Der Internet-Kandidat

Die Macht der neuen Medien Howard Dean wurde durch seine technophilen Unterstützer zu einem der ernsthaftesten Herausforderer George W. Bushs

Ihr habt die Macht! Ihr habt die Macht", rief Howard Dean Ende August seinen Zuhörern im New Yorker Bryant Park zu. Die Menge dankte es ihm mit anhaltendem Jubel. Der ehemalige Vermonter Gouverneur ist einer von zehn Kandidaten der US-Demokraten für die nächste Präsidentschaftswahl. Wer letztlich gegen George W. Bush antreten soll, wird in Vorwahlen entschieden, die ab Ende Januar nach und nach in allen Bundesstaaten stattfinden werden. Anfangs galt Dean in diesem Rennen als chancenloser Außenseiter. Doch innerhalb weniger Monate hat er es geschafft, zum Spitzenreiter zu werden. Aktuellen Umfragen sehen Dean in den ersten Vorwahl-Staaten Iowa und New Hampshire sowie in Maryland auf Platz eins.

Seinen rasanten Aufstieg verdankt der Kandidat drei Faktoren: Er sprach sich von Anfang an gegen den Irak-Krieg aus. Seine Kampagne verändert durch den Einsatz moderner Technologie das Gesicht des US-Wahlkampfs. Dritter und vielleicht wichtigster Punkt in Deans Masterplan zur Macht ist der Moment der Gemeinschaft, der diese Kampagne umweht. Deans Team setzte schon früh darauf, zahllose Unterstützer überall in den USA aktiv in den Wahlkampf einzubinden. Rund 400.000 Anhänger haben sich mittlerweile auf Deans Website Deanforamerica.com registriert. Erklärtes Ziel der Kampagne ist es, bis zum Ende des Monats 450.000 Unterstützer vorweisen zu können.

Mehr als 110.000 von ihnen besuchen die monatlichen Dean Meetup-Stammtische, die in rund 600 Städten stattfinden - und zwar weltweit. Sogar in Berlin, Düsseldorf und Hamburg treffen sich Exil-Amerikaner und Dean-Befürworter zum monatlichen Meetup. Die Treffen sind gegenseitiges Kennenlernen und Graswurzel-Organisierung in einem: Deans Kampagne empfiehlt den Stammtischen jeden Monat ein neues Thema. Anfang September traf man sich, um den Dean Visibility Day am 20. des Monats zu planen. Genauere Vorgaben gibt es jedoch nicht, alles weitere ist der Kreativität der lokalen Anhänger vorbehalten.

Möglich geworden ist all dies nicht zuletzt durch den kreativen Einsatz des Internets. Vor Dean diente das Netz in Wahlkämpfen meist nur als ein Informationsmedium unter vielen. Etwas, über das man Wahlkampfmaterialien verbreiten und um Spenden bitten konnte. Deans Team konzentriert sich dagegen ganz auf die interaktiven Elemente des Netzes. Neben der Zusammenarbeit mit der Plattform Meetup.com gehört dazu vor allen Dingen das Weblog Blogforamerica.com, das sich vom Wahlkampf-Journal zum heimlichen Portal der Kampagne gemausert hat. In klassischer Webjournal-Manier berichten hier Kampagnen-Mitarbeiter täglich in lockerem Plauderton von den aktuellen Wahlkampfveranstaltungen. Zeitungsartikel werden zitiert, Fernsehauftritte angekündigt. Vor allem kommen Deans Unterstützer hier aber selbst zu Wort. Jeder veröffentlichte Beitrag lässt sich kommentieren, und nicht selten ergeben sich daraus lange Diskussionen mit mehreren hundert Wortmeldungen.

Zudem finden sich auf der Website zahlreiche Links zu anderen Weblogs, die von der Vielschichtigkeit der Unterstützerbasis künden. Senioren für Dean, Piloten für Dean, Medizin-Studenten für Dean - überall im Netz entstehen solche virtuellen Gemeinschaften, um den Kandidaten im Wahlkampf zu unterstützen. Das geschieht nicht zuletzt auch finanziell: Zig Tausende von Anhängern haben Dean in den letzten Monaten zum bestfinanzierten Bush-Herausforderer im Vorwahlkampf gemacht. Sein Kampagnenteam geht davon aus, allein im dritten Quartal 10 Millionen Dollar einzuspielen. So viel Geld hatte vor Dean erst ein einziger Demokrat derart früh im Rennen. Der hieß Bill Clinton, war zu dieser Zeit bereits Präsident und bereitete sich mit Hilfe finanzstarker Unterstützer auf seine Wiederwahl vor.

Ende August demonstrierte Deans Kampagne einmal mehr, wie sie selbst das Sammeln von Spenden als einen gemeinschaftsstiftenden Moment des politischen Aufbruchs inszenieren kann. Deans Auftritt im New Yorker Bryant Park war der krönende Abschluss einer Blitz-Wahlkampftour. Während der Kandidat in vier Tagen zehn Städte besuchte, trommelte der Internet-Arm der Kampagne online für finanzielle Unterstützung. Das selbst gesteckte Ziel: Bush besiegen - selbst wenn es erst einmal nur symbolisch sein sollte. Der US-Präsident hatte wenige Tage zuvor einflussreiche Unterstützer nach Portland eingeladen, um von ihnen im Rahmen eines privaten Dinners großzügige Spenden im Gesamtwert von einer Millionen Dollar entgegenzunehmen. Deans Spendenmarathon sollte nun innerhalb von vier Tagen den gleichen Betrag einbringen. Mit einem stündlich aktualisierten Spendenbarometer und zahlreichen Textbeiträgen heizte man die Stimmung an. Mehr als 17.000 Unterstützer ließen sich von dem Spendenfieber anstecken. Pünktlich zu Deans Auftritt in New York erreichte der Spendenstand die Millionenmarke, und Tausende feierten online wie im Bryant Park.

Bei all dem Trubel scheinen Howard Deans politische Positionen manchmal fast ein bisschen in Vergessenheit zu geraten. Seinen Popularitätsschub im Frühjahr verdankte er vor allen Dingen seiner Ablehnung des Irak-Kriegs. Dean unterstützte jedoch die Kriegseinsätze in Afghanistan und die Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien. Er hat mehrfach erklärt, einen härteren Kurs gegenüber Saudi-Arabien wegen der Unterstützung des Al-Qaida-Terrorismus einschlagen zu wollen. Gleichzeitig will er Teile der als Patriot Act bekannten Anti-Terror-Gesetze zurücknehmen. Dean setzt sich für ein für alle verfügbares Krankenversicherungssystem ein. Er hat in seiner Zeit als Gouverneur ein Gesetz zur Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften unterzeichnet, scheut sich aber vor dem Bekenntnis zur Homo-Ehe. Dean befürwortet die Todesstrafe, will sie aber nur gegen Kinder- und Polizistenmörder sowie Terroristen angewendet wissen.

Keine Frage, Dean ist nicht der verkappte Linke, als den ihn seine demokratischen Gegner gerne darstellen. Manch eine progressive Gruppe hat deshalb so ihre Schwierigkeiten mit ihm. Ein Anti-Kriegs-Kandidat, der sich die Unterstützung der Waffennarren der National Rifle Association (NRA) sichert? Lieber wäre ihnen da schon, wenn Deans Konkurrent Dennis Kucinich sich als Präsidentschaftskandidat durchsetzen könnte. Kucinich will das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA aufkündigen und durch fairen Welthandel ersetzen. Er ist gegen die Todesstrafe und will Geld aus dem Rüstungsetat in den Bildungsetat umleiten. Allein: Der Empfänger des diesjährigen Gandhi-Friedenspreises hat praktisch keine Chancen im Vorwahlkampf. Alle Umfragen sehen ihn weit abgeschlagen. Zudem fehlt Kucinich das Geld für flächendeckende Wahlkampfwerbung. Auch der Versuch, eine Internet-Kampagne nach Deans Vorbild aufzuziehen, ist Kucinich nicht geglückt.

Dean dagegen führt die Umfragen - zumindest bisher. Als der ehemalige NATO-Kommandeur Wesley Clark Mitte September seinen Hut in den Ring warf, sahen viele politische Kommentatoren darin eine ernste Gefahr für Dean. Clark ist wie Dean prominenter Kritiker des Irak-Kriegs, kann aber im Gegensatz zu dem ehemaligen Allgemeinmediziner auf einen militärischen Hintergrund vertrauen. Auf Deans Weblog gibt man sich jedoch kaum besorgt. So meint eine Unterstützerin namens Natasha: "Wir haben die Welt bereits verändert. Vor sechs Monaten sagte jeder, es wäre politischer Selbstmord, gegen den Irak-Krieg zu sein. Heute ist plötzlich Clark der einzige chancenreiche Gegner Deans. Die demokratische Partei hat sich in sechs Monaten komplett verändert, und ich glaube der Grund dafür sind wir."

Im Internet: www.blogforamerica.com

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00:00 26.09.2003

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