Der indiskrete Charme schmucker Uniformen

NAZIS AUF DER BÜHNE UND IM FILM Ob im Westen oder Osten, am Ende wird gelacht

In New York macht gerade die Bühnenversion des über dreißig Jahre alten Films The Producers (Frühling für Hitler) von Mel Brooks Furore. Lange hat dort kein Musical mehr so "eingeschlagen": Rekord-Tageserlöse von drei Millionen Dollar und 300 Meter lange Schlangen vor den Kassen trotz Internet-Verkauf. In The Producers geht es um zwei Produzenten, die mit einem garantierten Flop Geld machen wollen und deshalb das Hitler-verherrlichende Stück eines Altnazis zur Aufführung bringen, in der denkbar schlechtesten Besetzung natürlich und von einem talentlosen Regisseur inszeniert. Sehr zu ihrem Leidwesen wird das Spektakel ein Bombenerfolg. Der Höhepunkt der Show ist die Musical-im-Musical-Szene, in der brezelbewehrte, blondzopfige Damen und stramme Jungs in schwarzem Leder den eigentlichen Titel-Song mit dem einprägsamen Refrain "Springtime for Hitler and Germany, Winter for Poland and France" zum Besten geben. Im Film will das Publikum an dieser Stelle angesichts der Ansammlung von Geschmacklosigkeiten erst einmal massenhaft das Theater verlassen, doch dann kommt auch noch der chargierende Hitlerdarsteller auf die Bühne und auf einmal schlägt die ablehnende Empörung in zustimmendes Gelächter um - die Grenzen einer "anständigen" Darstellung sind soweit überschritten, das sämtliche vorhandenen Hemmungen und Tabus mit Freuden überwunden werden. Es passiert, was die beiden titelgebenden Produzenten - und nicht nur sie - für ausgeschlossen hielten: Nazis und Entertainment gehen eine erfolgreiche Verbindung ein. "›Hitler‹ will run forever", steht auf einem Glückwunschtelegramm, das die beiden unglücklichen Produzenten erreicht, und es ist gerade der bedrohliche Charakter dieses vorgeblich unschuldigen Spruchs, der zum besonders lauten Lachen reizt.


Auch in Russland gibt es ein prägendes Beispiel der Verbindung von Unterhaltung und Nazis, das seit den frühen Siebzigern im kulturellen Gedächtnis fest verankert ist: Der wohl populärste Held des sowjetischen Fernsehens ist eine Ikone in Nazi-Uniform. So erschreckend dieser Anblick zuerst sein mag, erhebt sich über dem strengen Kragen mit Eichenlaub-Spiegeln jedoch ein Gesicht, dem der populärkulturerfahrene Zuschauer schnell ansieht, dass es sich hierbei trotz der Uniform um einen "Guten" handelt: sehnsüchtig und in Verzicht geübt die Augen, von entschlossener Beherrschtheit und doch voll Mitgefühl die übrigen Gesichtszüge. Wjatscheslaw Tichonow verkörpert "Schtirlitz", den Spion Stalins in Hitlers nächster Umgebung. Er ist der Held eines legendären 12-Teilers, der als erfolgreichste Serie der sowjetischen Fernsehgeschichte gilt. Noch bei der zigsten Wiederholung 1995 (zum 50. Jahrestag des Kriegsendes) erwies sich das Produkt aus dem Jahre 1973 als veritabler Straßenfeger. Jedes Jahr, bevorzugt im April, sozusagen als Vorbereitung auf den 9.Mai, dem "Tag des Sieges", wird die Serie erneut auf allen Kanälen gezeigt. Kaum jemand, der in Russland bei Namen wie "Kaltenbrunner" oder "Schellenberg" nicht sofort an "Schtirlitz" denken würde.

Die siebzehn Momente des Frühlings, so der Titel der Serie, sollten eigentlich zum 9. Mai 1973 auf die sowjetischen Bildschirme kommen. Es heißt, der damalige KGB-Chef Andropow höchstpersönlich habe die Verfilmung des Romans von Julian Semjonow angeregt, dann aber nicht rechtzeitig die Zeit gefunden, das Produkt zu sichten. Der Spionage-Thriller hielt daraufhin im Sommer das ganze Land in Atem; die Mutter der Regisseurin Tatjana Liosnowa weiß zu berichten, sie sei von unbekannten Anrufern bestürmt worden, die wissen wollten, wie es ausgeht, in ihrer Fabrik liege die Arbeit danieder. (Was sicher der Intention Andropows sehr zuwider lief, sollte er sich doch knapp ein Jahrzehnt später als kurzzeitiger Nachfolger Breschnews dadurch auszeichnen, dass er Milizionäre auf der Suche nach Blaumachern durch die Kinos schickte - es war sein spezifischer Ansatz zu wirtschaftlichen Reformen.)

Andropow wollte mit der Serie das im sowjetischen Film bis dahin unterbelichtete heldenhafte Spionagewesen herausstellen. Da kaum Filme gedreht wurden, die im kapitalistischen Ausland spielten, dieses aber für die Darstellung erfolgreicher Spionagetätigkeit den nötigen Hintergrund bildet, herrschte in dieser Beziehung in der Tat Nachholbedarf. Ein Teil der Außenaufnahmen für die Siebzehn Momente des Frühlings entstand in Ostberlin, eine Kleinstadt im Thüringer Wald diente als Kulisse, um den Handlungsort Bern in der Schweiz zu illustrieren, im übrigen wurde auf Dokumentarfilmmaterial aus Kriegszeiten zurückgegriffen. Ob Andropows Ziel erreicht wurde, muss bezweifelt werden. "Schtirlitz" ist das beste Beispiel dafür, wie die immense Popularität die ideologischen Intentionen eines Produkts verwandeln und verkehren kann. Und das zunächst anders als in der Umschlagsvariante bei Mel Brooks, wo sich intendierte Geschmacklosigkeiten zu einem Trash-Spektakel addieren, dass befreiendes Gelächter auslöst.

Anlass zum Lachen bot die Serie zunächst nämlich ganz und gar nicht: Die Zeit der Handlung ist Februar-März 1945; in Berlin beginnt sich der innere Kreis um Hitler Gedanken zu machen, was werden soll. "Standartenführer der SS Max Otto von Schtirlitz", der eigentlich Maxim Isaev und Russe ist, erhält den Auftrag aus Moskau, herauszubekommen, ob und wer aus Hitlers Umgebung mit dem amerikanischen Geheimdienstchef Dulles über einen Separatfrieden verhandelt. Nach außen also den perfekten Nazi mit erfolgreicher Karriere (der sich schon mal dabei ertappt, in Gedanken "wir Deutschen" zu sagen) gebend, lässt Agent "Schtirlitz" die Verhandlungen in Bern scheitern, spielt mit Kalkül Gestapo und SD gegeneinander aus, rettet heldenhaft eine Verbindungsagentin mit gleich zwei Säuglingen auf dem Arm und das alles, während er ständig Gefahr läuft, enttarnt zu werden. Besonders "Gruppenführer Müller" ist ihm dicht auf den Fersen. Und Schauspieler Tichonows Blick ist von solch durchdringender Melancholie, dass tatsächlich keine Garantie dafür besteht, dass er die Serie überlebt.

Das erste Geheimnis des Erfolgs von "Schtirlitz" mag darin bestehen, dass die Gegner des russischen Meisterspions nicht als billige Chargen agieren. Selbst Hitler, dessen Darstellung in sämtlichen Filmen, egal ob östlicher oder westlicher Herkunft, wie es scheint, zwangsläufig zur Karikatur verkommt, ist hier unaufdringlich und unaufgeregt dargestellt (im übrigen von DDR-Schauspieler Fritz Dietz). Mit sichtlicher Hingabe schlüpften namhafte sowjetische Schauspieler in die Rollen der historischen Kriegsverbrecher: Das Paradoxon der Serie besteht nun darin, dass man förmlich den Spaß sieht, den sie dabei hatten. Wo Nazi-Figuren im Film üblicherweise eindimensional-böse Pappkameraden sind, die eben sehr schnell zum Lachen reizen, erscheinen sie in den Siebzehn Momenten als komplizierte Negativ-Charaktere mit je eigenen seelischen Abgründen.

Der düstere Existentialismus der Hauptfiguren prägt die ganze Serie, die darin auch noch sehr den Geist der sechziger Jahre verrät. Aber das eigentlich Spannende der Inszenierung ist ein wohl unfreiwillig sich einstellender Effekt: Ganz in kontrastreichem Schwarz-Weiß und altmodisch langsamer Dramaturgie wird unter dem Deckmantel ideologischer Unbedenklichkeit (schließlich führt Schtirlitz treu die Befehle aus Moskau aus) der Faszination der Nazi-Accessoires gefrönt. Kaum je sind die langen Mäntel aus glänzend-schwarzem Leder, die "schmissigen" Uniformen mit hohen Stiefeln und verspiegelten Kragen, die engen Lederhandschuhe, die einzeln vom Finger gezogen werden müssen, die Auf- und Abtrittsrituale inklusive Hitlergruß so wild-romantisch in Szene gesetzt worden.

Wobei der Film sich ganz auf seine Darsteller konzentriert; wo sonst häufig Monumentalarchitektur oder prunkvoller Innendekor faschistische Dekadenz illustriert, sind hier die Kulissen ohne Ausschmückung sozusagen im Stil der Neuen Sachlichkeit gehalten. Die Existentialromantik wird in dieser Reduktion noch verstärkt. Die Handlung des Films besteht fast gänzlich aus gewichtigen Männergesprächen, denen die allgemeine Atmosphäre der Ausweglosigkeit die nötige Würze verleiht. Es wird viel ausdrucksstark geraucht oder bedeutungsvoll in schwere schwarze Telefonhörer hineingelauscht. Zwischendurch gibt es lange Einstellungen von schweigenden Männergesichtern, die dem drohenden Zusammenbruch fest ins Auge blicken.

In diesen Momenten übernimmt es eine verhalten-dunkle Erzählstimme aus dem Off, teils die inneren ("Ich war nahe am Scheitern, dachte Schtirlitz"), teils die äußeren Vorgänge zu erläutern ("Üblicherweise trafen sie sich Mittwochs, doch heute war Montag"). Und diese stilistische Eigenart, für sich genommen harmlos und unauffällig, wurde zur überaus produktiven - Witz-Vorlage.

An die primäre Popularität des Fernseh-Thrillers mit seiner melancholisch durchtränkten Nazi-Romantik nämlich schloss sich eine sekundäre, fast noch größere an, in der Schtirlitz und sämtliche Film-Charaktere zu Witzfiguren umgewandelt wurden. Eine ganze Anekdotenkultur, eine Art Paralleluniversum der Parodie erwuchs aus der Serie, von deren Lebendigkeit noch heute unzählige Internetseiten Zeugnis ablegen.

In diesem Paralleluniversum sind die Verhältnisse karnevalistisch verkehrt: "Schtirlitz" ist, gerade weil er sich überlegen fühlt, stets der Dumme. Was nicht heißt, dass "Mueller", "Kaltenbrunner" oder "Bormann" in den Witzen besser wegkämen. Wie überhaupt die ganze Manieriertheit, die Starrheit der Regeln und des Verhaltens sowohl des Faschismus, als auch des Stalinismus und nicht zuletzt auch der Breschnewschen Stagnationszeit in den Schtirlitz-Anekdoten verlacht wird. Es geht um einiges gröber und direkter zu als in Mel Brooks fiktivem Musical, und doch scheint auch hier gerade die Addition der Geschmacklosigkeiten oft ein Lachen der Befreiung auszulösen.

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00:00 04.05.2001

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