Der iranische Heizstrahler

Merkwürdige Todesfälle in Georgien Die Gas-Vergiftung des Premiers wirft weiter Fragen auf

"Was ist Ihre Meinung zum Tod von Surab Shwania", fragt eine deutsche Internetzeitung für Nachrichten aus Georgien ihre Leser. Das Ganze sei kein Unfall gewesen, meinen 36 Prozent, 32 Prozent benennen die Ursache für den plötzlichen Tod des georgischen Ministerpräsidenten am 3. Februar unverblümt: Mord. Immerhin 25 Prozent glauben an ein tragisches Unglück.

Das war kein Unfall, erklärt auch eine frühere Parlamentsabgeordnete dem georgischen Sender Rustavi2 und wird für diese öffentliche Aussage nach eigenen Angaben bedroht. Sie solle schweigen. Die Dame allerdings hatte zugleich angekündigt, der Tod Shwanias sei der Anfang vom Ende des georgischen Präsidenten Mikhail Saakashwili - und so mag es diese forsche Prophezeiung gewesen sein, die ihr Unmut eintrug.

An der offiziellen Todesursache, Versterben durch das Austreten von Kohlenmonoxid infolge eines defekten Heizstrahlers, von dem behauptet wird, er sei iranischer Herkunft, wird festgehalten, eine andere Möglichkeit gar nicht erst untersucht. Die Georgier sollte dies nicht wundern, denn Kriminalfälle im politischen Milieu werden selten erschöpfend aufgeklärt, außerdem hat es allein in Tiflis während der vergangenen fünf Jahre 80 Todesfälle durch derartige Gas-Unfälle gegeben. Die allerdings ereilten meistens Menschen mit beschränktem finanziellen Spielräumen, sprich: arme Schweine, die sich keine anständige Heizquelle leisten konnten. Dass es nun einen von den Bessergestellten traf, nämlich den Politiker Surab Usupov, in dessen Wohnung sich der Premierminister aufgehalten hatte, muss nichts heißen, gibt aber Anlass zu Spekulationen - oder zur Sorge über die Gehälter der georgischen Politiker. War die iranische Heizquelle ein Billigprodukt? Oder nur der Installateur unkonzentriert, der das Gerät anschloss?

Die zeitliche Nähe der Kohlenmonoxid-Vergiftung Surab Shwanias zu einem Autobombenanschlag in Gori, bei dem drei Polizisten umkamen, veranlasste den georgischen Rechtswissenschaftler Amiran Shalamberidse dazu, "äußere Kräfte" für diese Ereignisse verantwortlich zu machen. Das klingt kryptisch, ist für Georgier jedoch leicht verständlich. Gori liegt an der Grenze zur abtrünnigen Provinz Südossetien, die unter russischem Einfluss steht. Wer immer für das dortige Attentat verantwortlich ist - der Einfluss dieses Vorfalls auf die fragilen georgisch-ossetischen Verhandlungen über den Status der Republik und eine möglich Rückkehr georgischer Flüchtlinge nach Südossetien lässt sich kaum bestreiten. Es geht um Gespräche, für die auf georgischer Seite maßgeblich Shwania zeichnete. Nicht gerade zur Freude der Moskauer Regierung, die alles gern so beließe, wie es ist, denn das würde bedeuten, Georgien stets ein wenig am Gängelband halten zu können.

Seltsam erschien auch die Äußerung des Präsidenten am Sarg des Verstorbenen. Den "Feinden" teilte Saakashwili mit: "Gebt Euch nicht der Hoffnung hin, dass wir scheitern werden. Habt keine Hoffnungen, dass es uns nicht gelingen wird, jenen Weg weiter zu gehen, den wir beschritten haben. Wir werden eine starke Nation werden." Schwerblütige Emotionen am Sarg eines Weggefährten oder eine Botschaft?

Russische Politiker und Militärs waren nicht die einzigen, die Shwania verärgerte. Auch Geschäftsmänner und Kriminelle hatten allen Grund, ihm Böses zu wollen, führte doch der Premier einen für georgische Verhältnisse vehementen Kreuzzug gegen Korruption und Verbrechen.

Mag sein, dass ein Unglück selten allein kommt. Trotzdem mutet es gespenstisch an, dass sich nur drei Tage nach dem Tod von Shwania der 32-jährige Regierungsberater Georgi Khelaschwili mit einem Jagdgewehr erschoss, welches er sich vorher von seinem Nachbarn geliehen hatte. Khelaschwili galt als enger politischer Weggefährte Shwanias.

Aufklärung soll nun das FBI bringen. Auf Einladung der Regierung in Tiflis wollten Spezialisten aus den USA eigentlich das Attentat in Gori aufklären, jetzt aber sollen sie auch den Mutmaßungen in Sachen Shwania und Khelaschwili auf den Grund gehen.

Hinter vorgehaltener Hand wird in Tiflis gemunkelt, der Präsident und sein Regierungschef seien sich nicht immer grün gewesen. Allerdings sind Verschwörungstheorien im Kaukasus das, was den alten Griechen die Tragödie war. Sie erzeugen Emotionen und Demut, der Einzelne erfährt Reinigung, Vorhang zu - und über die Toten breitet sich endlose Dunkelheit. Und wie in der Tragödie braucht man stets neue Varianten der Intrige. Nicht auszuschließen ist daher, dass demnächst die Frage gestellt wird: Glauben Sie, dass der georgische Präsident der Mörder des georgischen Premiers gewesen ist?


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00:00 11.02.2005

Ausgabe 39/2020

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