Der Jude und der Goi

Wanderschaft Über den österreichischen Schriftsteller Vladimir Vertlib

Im Wartesaal der Emigration sitzen Jahrzehnte nach der Shoah noch die modernen Ahasvers mit ihren Familien und suchen nach einer Möglichkeit, zwischen Zionismus und Antisemitismus eine friedliche Nische zu finden. Die turbulente Biografie des österreichischen Schriftstellers Vladimir Vertlib liefert dafür den beredten Beweis, denn seine Familiengeschichte dient als Fundament seiner Romane und Erzählungen.

Der 1966 in Leningrad geborene Vertlib emigrierte 1971 mit seiner Familie nach Israel, 1972 weiter nach Österreich, 1975 in die Niederlande, dann kurz nach Israel zurück, 1976 nach Zwischenstation in Rom wieder nach Österreich, 1980 in die USA und 1981 endgültig nach Österreich. Seit 1986 ist Vertlib österreichischer Staatsbürger. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und arbeitete dann als freier Mitarbeiter bei einer japanischen Presseagentur in Wien. Nach dem Zivildienst war Vertlib mehrere Jahre bei Banken und Versicherungen als Statistiker und Länderanalytiker beschäftigt und lebt seit 1993 als freier Autor, Übersetzer und Sozialwissenschaftler in Salzburg und Wien.

Abschiebung (1995), sein vielbeachtetes Prosadebüt, ist zugleich Etüde und Nukleus der folgenden Romane. Erzählt wird in der für Vertlib typisch zurückhaltenden und nüchternen Art vom Sommer 1981, als die Familie des jugendlichen Ich-Erzählers nach einjährigem, illegalem Aufenthalt in den USA abgeschoben werden soll. Die amerikanischen Einwanderungsbehörden traktieren die Familie genauso wie die mit Lakonie und subtilem Spott beschriebenen Ausbrüche des Vaters, der sich als Zionist versteht und gleichzeitig von der israelischen Botschaft garantieren lässt, dass er auf keinen Fall nach Israel deportiert werden kann.

Der Verlust der Illusionen angesichts des jahrzehntelang erduldeten Leids, auch und gerade im Hinblick auf die gelobten Länder Israel und USA, verantworten die Tragik dieser Familiengeschichte, die mit Vertlibs erstem Roman Zwischenstationen (1999) eine breitere epische Entfaltung findet. Die unfreiwillige Wanderschaft durch drei Kontinente, von Russland aus bis letztlich nach Wien-Brigittenau, führt, begleitet von elterlichen Zwistigkeiten und kindlichen Ängsten, in eine Welt, die fast nur aus Behördenstempeln, Passanträgen, Protestbriefen und Aufenthaltsgenehmigungen zu bestehen scheint.

Aus der Perspektive eines Jungen, der mit fünf Jahren die Vorschule am Stadtrand von Tel Aviv besucht und am Ende als 15-jähriger in der Boston Public Library Ärger mit seiner Sozialversicherungsnummer hat, gelingen dem Erzähler hinreißende Dialogpassagen und anschauliche Situationsbeschreibungen, die mit ihrer Mischung aus gespielter Naivität und ironischem Biss die Doppelbödigkeit des Erzählten als Posse und Tragödie gekonnt vermitteln.

Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur (2001) reicht noch weiter zurück als das eines 15-jährigen Jungen, und so entfaltet dieser Roman einen üppigen Geschichtsbogen von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart. Ausgangspunkt dieses zeitgeschichtlichen Kaleidoskops ist die 750-Jahr-Feier der deutschen Kleinstadt Gigricht. Zu diesem Anlass soll ein Jubiläumsbuch mit Beiträgen ausländischer Mitbürger entstehen. Die erst seit kurzem in der ostdeutschen Provinz ansässige, über 90-jährige Rosa Masur meldet sich und erzählt, gegen Honorar, einem Interviewer ihr langes Leben.

Aus Witschi in Weißrußland stammend, erinnert sich Rosa mit erstaunlicher Detailliertheit an die Pogrome der Kindheit, an Revolutionszeit, Weltkrieg, an den Terror der Stalinzeit und schließlich an die Übersiedlung nach Deutschland. 1910 jagte schon der dörfliche Mob die Juden, die Eltern wurden von den Deutschen ermordet, die Belagerung Leningrads 1941/42, der von Stalins Schergen erschossene Bruder, die Zionistenhetze 1953 und die Schikanen der russischen Behörden, die es ihrem Sohn anfangs nicht erlaubten, wegen eines Tippfehlers in einer Arbeit zu studieren. 85 Jahre vergehen, bis Rosa, die als Übersetzerin und Verlagsangestellte überlebt hat, ausreisen kann; ihr Traum ist es, mit der Familie die Provence zu besuchen. Der Antisemitismus begleitete sie ein Leben lang, fatalistisch scheint sie ihr Schicksal akzeptiert zu haben: »Gott hat die ... Gojim (erschaffen), um uns für unsere Sünden zu bestrafen. Man muß sich damit abfinden.«

Dieses bewegende, unsentimentale Buch über ein zentrales Kapitel europäischer Geschichte findet in Vertlibs jüngstem Roman Der letzte Wunsch (2003) seine kongeniale Fortsetzung. Wieder ist die deutsche Kleinstadt Gigricht Schauplatz der Handlung. Wieder gelingt es Vertlib, die latenten Konflikte um eine jüdische Identität episch zu reflektieren und aufzulösen. Gabriel Salzinger will seinen verstorbenen Vater nach dessen letzten Willen auf dem jüdischen Friedhof von Gigricht beerdigen. Doch die jüdische Gemeinde interveniert und lässt den Sarg wieder aus der Grube heben, weil der Vater nach orthodoxem jüdischen Verständnis nicht die entsprechenden Bedingungen erfüllt hätte: eine Großmutter war Christin gewesen, und er selbst hätte nicht nach den strengen Regeln der Gemeinde gelebt.

Salzinger rekapituliert den Lebensweg seines Vaters, der 1939 mit seiner Mutter vor den Nazis geflohen und erst 1949 wieder nach Deutschland zurückgekehrt war. Wie viele balanciert auch er zwischen den Religionen und Konventionen, genauso wie sein Sohn: »Der christliche Europäer würde nicht existieren, gäbe es den Juden nicht, und der Jude wäre kein Jude ohne den Goi. Ich selbst trage beide in mir, den Juden und den Goi. Wie in einem Labyrinth bin ich zwischen den Spiegeln gefangen. Egal in welche Richtung ich mich wende, stoße ich gegen Glas.« Gabriel ringt mit der Gemeinde um eine Lösung für die Erfüllung des väterlichen Wunsches, doch am Ende nimmt der Roman eine dieser für Vertlib so typisch- grotesken Wendungen. Dem Autor bleibt zu wünschen, dass er noch stärker ins Licht der Öffentlichkeit rücken möge; seine Romane zählen in jedem Fall zum Vorzüglichsten, was die jüdische Literatur dieser Tage hervorgebracht hat.

Vladimir Vertlib: Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur. Deuticke, Wien 2001. 431 S., 23 EUR

Letzter Wunsch. Roman. Deuticke, Wien 2003. 389 S., 22,90 E, auch als: dtv-Taschenbuch 12 EUR


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00:00 13.05.2005

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