Macht euch mal locker! Jeder Mensch macht Fehler

Depp/Heard Die Reaktionen auf den Prozess der Hollywood-Stars Johnny Depp und Amber Heard zeigen: Jeder hält vor allem seine eigene Meinung für richtig. Ein düsteres Vorzeichen, wenn man dieses Prinzip auf die Gesellschaft überträgt
Johnny Depp und Amber Heard bei den Filmfestspielen in Venedig. 2015 schien noch alles in Ordnung
Johnny Depp und Amber Heard bei den Filmfestspielen in Venedig. 2015 schien noch alles in Ordnung

Foto: Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Als ich neulich auf Instagram herumscrolle, lande ich bei einer jungen Frau im Bademantel, mit einem Handtuch auf dem Kopf, die sich gerade ein großes Glas Cola einschenkt. Als ich weiterwischen will, schaut sie mich ungläubig durch die Kamera an und fragt mit einer samtig tiefen Männerstimme: „A megapint?“ Sie grinst amüsiert: „I poured myself a large glass of wine. I thought it necessary.“ Man findet im Netz Zehntausende solcher Videos von Frauen, die diese Aussage von Johnny Depp im Prozess gegen seine Ex-Frau Amber Heard parodieren.

Dass das Prozessdrama der Hollywoodstars live im Internet übertragen wurde, ist historisch beispiellos und angesichts der Weltlage das wohl erfolgreichste Ablenkungsspektakel der letzten Jahrzehnte. Dagegen verblasst sogar der 1995 im TV übertragene Mordprozess gegen OJ Simpson, der bis dato das größte Gerichtsspektakel darstellte.

Besonders heftig ist die Flut an Onlinekommentaren, die der Heard/Depp-Prozess ausgelöst hat. Ein kurzer Blick in die sozialen Medien lässt erahnen, wie viele Millionen Menschen den Prozess verfolgt haben. Der Hashtag #JusticeforJohnnyDepp auf Tiktok hat mehr als zehn Milliarden Aufrufe. Parodievideos von Heards verheulten Gerichtsaussagen sind dort schon jetzt Klassiker. Aber nicht nur Instagram & Co. oder die Boulevardpresse, auch jedes namhafte Nachrichtenmedium weltweit hat der Geschichte viel Platz eingeräumt.

Am meisten erstaunt hat mich aber nicht die schiere Anzahl der Meinungen, sondern die Tatsache, dass die meisten den Prozess offenbar durch eine ideologische Linse gesehen haben. Da gibt es die progressiven Libfems, die reflexhaft die Seite von Heard eingenommen haben, getrieben von der Angst, dass die #metoo-Bewegung dauerhaft Schaden nehmen könnte, und auf der anderen Seite die größere Gruppe der Depp-Verteidiger, die schwerer zu erfassen ist: Neben den nervigen Bots und „Shitpostern“ auch Männerrechtler und Incels sowie Frauen, die jung waren, als in den 90ern Depp mit Kate Moss das glamouröseste Sex, Drugs & Rock’n’Roll-Paar auf der Welt war.

Deprimierend dabei ist, dass der Umgang mit diesem Prozess auf ein größeres gesellschaftliches Symptom hinweist: den Abschied von der offenen Debatte. Alle scheinen sich bereits festgelegt zu haben, es stehen sich die Lager feindlich gegenüber. Man verschanzt sich in der eigenen ideologischen Blase und hängt der Illusion an, dass die Mehrheit die eigene Ansicht teilt. Dass es für den Einzelnen schwer ist, bei einem solchen Prozess neutral zu bleiben: geschenkt. Aber dass es öffentlich kaum Auseinandersetzung darüber gibt, dass subjektive Gefühle oder Meinungen den gleichen Stellenwert haben wie Fakten, oder noch schlimmer: dass es so etwas wie eine objektive Realität gar nicht gibt, auf die sich alle als Minimum einigen können, ist ein düsteres Vorzeichen dafür, was uns blühen wird, wenn wir dasselbe Wer-fühlt-hat-recht-Prinzip auf wichtige politische und gesellschaftliche Probleme anwenden.

Wenn Menschen nur noch auf Basis ideologischer und gefühlter Präferenzen be- und verurteilt werden, ist das nichts Geringeres als der Anfang des postfaktischen Zeitalters mit ungewissem Ausgang. Was Johnny Depp und Amber Heard betrifft, habe ich selbst eine aus der Mode gekommene Haltung: Ich betrachte beide mit der gebotenen menschlichen Empathie, die jeder von uns verdient, der schon Fehler gemacht und damit andere verletzt hat: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!

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