Der Kampf gegen lila Pudel

Antifeminismus Nicht nur von rechts rufen Männerrechtler zum Sturm gegen die Frauenbewegung auf. Wer sind diese Maskulisten? Und was treibt sie an?
Gerhard Hafner | Ausgabe 14/2013 37

Frauen und Kinder zuerst? Über dieses uralte Schiffsbruch-Gebot streiten zwei Männerrechtler im Internet. Für den konservativen Mann ist es eine Sache seiner Mannesehre, Frauen und Kinder zu retten – auch unter Einsatz seines Lebens. Diese heroische Regel in Frage zu stellen, hieße für ihn, den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören. Für den „linken Maskulisten“, wie sich der andere bezeichnet, gilt hingegen: Gleichberechtigung in jeder Situation – keine Vorrechte für Frauen! Beide nennen sich Maskulisten, beide bekämpfen das „Feminat“ oder auch: die „Femokratie“, also die angebliche Vorherrschaft von Feministinnen über das männliche Geschlecht.

Doch wer sind diese selbsternannten Männerrechtler? Wer im Internet zu genderpolitischen Fragen surft, wird früher oder später von ihren Pöbeleien belästigt. Eine rabiate Community drängt viele Internetforen in eine frauenfeindliche Richtung oder torpediert als „Trolle“ die Chats mit abseitigen Einwürfen. Männerrechtler bekämpfen die Gleichstellungspolitik als Bevormundung eines Staates, der angeblich unter weiblicher Kuratel steht. Folgerichtig sind das Gendermainstreaming der Europäischen Union und die staatlichen Gleichstellungsbeauftragten zu ihrem bevorzugten Hassobjekt avanciert.

Im Schutz der Anonymität des Netzes grassiert seit Jahren eine menschenverachtende Hasspropaganda gegen Feministinnen. Die hate speech der Maskulisten trifft aber auch alle als „lila Pudel“ titulierten Männer, die diesen Antifeminismus nicht teilen. So beschimpfen die Männerrechtler beispielsweise den Interessenverband für Jungen, Männer und Väter „Bundesforum Männer“ voller Aggression und Häme, weil er sich nicht auf ihre Seite schlägt und vom – Gottseibeiuns – Bundesfrauenministerium gefördert wird.

Homophober Nationalismus

Inzwischen liegen verschiedene Studien zu den Antifeministen vor. Der Soziologe Hinrich Rosenbrock hat im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung die Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung der antifeministischen Männerrechtsbewegung untersucht. In Ideologie und Wortwahl unterscheiden sich die verschiedenen Strömungen der Antifeministen, auch einige Antifeministinnen sind darunter, erheblich. Sie sind zwar über das Internet verbunden, aber in verschiedene Gruppen gespalten. Zusätzlich sind online viele Einzelkämpfer unterwegs, die ihren persönlichen Frust und Hass gegen Frauen in Blogs und Foren entladen.

Rechte und konservative Maskulisten sehen die Rolle der Frau immer noch als Mutter möglichst zahlreicher deutscher Kinder, als Haus- und Ehefrau und vielleicht noch als Zuverdienerin, während der Mann hinaus ins feindliche Leben stürmt. Rosenbrock zufolge gibt es eine rechtspopulistische Szene, die sich durch Nationalismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie hervortut und ein traditionelles, mitunter kriegerisches Bild von Männlichkeit propagiert. Die zahlreichen Berührungspunkte zwischen Maskulismus und Rechtsextremismus belegt auch der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebene Sammelband Was ein rechter Mann ist ... Rosenbrock betont jedoch, dass der Maskulismus als eigenständige, vom Rechtsextremismus unabhängige Bewegung gesehen und nicht allein nur wegen seiner Nähe zu rechten Kreisen zu kritisieren sei, sondern vor allem wegen seiner frauenfeindlichen Inhalte, die, so der Autor, letztlich auch männerfeindlich seien.

Im Gegensatz zu den rechten Maskulisten sehen sich andere Männerrechtler – und dies ist eine vergleichsweise jüngere Entwicklung – generell als Opfer von Frauen. Mit oft larmoyanter Attitüde versuchen sie nachzuweisen, dass sie auf vielen Ebenen benachteiligt und ausgebeutet werden. Einige bezeichnen sich selbst dabei explizit als „links“.

So propagiert der Soziologe Walter Hollstein beispielsweise seit mehr als zwanzig Jahren, dass nach dem feministischen Sieg endlich die Benachteiligung von Männern auf der gesellschaftlichen Agenda stehen müsse. Die Bedürfnisse der Jungen würden angesichts der Förderung von Mädchen völlig vernachlässigt. Opfer-Maskulisten wie Hollstein zielen durchaus auf eine Modernisierung der Männlichkeit, etwa indem sie das starre Gefühlskorsett des traditionellen Mannes aufbrechen möchten. An grundsätzlich dualistischen Vorstellungen dessen, was Männer von Frauen unterscheide, rütteln sie jedoch nicht.

Soziologische Untersuchungen wie etwa Carsten Wippermanns Studie Rolle vorwärts, Rolle rückwärts zu den Identitäten und dem Verhalten der verschiedenen Milieus traditioneller, moderner und postmoderner Männer zeigen, dass nach wie vor eine große Kluft zwischen Einstellungen und praktiziertem Verhalten besteht. Ulrich Beck charakterisierte dies bereits in den 1980ern als „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“. Wippermann zufolge haben etwa 14 Prozent aller Männer das Ich-Ideal eines „Lifestyle-Machos“. Dieser selbstbewusste Chauvinismus, der sich als attraktiv-modern stilisiert, ist sowohl in traditionellen wie auch in modernen Milieus anzutreffen.

Das Image des von Frau und Familie unabhängigen Mannes hat bereits eine längere Geschichte. Unter dem Begriff flight from commitment beschreibt die US-amerikanische Publizistin Barbara Ehrenreich, wie sich weiße Mittelschichtsmänner in der Playboy-Ära der 50er Jahre aus der Verantwortung als Brotverdiener verabschiedeten. Die hedonistischen und konsumorientierten Männer grenzten sich gegenüber Ansprüchen von Frauen ab, rebellierten gegen die Zwänge der Männerrolle und setzten auf persönliches Wachstum und lockere Beziehungen zu Frauen. Der Lifestyle-Maskulismus einiger Männer und Männergruppen wurde geboren.

In der Mitte der Gesellschaft

Auch die Friedrich-Ebert-Stiftung geht der Frage nach, wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren: In seiner Studie Geschlechterkampf von rechts nimmt Thomas Gesterkamp unter anderem die deutschen Leitmedien ins Visier – etwa den Spiegel, der ein düsteres Bild autoritärer Genderpädagogik an die Wand malt, das Jungen „früh zu Kritikern des eigenen Geschlechts“ mache oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die gegen ein „angewandtes Kaderprinzip der feministischen Lobby“ wettert, welche eine „politische Geschlechtsumwandlung“ plane. In der Welt forderte der Soziologe Gerhard Amendt, einst Vorkämpfer für die Legalisierung der Abtreibung, die Abschaffung der Frauenhäuser, weil die dort Tätigen mit ihrer „antipatriarchalen Kampfrhetorik“ und einer „Ideologie des Radikalfeminismus“ zu „professionellen Interventionen“ nicht fähig seien.

Der Antifeminismus ist also keineswegs nur am rechten Rand, sondern durchaus auch in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt. Das zeigen nicht nur gewendete Linke wie Amendt und Hollstein. Auch die Partei der Piraten hat trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer vorgeblich genderneutralen Philosophie ein massives Maskulismus-Problem. In der „männerpolitischen Initiative“ dieser netzaffinen Partei mit erheblichem Männerüberhang agitierten radikale Maskulisten wie Arne Hoffmann. Seine Pamphlete und Blogeinträge statten frustrierte Männer mit Munition für zermürbende Rosenkriege mit Expartnerinnen aus. Mit seinen sadomasochistischen Romanen ist dieser Schriftsteller jedoch durchaus anschlussfähig zu den neuen Mittelschichten mit ihren schicken Lifestyle-Experimenten.

Ein Tipp zuletzt: Wer von den Internet-Hasspredigten der Maskulisten genug hat, erhole sich bei der Online-Version von Antifeministen, einem süffisanten Buch über Altgläubige und praktische Egoisten und auch über Weib gegen Weib. Nichts Neues? Richtig. Geschrieben von der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, anno 1902.

Gerhard Hafner arbeitet als Diplom-Psychologe mit gewalttätigen Männern in Berlin.

 

09:00 09.04.2013

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