nicht. Wir wissen ja, es gibt auch noch diese anderen erfolgreichen, kämpferischen Frauen. Aber weiß das auch der deutsche Zuschauer? Ist dessen Bild nicht allzu sehr von Betty Mahmoodys sehr einseitiger und stereotyper Darstellung in Buch und Film Nicht ohne meine Tochter geprägt? Als Iraner sieht man einen Film wie Der Kreis anders und versteht ihn anders. Als Iraner weiß man beispielsweise, dass es kein offizielles Verbot für Frauen gibt, auf der Straße zu rauchen - was der Film suggeriert. Dennoch ist das Rauchen in den unteren Schichten der Gesellschaft und in den ärmeren Stadtteilen extrem schlecht angesehen. Und in diesem Teil der Stadt Teheran und in dieser Gesellschaftsschicht spielt eben Panahis Film. Nicht einmal hier wird eine Frau verhaftet, wenn sie trotzdem auf der Straße raucht, aber sie wird sicherlich von irgendwelchen Leuten angepöbelt. Im Norden Teherans sieht das ganz anders aus. Hier sitzen Frauen durchaus im Café und rauchen. Ob rauchende Frauen nun diskriminiert werden oder nicht, hat in jedem Fall wenig mit dem iranischen Rechtssystem zu tun. Die Diskriminierung geht von manchen Schichten der Bevölkerung aus. Dinge wie diese möchte man als Iraner einem deutschen Publikum erklären, möchte sagen, dass sie hinterfragt werden, dass einiges im Gange ist. Deshalb ist man zwar einerseits von solchen Geschichten tief betroffen, hat aber andererseits auch den Impuls zu sagen: "Es ist doch nicht nur so."

Solch einen Impuls hat man natürlich nur als Iraner im Ausland. Als Iraner in Iran, der diesen Film sieht, denkt man: Gut, dass all dies endlich einmal gezeigt wird. Denn, dass es Prostitution gibt, obwohl sie in Iran strengstens verboten ist und immer klein geredet wird, weiß jeder. Wer wüsste nicht, dass selbst in Familien, in denen der Mann einen Job hat, die Frauen "dazu verdienen" müssen, weil die wirtschaftliche Not so groß geworden ist, dass ein Job nicht reicht, eine Familie zu ernähren. Wer wüsste nicht, dass es Frauen gibt, die ihre kleinen Kinder sogar zu ihren Freiern mitnehmen, weil sie dann weniger auffallen. Und noch etwas anderes zeigt Panahi auf bestürzende Weise: Bestraft wird nur die Hure, nicht der Mann, der zu ihr geht.

Dass diese Frauen etwas anderes als die Verurteilung verdienen, die die iranische Staatsideologie praktiziert, sollte endlich einmal ein Film als Thema aufgreifen. An die zwanzig Prostituierte sind in den vergangenen Monaten in Iran Mordanschlägen zum Opfer gefallen. Der Fall ist inzwischen aufgeklärt. Sie wurden von einem Mann getötet, dessen Frau einmal von einem Freier für eine Prostituierte gehalten und gefragt wurde, ob sie nicht in sein Auto einsteigen möchte. Eine vergleichsweise harmlose und höfliche Anmache zwar, aber deswegen wollte ihr Ehemann das Phänomen Prostitution insgesamt beseitigen. Der Mann wird verurteilt werden, aber in der konservativen Presse und bei den Freitagspredigten, die von Konservativen geleitet werden, gab es zahlreiche Sympathiebekundungen für den Mörder. Die Frauen gelten diesen Sympathisanten als verabscheuungswürdig und unmoralisch, nicht der Verbrecher. Es sind nicht wenige, die so denken. Deshalb ist Panahis Film - abgesehen von seiner filmerischen Qualität, über die sich ja die Jury in Venedig einig war - immens wichtig. Es wundert nicht wenig, dass dieser Film überhaupt eine Drehgenehmigung bekommen hat. Zwar gab es auch schon vor dem Amtsantritt des moderaten Präsidenten Mohammad Chatami im August 1997 sozial- und gesellschaftskritische Filme, so ist es auch wieder nicht. Wenn sich das Klima für Filmemacher auch verbessert hat, Abbas Kiarostamis völlig unkritische Filme waren ja nicht das einzige, was das iranische Kino in den Jahren vor Chatami hervorgebracht hat. Mohsen Makhmalbaf beispielsweise hat schon vor vielen Jahren das Thema Krieg und Propaganda in einem seiner Filme sehr kritisch beleuchtet. Aber Panahi testet die Toleranzgrenze der iranischen Zensur wirklich. Jahrelang hieß es in Iran, es gebe überhaupt keine Prostitution. Was wir verboten haben, das darf es auch nicht geben, dachten die iranischen Konservativen wohl. Von dieser Idee haben sie sich inzwischen verabschiedet. Aber dass jemand Sympathie zeigt mit einer Prostituierten, sie, obwohl sie ihr Kind aussetzt, nicht einmal verteufelt, zugibt, dass jemand ungewollt und ohne einen Vater für das Kind zu haben, schwanger werden kann, all dass ist schon ziemlich harter Tobak. In Iran übrigens zeigt das Publikum weit mehr Interesse für solche kritischen Filme als für die Filme, die hier in Europa immer wegen ihrer Poetik hochgelobt werden. Und deshalb müssen nicht zuletzt wir Auslandsiraner es ertragen können, auch wenn es bitter ist und nur einen Teil der Realität abbildet.

Katajun Amirpurs Vater kommt aus Iran. Sie selbst ist promovierte Iranistin.

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00:00 21.09.2001

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