Der Intimfeind

Porträt Armin Wolf wird als Symbolfigur der Öffentlich-Rechtlichen in Österreich besonders gern von der FPÖ attackiert

Sollte Qualitätsjournalismus das letzte Fort gegen den Rechtspopulismus in Österreich sein, wäre Armin Wolf (51) so etwas wie dessen Kommandant. Einer, der wach bleibt, wo andere starr vor Schock sich kaum mehr wehren. Einer, der ein Bollwerk aus kritischen Fragen errichtet, wo die österreichische Boulevardpresse Sebastian Kurz und seinen Ministern zujubelt, als wären sie eine Teenie-Popband und keine rechtspopulistisch-konservative Regierung, die gerade versucht, ein Land von Grund auf umzubauen. Allen voran den ORF, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen bekanntestes Gesicht Armin Wolf ist.

Der letzte Angriff auf das ORF-Fort liegt nicht lange zurück und ging von FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache höchstselbst aus: Auf Facebook postete er ein Sujet, das Wolf mit einem Pinocchio-Bild in der Hand zeigt, dazu der Text: „Es gibt einen Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden. Das ist der ORF.“ Und darunter: „Das Beste aus Fake News, Lügen und Propaganda, Pseudokultur und Zwangsgebühr.“ Darüber hatte Strache geschrieben: „Satire!“, daneben noch ein Grinsesmiley platziert. Nun gibt es dafür zwei Deutungsmöglichkeiten: Entweder hat HC, wie ihn die Österreicher nennen, nicht verstanden, was Satire im eigentlichen Sinne bedeutet, denn mit Tucholskys „Satire bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird“, hatte dieses Posting wenig zu tun. Eher hat Strache versucht, rechtspopulistische Medienhetze in den Mantel des Witzes, haha, zu hüllen, um später nicht dafür geradestehen zu müssen. Was nichts daran änderte, dass da gerade der Vizekanzler in bester Donald-Trump-Manier den bekanntesten Journalisten des Landes samt ORF diffamiert hat, einzig weil ihm die Berichterstattung missfällt.

Armin Wolf reagierte prompt und mit einer Klage. Gegenüber dem Standard sagte er: „In 32 Jahren hat mir noch nie jemand vorgeworfen, ich würde in meiner Arbeit lügen. (…) Ich finde, die Attacken der FPÖ auf unabhängige Medien und ihre persönlichen Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten erreichen mittlerweile ein demokratiepolitisch wirklich bedenkliches Ausmaß.“ Es ist eine Klage wie ein Statement, kein dünnhäutiges Mimimi. Für eine zarte Besaitung war Wolf, der 1966 in Innsbruck als Sohn einer Lebensmittelverkäuferin und eines Hausmeisters geboren wurde, bisweilen weiß Gott nicht bekannt. 1985 kam er zum ORF und war unter anderem Auslandskorrespondent in Washington. Seit 15 Jahren nun schon ist er Anchorman der wichtigsten österreichischen Fernseh-Nachrichtensendung ZIB 2 und pflegt bei Live-Gesprächen einen bedingungslosen Interviewstil, der ihm – quer durch alle politischen Lager – manchen Feind verschafft hat. Den Rechten gilt er als „linke Zecke“, ein Grünen-Politiker bezichtigte ihn einmal der „Lynchjustiz“, im Vorjahr rügte gar der ORF-Online-Chef: „Ein TV-Studio ist keine Anklagebank.“

Der Satz „Bitte beantworten Sie meine Frage“ wurde zu Wolfs Markenzeichen. Er bearbeitet sein Gegenüber mit knallharten Fragen oder geistesgegenwärtigen Kontern und bringt selbst begabte Rhetoriker dazu, sich in Widersprüche zu verwickeln.

Gefeiert wird Wolf dafür vor allem im Ausland: 2016 erhielt er den renommierten deutschen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis; das Brüsseler Online-Magazin Politico führt ihn in der Liste der 28 Personen, die Europa 2018 prägen werden, und nennt ihn „einen der begabtesten und gefürchtetsten Politikjournalisten Europas“.

Besonders legendär geriet in Zeiten von Youtube mancher Schlagabtausch mit Heinz-Christian Strache: 2012, als Wolf den FPÖ-Chef mit dem Posting einer antisemitischen Karikatur im NS-Stil konfrontierte und der den Unwissenden spielte, hielt er ihm zum Beweis einen vergrößerten Ausdruck eben jenes Posts unter die Nase. Oder im Januar 2017, als Strache – angesprochen auf seine Beziehungen zur Putin-Partei Einiges Russland – bei ZIB 2 zum Besten gab: „Es ist kein Partnerschaftsvertrag, sondern ein Arbeitsübereinkommen“, woraufhin Wolf zweimal nachfragte, ob sich der Herr Strache da „ganz sicher“ sei. Nachdem Strache zweimal bejaht hatte, wurde ein FPÖ-TV-Videoclip vorgespielt, in dem der FPÖ-Mann in die Kamera sagt: „Einen Partnerschaftsvertrag mit der Partei Einiges Russland zu unterzeichnen, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Friedensstiftung.“

Über sich selbst sagte Wolf einmal: „Ich bin mit großer Leidenschaft Journalist und möchte tatsächlich so etwas Pathetisches wie Aufklärung machen.“ Dass Aufklärung Rechtspopulisten suspekt ist, weiß man nicht erst, seit Donald Trump regiert. Aufklärung verhindert, dass sich ein über Jahre hinweg mit FPÖ-TV und Social Media geschaffenes Paralleluniversum alternativer Fakten zur allgemeingültigen Wahrheit erheben kann. In Österreich sitzen Rechtspopulisten seit zweieinhalb Monaten in der Regierung und sind nach Jahren beharrlicher Opposition auf Revanche bedacht. Allen voran Heinz-Christian Strache.

„Der Angriff auf Armin Wolf ist der Startschuss für das große Eisenbesenkehren“, sagt einer der ORF-Kollegen. Es ist von Listen unliebsamer Journalisten die Rede, deren sich die Regierung Kurz entledigen will. Redakteure sprechen vom „Interventionsbombardement“ des neuen Kabinetts. Strache selbst kündigte an, man wolle „im Sinne der Objektivität auch im ORF Optimierungen vornehmen“. Ab Mai sind die realistisch, wenn der Stiftungsrat als oberstes ORF-Gremium neu besetzt wird, und FPÖ wie ÖVP dort fortan über eine Zweidrittelmehrheit verfügen. Fraglich ist dabei, ob sich die Regierung an die Personalie Wolf heranwagt. Ein Kollege glaubt: „Das trauen sie sich nicht. Wolf ist eine Symbolfigur. Das würde Wellen schlagen über den ORF und Österreich hinaus“.

06:00 10.03.2018

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