Der interkulturelle Deutungshimmel

Sachlich richtig Prof. Erhard Schütz hat noch eine These: Die Dichter des 19. Jahrhunderts sind die wahren Naturschützer
Der interkulturelle Deutungshimmel
Der Amazonasdschungel, die nicht mehr ganz so grüne Lunge der Erde

Foto: Cris Bouroncle/AFP/Getty Images

Weißt du wie viel Sternbücher stehen? Schier unendlich viele. Manche strahlender als andere. Dies hier erleuchtet besonders schön. Es bietet einen klaren Gang durch die Geschichte der Himmelsbeobachtung. Dabei werden die Mythen hinter den Stern- und Sternbildnamen skizziert, wird Demut angesichts der Wartezeit bis zum nächsten Venustransit gelehrt (11.12.2117), die Re-Verzwergung Plutos erläutert, es scheint der interkulturelle Deutungshimmel auf.

In mir hat das Buch die Jugendfaszination der Kosmos-Bändchen wiedererweckt, nicht nur den juvenil Gebliebenen dürfte es ein ähnlich belehrendes Vergnügen verschaffen.

Weiter auf große Flusskreuzfahrt. Im Wälzer über den Nil wälzen sich die Informationen über ihn wie seine unerschöpflichen Wassermassen dahin, zusammengehalten von persönlichen Reisebeobachtungen des norwegischen Globalgeschichtlers Terje Tvedt. Man muss zwar gewärtig sein, dass plauderös ein Song von Joni Mitchell ebenso auftaucht wie eine minderschlaue Bemerkung zu Hegel. Aufs Ganze bietet das aber eine weit über den Nil hinaus erhellende Lektüre – zu den Mythen und Mysterien, zur „Entdeckungs-“, realiter Kolonialgeschichte, mit Churchill als Oberschurken. Wenn man sich lesend treiben lässt wie weiland Moses im Schilfkörbchen, dann steht am Ende zwar keine rettende Prinzessin, indes: ein grandioses Epos. Weniger um den Fluss, sondern konkret um den Regenwald, geht es hingegen beim Amazonasbuch. Seine Stärke ist die nüchterne Präsentation der Fakten zu der Bedrohungslage und möglichen Szenarien der Rettung.

Bei aller Fernstenliebe, ohne den heimischen Wald kommt keine rechte Naturseligkeit hierzulande auf. Klara Schubenz untersucht, wie sich der in der Literatur von der Romantik bis zum Realismus lang, breit und tief ausgebreitete Wald außerhalb der Literatur verhielt. Ich hänge zwar der schneidigeren These an, dass es die Dichter waren, die überhaupt erst den Natur-, Landschafts- und Heimatschutz des 19. Jahrhunderts in Schwung brachten, aber die moderatere Argumentation hier besticht durch eine stupende Vielfalt, zugleich Genauigkeit der Lektüre, was das Buch weit über germanistisches Spezialinteresse hinaus lohnt.

Wie komme ich jetzt nur auf den Hund? Vielleicht über die stramme These, dass Hunde Weltgeschichte gemacht haben. Sagt jedenfalls die Historikerin Mackenzi Lee. Na ja. Was sie in 50 Episoden vom Mastiff Alexander des Großen bis zu Hitlers ... nein, nicht Blondie – der Schäferhund macht hier schon 1927 als Blindenhund Karriere, vielmehr Nazi-sprechende Airedale Terrier. Vieles von dem, was die New-York-Times-Bestsellerautorin zusammengetragen hat, ist oftan Schwanz und Ohren herbeigezogen, aber von so großer Unterhaltsamkeit, dass es keinesfalls für die Katz ist.

Der unwiderstehliche Tier-Sachbücherer Josef H. Reichholf ist nach Raben, Schmetterlingen und Eichhörnchen nun auf den Hund gekommen, genauer, auf den Wolf, der uns domestizierte und dabei selbst auf den Hund kam. Gewiss eine Sternstunde der Mensch-Tier-Symbiose! Während der Wolf nur in einem kleinen Spektrum variiert, gibt es Hunde in schier unzähliger Varianz, vom Pinscher bis zum Rottweiler, Mops bis Chihuahua, Labrador bis Bulldogge.

Doch sind die überhaupt eine eigene Rasse oder bloß „Aberrationen“ des Wolfs? Zumal sich Hunde mit Wölfen paaren können. Während Züchter streiten, sagen Genetiker: allesamt Wölfe. Gegen die handelsübliche Ursprungserzählung, nach der in der Steinzeit Frauen verwaiste Welpen aufzogen, wie umgekehrt die Mythen von Wölfen, die Menschenkinder adoptierten, ist die These: Indem er sich nahe bei Menschen hielt, bei deren Jagden immer etwas abfiel, hat der Wolf sich nach und nach selbst verhundet.

Begonnen habend mit dem gestirnten Himmel über Kant, ende ich mit dem Sittengesetz in unseren Vorfahren, der Wolfszeit Harald Jähners.

1945ff. war Trümmerfotografie als Sujet sehr gängig. Ruinenfaszination als ästhetizistische Abwehr des Schreckens? Zumindest auch eine Lust der schaudernden Teilhabe an so gewaltiger Gewalt der Unnatur. Ein Fotobuch zweiter Potenz – ruiniertes Leben und die Unternehmungen, es zu vergessen.

Fotos davon, wie die übrig gebliebenen Deutschen mit ihren Opfern konfrontiert wurden, aber insgesamt mehr zur Wiedereinrichtung des richtigen Sichauslebens im falschen Leben, mal anrührend bescheiden, mal bizarr oder grotesk. Solche, die man als ikonisch kennt und viele Unbekannte. Beate Uhse vor Gericht, Übervater Nordhoff vorm VW-Werk einerseits, Seidenstickers Lolita-Zwillinge Fischer.

Oder Rätselfotos, wie jenes, auf dem zwei Jungs einen blutbeschmierten Kinderwagen ziehen, worauf eine Frau in Reitstiefeln liegt. Eine erstaunliche Vielfalt, kein Kaleidoskop, sondern Teile eines ewigen Puzzles.

Info

Der Sternensammler Dirk H. Lorenzen Rowohlt 2020,224 S., 20 €

Der Nil. Fluss der Geschichte Terje Tvedt A. Brunstermann, G. Haefs, N. Hinnerk Schulz (Übers.), Ch. Links 2020, 592 S., 35 €

Amazonas. Gefahr für die grüne Lunge der Welt Martin Specht Ch. Links 2020, 223 S., 25 €

Der Wald in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Geschichte einer romantisch-realistischen Ressource Klara Schubenz konstanz university press 2020, 505 S., 39 €

Eine Weltgeschichte in 50 Hunden Mackenzi Lee Daniel Beskos (Übers.), Suhrkamp 2020, 190 S., 18 €

Der Hund und sein Mensch. Wie der Wolf sich und uns domestizierte Josef H. Reichholf Hanser 2020, 221 S., 22 €

Wolfszeit. Ein Jahrzehnt in Bildern 1945 – 1955 Harald Jähner Rowohlt Berlin 2020, 263 S., 28 €

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