Der indische Albtraum

Serie „Der weiße Tiger“ zeigt Aufstieg als Schulung in kapitalistischer Amoral

An Lust auf Sticheleien mangelt es Ramin Bahranis Der weiße Tiger nicht. Eines der Ziele ist ein anderer Film: Danny Boyles achtfach oscarprämierter Slumdog Millionär. Es braucht nicht viel Fantasie, um die Roman-Adaptionen, die beide von einer Aufstiegsgeschichte erzählen, als kinematografisches Yin und Yang zu betrachten. Denn wo Boyles rasant montierter Film als indisches „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Märchen daherkam, ist Bahranis Netflix-Produktion ein zynisches Antimärchen.

Der Held Balram (Adarsh Gourav) führt als Erzähler selbst durch seine Geschichte. In Bangalore, dem indischen Silicon Valley, mit geschniegelten Haaren und Designerhemd rauchend an einem gewaltigen Schreibtisch sitzend, schreibt er dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, der bald bei einem Indien-Besuch aufstrebende Unternehmer treffen will, eine Mail. Inhalt: sein Leben, von der ärmlichen Kindheit im Dorf, dem Tod des Vaters über seine Anstellung als Fahrer von Ashok (Rajkummar Rao), dem Sohn des reichen „Storchs“ (Mahesh Manjrekar), bis hin zu seinem „Erfolg“ als Geschäftsmann.

Welche Möglichkeiten hat jemand, der als Diener in ein ausbeuterisches System hineingeboren wird, in jenem gesellschaftlichen Hühnerkäfig, der den Film als vielleicht zu oft bemühte, aber treffende Metapher begleitet? Die Antwort darauf ist so bissig und zynisch, dass Balrams übergriffige Oma, die sein gesamtes Erspartes abzapfen und ihn zwangsverheiraten möchte, noch als das kleinste Problem erscheint.

Was poppig und flott geschnitten zum Kopfnicker-Song Galvanize der Chemical Brothers beginnt, bekommt schnell eine bitterböse Schlagseite. Mit der Anstellung als Fahrer für den gerade mit seiner Frau Pinky (Priyanka Chopra-Jonas) aus Amerika in die Heimat zurückgekehrten Ashok gerät Balram erst recht in die systemischen Mühlen: die Erniedrigungen durch den „Storch“, die zwischen Freundschaft und Ablehnung lavierende Beziehung zu dessen Sohn Ashok und schließlich der Negativhöhepunkt, als Balram für einen fahrlässigen Unfall, den er nicht begangen hat, herhalten soll. Wer das alles wegstecken muss und dabei „etwas werden will“, wie es so schön heißt, der muss eigene Mittel und Wege finden. Es ist auch eine Schule in Sachen großkapitalistischer Amoral, die Balram in Der weiße Tiger durchläuft, inklusive Ellenbogenmentalität gegen den muslimischen Chefchauffeur.

Der weiße Tiger zeichnet so das Psychogramm eines Antihelden, der, um herauszukommen aus dem „Hühnerkäfig“, über jeden moralischen Schatten springt. Man müsse, um in Indien den Aufstieg zu schaffen, entweder Krimineller oder Politiker werden, sagt Balram einmal. Er ist vielleicht kein von Grund auf schlechter Mensch; in der Ambivalenz, in die ihn das kaputte System drängt, liegt ein großer und bitterer Reiz des Films.

Bahrani teilt im Weißen Tiger mit viel schwarzem Humor aus: gegen Indiens Kastensystem, das, so Balram, nur noch aus zwei Seiten, nämlich den Dickbäuchigen und allen anderen, bestehe, gegen eine korrupte Politik und die perfiden Spielregeln des globalisierten Kapitalismus. „In dem Augenblick, in dem du erkennst, was schön ist in der Welt, bist du nicht länger ein Sklave“, zitiert Balram einmal den Dichter Muhammad Iqbal. Was er für seine Freiheit tun muss, geht auf keine Kuhhaut.

Info

Der weißte Tiger Ramin Bahrani Indien/USA 2021, 125 Minuten, Netflix

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