Der Kampf der Bücher

Westliche Werte Die deutsche Kanondebatte hat mit der amerikanischen Debatte wenig zu tun

Mit dem literarischen Kanon verhält es sich fast so wie mit dem Internet. Er ist in erster Linie das Produkt elitärer, intelligenter US-amerikanischer Militärs. Als die USA im Jahr 1917 ihre Isolationspolitik aufgaben und in den Ersten Weltkrieg eintraten, musste man nach einer Begründung und Motivation suchen, um Soldaten und Offiziere auf die Schlachtfelder Europas zu schicken. Die Militärakademie fand eine Wunderlösung. Soldaten, so dachte die sich, können Töten und Getötetwerden ethisch noch am ehesten legitimieren, wenn sie die Werte der Zivilisation kennen, für die es sich lohnte, sein Leben aufs Spiel zu setzen. In Einklang mit dem damaligen Kulturbegriff beschlossen die Behörden daher, die Klassiker des Westens - von Homer über Aischylos bis zu Voltaire und Rousseau - als Lektürekanon zu etablieren um die Moral der Truppe zu garantieren.

Als die Universität in den USA nach der Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren zur Massenuniversität avancierte und die Colleges die Aufgabe übernahmen, Kinder der Mittelschicht mit der hohen Kultur vertraut zu machen, begann der Siegeszug des Kanon. Er dauerte bis zum Zweiten Weltkrieg, als Programme westlicher Kultur mit festem Lektürekanon eingeführt wurden. Dieser Honeymoon zwischen Homer, Platon, dem Heiligen Augustinus und Montaigne und der Politik des Kalten Krieges dauerte bis zum Vietnamkrieg, als in den Universitäten ein kritischer Ton angeschlagen wurde. Erst als der "melting pot", die Ideologie von der Einheit der Vereinigten Staaten auf multikultureller Grundlage, zu funktionieren aufhörte, explodierte die Kanondebatte in den USA. In Deutschland hat sie etwas seltsam künstliches. Kein Wunder, schwappte sie doch verspätet aus den USA herüber.

Dort entzündete sich Ende der achtziger Jahre eine Debatte um das Curriculum, und zwar zunächst an der Stanford University in Kalifornien. Anlass der Polemik war die Frage, ob der Grieche Platon oder die Guatemaltekerin Rigoberta Menchú, die spätere Friedensnobelpreisträgerin, in das Curriculum aufzunehmen sei. Bei der Entscheidung über Fragen der Repräsentation westlicher Kulturwerte handelte es sich also um einen administrativ-institutionellen-universitären Akt. Die Debatte weitete sich zum "Kampf der Bücher" aus und erregte internationales Aufsehen. Aus dem "Kampf der Bücher" wurde schnell ein "Krieg der Kulturen". Auf James Atlas Studie Battle of Books. The Curriculum Debate in America (1990) folgte der Klassiker von Henry Louis Gates Jr.: Loose Canons. Notes on the Culture Wars (1991). Die Buchtitel verweisen auf den unmittelbaren Zusammenhang mit konkreter Politik. Gegen ein Verständnis von Kultur, das auf Pluralität und Differenz setzte, traten die Hardliner an und vollzogen rhetorisch die Trennung zweier Welten, des Westens und des Ostens, des Südens und des Nordens. Fundamentalistische Vorstellungen von der Existenz "essenzieller" Kulturen, die im Kanon repräsentiert sind und beibehalten werden müssen, wurden formuliert. Gegen diese Position richtete sich Edward Saids Studie Culture und Imperialism (1993), die als interessanteste Intervention in die Debatte gilt.

Die nordamerikanische Curriculum-Kanon-Debatte, der "Kampf der Bücher" und "Krieg der Kulturen" hat als eigenes, abgetrenntes, spezifisch US-amerikanisches Problem mit der deutschen Kanondebatte nichts, aber auch gar nichts am Hut. In Deutschland fand die erste, müde Debatte zwischen 1947-49 in der damaligen "Sowjetisch besetzten Zone" und der "Zone der Alliierten" bei der Entscheidung über Lehrpläne für Schulen und Universitäten statt. Anders als in den USA gab es die Idee einer ethischen Funktion von Kultur oder moralischer Erziehung für deutsche Universitäten zunächst nicht. Das Gleiche gilt auch für den Rest Europas, für Lateinamerika oder andere Breitengrade.

Bei der jüngst von Reich-Ranicki publizierten Kassette Der Kanon 20 Romane und ihre Autoren handelt es sich schlicht um einen rein verlegerischen, Markt-, Geld- und Verkaufscoup in dem fast ausschließlich Suhrkamp-Autoren re-ediert werden. Das Ganze wird unter dem Etikett Kanondebatte gehandelt. Doch die eigentlich interessanten Fragen: wie ein Kanon sich herausbildet oder verändert, Fragen der notwendigen, ständigen Revision des Kanons, die Existenz verschiedener Kanones oder die Frage des offenen Kanon bleiben ausgespart. Soll mit Der Kanon die neue Generation von Germanistikstudenten auf ihren Bachelor (den neu eingeführten Hochschulabschluss) vorbereitet werden? Oder liegt das Augenmerk auf den Schulen, als der Orte, wo der oder ein Kanon verankert und reproduziert wird? Darf man die Kassette als Vorbereitung auf weitere Reich-Ranicki-Verlags-, Verkaufsprojekte verstehen? Folgt der deutsche Literaturpapst dem US-amerikanischen, Harold Bloom, der einen westlichen Kanon der Weltliteratur aufgestellt hat. In dem dünnen Einleitungsbändchen Der Kanon jedenfalls liest man Bedrohliches. Reich-Ranicki behauptet, "der Verzicht auf einen Kanon in einer zivilisierten Gesellschaft" sei "verhängnisvoll" "wäre ein Rückfall in Willkür, in Chaos, in die Barbarei". In welche Schlacht ziehen wir eigentlich Herr Reich-Ranicki?

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00:00 22.11.2002

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