Der Kampf um Köln

Bundestag Karl Lauterbach will sein Direktmandat verteidigen – gegen Serap Güler. Deren Förderer und Freund heißt Armin Laschet
Der Kampf um Köln
Serap Güler könnte unter einem Kanzler Laschet Integrationsministerin werden. Karl Lauterbach gilt vielen als der eigentlich kompetentere Gesundheitsminister

Foto: Michael Bause, Martina Goyert

Serap Güler ist als Erste beim Impftermin in Köln-Mülheim. Die 40-Jährige, die Armin Laschet als Kanzler vermutlich zur ersten Bundesintegrationsministerin machen würde, posiert im Brennpunktgebiet für Fotos mit Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, plaudert auf Türkisch mit kopftuchtragenden Helferinnen, sagt in die Fernsehkameras, was sie seit Wochen in die Fernsehkameras sagt: Wie wichtig Aufklärung beim Impfen sei, dass es darum gehe, sozial benachteiligte Menschen (nicht „Migranten“) frühzeitig zu impfen, dass Angebote wie dieses hier vorbildlich seien. Vor dem Impfbus warten Dutzende Menschen auf die Spritze. Serap Güler schenkt jedem ein Lächeln.

Als Karl Lauterbach zwei Tage später im schwarzen Mercedes-Kombi vorfährt, wartet niemand. Er selbst muss, flankiert von zwei Personenschützern, kurz warten, weil alle überrascht sind, dass er da ist. Lauterbach, 58, kommt oft unangekündigt. Nicht nur, aber auch, weil er regelmäßig Morddrohungen erhält. Seit er täglich die Gefahren des Coronavirus und die Notwendigkeit von Lockdowns erklärt, mehr denn je. Er eilt in den Impfbus, fragt, ob er jemanden impfen darf, bekommt eine Spritze gereicht, sagt der verdutzten Frau ein paar Sätze zur Wirksamkeit des Johnson-&-Johnson-Präparats, verabschiedet sich von den Ärzten. Verspricht Mülheimer Stadtteilmüttern, deren Förderung ausläuft, Hilfe, macht ein Selfie mit einem noch nicht anerkannten Geflüchteten, telefoniert. Checkt ein paar Fäuste und Ellenbogen, eilt hinaus. Es ist Sonntag, er hat gleich noch ein wissenschaftliches Online-Panel, ein Interview mit dem Heute-Journal, zwischendurch trifft er seine Mutter, später seinen Kumpel Günter Wallraff. 26 Minuten bleiben für ein Gespräch.

Lauterbach hat im Wahlkreis „Leverkusen/Köln IV“ seit 2005 immer das Direktmandat geholt und nie weniger als 37 Prozent. Güler, Staatssekretärin für Integration in NRW, ist noch nie direkt in den Landtag gewählt worden. Sie wird mit dem sicheren Listenplatz acht auch dann in den Bundestag einziehen, wenn sie den Wahlkreis nicht gewinnt – für Karl Lauterbach mit Listenplatz 23 gilt das nicht, jedenfalls nicht ohne ein wundersames SPD-Comeback bis zum 26. September.

Für seine Aufgabe als Corona-Pandemie-Erklärer und nationales Gewissen hat die SPD den Kölner Epidemiologen und Harvard-Professor Lauterbach weder abgestellt noch personell ausgestattet. Er macht es aus eigenem Antrieb. Auf die Frage, woran es liege, dass er als präsentester und bekanntester Mensch seiner Partei keinen sicheren Listenplatz bekommen habe, sagt er: „Kein Kommentar. Dazu äußere ich mich nicht.“

Man könnte jetzt, da er die FFP-2-Maske mit zweiter Zellstoffschicht abgelegt hat und auf einer Steinbank in der Mittagssonne schwitzt, an seinen Mundwinkeln etwas Säuerliches ablesen, am Tonfall leisen Groll. Vielleicht findet er die Frage einfach so unnötig wie jedweden Parteiklüngel – schließlich weiß er, dass Menschenfischen nicht sein Metier ist; dass er in der SPD keine Machtbasis hat und nie haben wird, weil er lieber Studien liest, mit Wissenschaftlerinnen spricht, Gesetzentwürfe schreibt, Tischtennis spielt und in Talkshows seine Meinung sagt.

Er wollte SPD-Chef werden

Mit Niederlagen kennt Lauterbach sich zudem aus: Als er mit der Umweltexpertin Nina Scheer zum Kampf um den SPD-Vorsitz antrat, war er im Wahlkampf zwischenzeitlich so beschwingt, dass er sich dem Sieg nahe fühlte und einer Spiegel-Reportage zufolge auch die Kanzlerschaft für möglich hielt. Er scheiterte dann deutlich. Dass er wieder aufgestanden ist und ihn die fehlende Gefolgschaft der Partei nicht anficht, gehört zu seinem Naturell.

Der jungenhaft wirkende Lauterbach sieht etwas abgekämpft aus an diesem Junisonntag. Er blinzelt viel, sein sonst sorgfältig gekämmtes Haar ist leicht zerzaust. Vor Kurzem sah man ihn für gut eine Woche nicht in Talkshows, er setzte keine Twitter-Nachrichten ab. Man begann sich zu sorgen – bis er twitterte, dass er wegen einer Augenoperation einige Tage nicht getwittert habe. Über den Zustand seines Auges möchte er nichts sagen, über seine Ambitionen schon. „Natürlich möchte ich gern Gesundheitsminister werden und glaube auch, dass ich das ganz gut könnte.“ Zu den Aussichten einer erneuten Regierungsbeteiligung der SPD sagt Lauterbach: „Es sind noch 100 Tage Zeit, das ist viel.“ Zu Serap Güler will er nichts sagen.

Güler sagt bei einem Spaziergang am Mülheimer Rheinufer, dass „Lauterbach in der Pandemie viel mehr als Epidemiologe agiert denn als Politiker“. Es gebe aber „auch in Mülheim viele Menschen, die von Kurzarbeit betroffen sind oder gar keine Arbeit haben. Die brauchen mehr als nur epidemiologische Ratschläge“. Zwischendurch raucht sie eine Zigarette und drückt sie auf dem Pflaster aus. Man kann sie sich gut mit Döner in der Linken und Kölsch in der Rechten im Wahlkampf vorstellen. Lauterbach tritt für eine Zuckersteuer ein, mahnt vor Fleischkonsum und isst der Legende nach seit Ewigkeiten kein Salz.

Beide kommen aus Arbeiterfamilien. Gülers Geschichte – Vater im Bergbau, Mutter kopftuchtragende Hausfrau, Ausbildung zur Hotelkauffrau, Studium der Germanistik und Kommunikationswissenschaften, sie arbeitet sich hoch zur Staatssekretärin – betonen ihre Förderer aus der Union gerade so sehr als vorbildliche Integrationserzählung, dass es manchmal fast schon wehtut. Lauterbachs Vater war Vorarbeiter und ein harter Knochen, er selbst anfangs auf der Hauptschule, später studierte er in Harvard. Beiläufig zählt er ein paar Etappen aus seiner wissenschaftlichen Laufbahn auf, die er aber – freundliche Grüße an Frau Baerbock – „nicht in meinen Lebenslauf schreiben würde“.

Selbstbewusst ist Güler auch – aber sonst in vielerlei Hinsicht ein Gegenentwurf zu Karl Lauterbach, nahbar (und trotzdem freundlich distanziert). Am Anfang ihrer politischen Laufbahn. In der CDU und Unternehmenskreisen engmaschig vernetzt. Armin Laschet hat ihr den Weg in die Politik geebnet und sie mit vielen wichtigen Menschen bekannt gemacht. Sie hat den CDU-Kanzlerkandidaten einst bei einer Veranstaltung von Cem Özdemir an der Universität Köln kennengelernt, nennt Laschet einen „Förderer, Mentor und Freund“. Aus dem inneren Machtzirkel des CDU-Chefs und NRW-Ministerpräsidenten, den im Wesentlichen ihm getreue, ältere Männer bilden, ragt Güler als noch relativ junge Frau hervor.

In diesen Wochen ist sie ähnlich wie Lauterbach auf allen Kanälen präsent: Güler feuert als Erste über Twitter, nachdem die CDU in Südthüringen Georg Maaßen als Bundestagskandidaten nominiert hat: „Habt ihr den Knall nicht gehört? Wie kann man so irre sein und die christdemokratischen Werte mal eben über Bord feuern?“ Sie redet mit der Zeit über Maaßen und ihren Kampf gegen Rassismus. Sie wurde geschickt, um bei Maischberger Laschet gegen Markus Söder zu verteidigen. Sie spricht und lächelt bei Markus Lanz und bei Ingo Zamperoni in den Tagesthemen. Manchmal sieht es so aus, als schicke der rhetorisch holprige Kandidat lieber seine Vorzeigeschülerin. Längst ist Güler, die als Redenschreiberin und Sprecherin bei Laschet angefangen hat, die wichtigste Frau in seinem Schattenkabinett.

Sie will Ministerin werden

Anschlussfähig ist sie auch, weil sie mit ihren Positionen ein Spektrum von sehr weltoffen bis sehr konservativ abdeckt: Güler ist für die doppelte Staatsbürgerschaft und gegen Abtreibung, hat sich für ein Kopftuchverbot bis zum Alter von 14 Jahren eingesetzt und gegen ein Bündnis der CDU mit den Grünen, sie ist für mehr sozialen Wohnungsbau und gegen höhere Steuern. Fragt man sie „Gelb oder Grün?“, ruft Serap Güler fast empört „Gelb!“. Und lächelt.

Wenn Lauterbach, der sagt, die „einzige sympathische Partei außer der SPD sind die Grünen“, gebeten wird, für ein Foto zu lächeln, ist das Resultat eine leicht gequälte Grimasse. Die Kampagne für seinen Kampf um den SPD-Vorsitz hatte er mit der Umweltexpertin Nina Scheer auf die Klimapolitik fokussiert und die Grünen dabei ökologisch links überholt. Vermutlich hat sein Mangel an Nahbarkeit und Parteistallgeruch verhindert, dass er SPD-Chef wurde, und auch, dass er als OB-Kandidat in Köln aufgestellt wurde, und dieser Mangel wird wohl verhindern, dass er irgendwann doch noch Gesundheitsminister wird. Obwohl nicht nur er selbst von sich sagt, „inhaltlich gut zu Fuß“ zu sein, sondern auch die Mehrheit der Deutschen ihn für kompetenter hält als Jens Spahn.

Karl Lauterbach, sagen Menschen aus dem Kölner und Berliner Politikbetrieb, sei analytisch brillant, aber auch störrisch, bisweilen rechthaberisch. Eine Genossin beschreibt ihn als „unglaublich fleißig und kompetent, der lebt nur für die Arbeit“. Wohl kein Politiker habe in den vergangenen Jahren mehr Gesetze auf den Weg gebracht. „Es sind mehr als 80“, sagt Karl Lauterbach selbst, in dem ihm eigenen gepressten Tonfall.

Güler wird von Parteikollegen aus Düsseldorf und Köln als „karriereorientiert“, „ehrgeizig“, „emotional“, „resolut“, „selbstbewusst“, „dominant“ und „gut im Netzwerken“ beschrieben. Die SPD-Fraktion im Landtag warf ihr im Januar vor, es mit dem Netzwerken zu weit getrieben zu haben – ihre private und Parteifreundin Emitis Pohl hatte mit ihrer PR-Agentur einen lukrativen Auftrag von Gülers Ministerium erhalten. Beweisen ließen sich die Klüngelvorwürfe nicht. Sie habe sich rausgehalten, weil sie befangen war, sagt Güler. „Hier ist alles absolut sauber gelaufen und ich bin mit meinem Gewissen im Reinen.“ Florian Braun, CDU-Landtagsabgeordneter, sagt: „Serap Güler ist viel zu intelligent, um sich da etwas zuschulden kommen zu lassen.“

Vorwürfe rechter Journalisten, sie stehe der rechtsextremen türkischen Gruppierung „Graue Wölfe“ nahe, weil sie mal eine Veranstaltung besucht hatte, die von deren Funktionären organisiert worden war, regen Güler auf. Sie habe immer wieder ein Verbot der Grauen Wölfe gefordert und tue das bis heute. „Mir eine Nähe zu ihnen zu unterstellen, ist geradezu perfide. Ich habe schon oft Morddrohungen von türkischen Nationalisten und Islamisten erhalten.“

Dass er Nebeneinnahmen aus vier Vorträgen versehentlich zwei Monate später gemeldet hatte, verbreitete Karl Lauterbach über Twitter. „Riesenfehler, für den ich geradestehe“, schrieb er und ergänzte das Eingeständnis mit der Ankündigung, das Vortragsgeld „für Indien“ zu spenden. Lauterbach ist Vieltwitterer, fast 8.500 Posts hat er bei dem Nachrichtendienst schon abgesetzt. Er twittert den Impftermin in Mülheim genauso wie den Hinweis, dass Grillfleisch zehnmal mehr Treibhausgase verursache wie vegetarische Alternativen und er seit 33 Jahren kein Fleisch mehr esse. Lauterbach nimmt keine Rücksicht darauf, Fleischesser mit solchen Posts womöglich zu verprellen. In diesem Falle verzichtet er auch auf eine Präzisierung, um welche „vegetarischen Alternativen“ es sich denn handelt.

Serap Güler nutzt Twitter ähnlich häufig, aber anders: Wenn sie eine offene Flanke sieht wie bei der Nominierung des CDU-Rechtsaußens Maaßen in Thüringen, stößt sie hinein. Ansonsten promotet sie ihre Interviews und ihre Parteifreunde, vor allem Armin Laschet, und positioniert sich gegen Rassismus und Antisemitismus, schießt gern mal gegen Baerbock oder Habeck. „Der Hype um Frau Baerbock erinnert mich an Martin Schulz“, sagt sie beim Spaziergang am Rhein. „Ich bin sehr überzeugt, dass Laschet Kanzler wird.“ Und sie dann Integrationsministerin? „Warum nicht?“

Lauterbach, schwitzend auf dem Mülheimer Marktplatz, sagt, er werde „nach der Wahl machen, was ich immer gemacht habe“. Dazu muss er nicht unbedingt im Bundestag sitzen.

Uli Kreikebaum arbeitet als Reporter beim Kölner Stadt-Anzeiger

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