Der Kanada-Clan

Linke Superhelden Als Premier befreite der Vater einst das Land vom konservativen Muff. Nun kämpft sein Sohn Justin Trudeau für eine offene Gesellschaft
Jonathan Kay | Ausgabe 18/2016 8
Der Kanada-Clan
Anders als seine Gegner schlug Justin Trudeau nie über die Stränge: Die Wähler lieben ihn dafür

Illustration: der Freitag

Um zu verstehen, was Justin Trudeau für die Kanadier bedeutet, muss man zuerst verstehen, was sein Vater für die Kanadier bedeutet. Und dafür wiederum muss man bedenken, wie Kanada Ende der 1960er aussah, als Pierre Trudeau auf einer Welle der „Trudeaumania“, wie es damals hieß, ins Amt geschwemmt wurde.

Die Männer, die diesen Staat durch das erste Jahrhundert seiner Existenz führten, waren durchweg strenge Grauköpfe, die sich mit technischen Problemen herumschlugen, mit Eisenbahnbau und Fischereigesetzen, mit Subventionen für benachteiligte Provinzen und Handelsabkommen mit den USA – und damit, zwischen dem französischsprachigen Québec und dem Rest des Landes den Frieden zu wahren. Revolutionäre Lichtgestalten waren das nicht. Kanada hatte nie einen George Washington oder Abraham Lincoln; und auch keinen Ronald Reagan.

Es war Pierre Trudeau, der die Abfolge der langweiligen Premierminister durchbrach. Schaut man sich heute Fotos von ihm an, sieht er nicht per se sexy aus. So lebhaft in Erinnerung geblieben ist er, weil er ein außergewöhnlich kluger Kopf war. Dieser charmante Intellektuelle aus Montreal, geboren im Jahr des Versailler Vertrags, schien seltsamerweise vieles von dem zu verkörpern, was den Stil und den subkulturellen, leicht anarchistischen Elan der 60er Jahre ausmachte.

Tatsächlich war er der erste hochrangige kanadische Politiker, der öffentlich Sinn für Ironie zeigte. Nachdem ihn 1977 die Queen im Buckingham-Palast empfangen hatte, tanzte er eine kleine Pirouette, in stummer Parodie des Pomps und Zeremoniells, mit dem das königliche Protokoll einherging.

Obwohl in einem traditionell-katholischen Umfeld in Québec aufgewachsen, wurde Pierre Trudeau mit zunehmendem Alter immer unorthodoxer. Berühmt ist sein Ausspruch über die kanadischen Gesetze zur Sexualität und Moral: „Der Staat hat in den Schlafzimmern der Nation nichts zu suchen.“ Solche Töne waren in den 60ern im konservativen Kanada alles andere als üblich, so dass Trudeau heute als Pionier des gesellschaftlichen Liberalismus gilt. Besonders unter Linken ist er eine der meistbewunderten Gestalten der kanadischen Geschichte.

Hinter den Kulissen allerdings war Pierre Trudeau ein Paradox. Denn der elegante Sozialrevolutionär hatte von seinem eigenen Privatleben ganz traditionelle Vorstellungen. 1971, im Alter von 51 Jahren, heiratete er eine 30 Jahre jüngere Frau – Margaret Sinclair. Sie sollte, so erwartete er es zumindest, ihm als loyale Hausfrau beim Regieren den Rücken frei halten. Sie hatte allerdings ganz andere Vorstellungen von ihrem Leben und die Ehe verlief katastrophal.

Das Gegenteil vom Vater

Pierre Trudeau war ein Workaholic, der die Abende am Schreibtisch verbrachte und Kabinettsvorlagen stets von vorne bis hinten durcharbeitete. Margaret fühlte sich einsam und langweilte sich; vor allem vermisste sie ihre eigene Großfamilie, die ein paar tausend Meilen entfernt in British Columbia lebte. Die Trudeaus bekamen drei Söhne: Justin, Alexandre und Michel. Doch die Mutterschaft füllte Margaret nicht aus. Sie verließ Ottawa und begann ein Partyleben in New Yorker Nachtclubs. Als Bilder von ihr in den Klatschblättern auftauchten, war Pierre außer sich.

Die beiden ließen sich scheiden, und die Söhne verbrachten den Großteil ihrer Kindheit beim Vater. Erst viele Jahre später wurde bekannt, dass Margaret Trudeau zu der Zeit mit ernstlichen psychischen Problemen zu kämpfen hatte. In den 70ern galten bipolare Erkrankungen noch als anrüchig, und sogar einige ihrer eigenen Angehörigen rieten Margaret davon ab, sich in Behandlung zu begeben.

Später lernte sie mit ihrer Krankheit umzugehen, begann mit großem öffentlichem Erfolg um Verständnis für psychische Leiden zu werben und baute die gekappte Beziehung zu ihrer Familie wieder auf. In den Monaten seit dem Regierungsantritt ihres Sohnes Justin ist sie mehrmals zusammen mit ihm öffentlich aufgetreten und scheint dieser Rückkehr ins Rampenlicht durchaus etwas abzugewinnen. In den 70ern aber erlebten die Söhne ihre Abwesenheit als sehr schmerzhaft. In seiner Autobiografie Common Ground schreibt Justin Trudeau darüber, wie er als Kind darunter litt, seine Mutter nur sehr selten zu sehen. Ich glaube, seine Gefühlsreaktion auf diese Lebensphase prägt bis heute nicht nur seine Persönlichkeit, sondern auch seine Haltungen, einschließlich seiner politischen Einstellungen.

Schon immer hat sich Justin Trudeau bemüht, Menschen zusammenzubringen – angefangen mit seiner Familie nach dem Fortgang der Mutter. Dass er charismatisch und gesellig ist, hat er mit vielen erfolgreichen Politikern gemeinsam, doch bei ihm reichen diese Eigenschaften tiefer. In seiner Körpersprache, seiner Energie und seinem Lächeln drückt sich ein unbändiger Wunsch nach Verbindung mit den Menschen um ihn herum aus. Er umarmt freimütig, spricht offen über emotionale Themen, trägt das Herz auf der Zunge. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich stark von seinem Vater, ein eher reservierter Mensch, der niemals auf die Idee gekommen wäre, auf der Straße kleine Kinder zu herzen.

Die drei Trudeau-Söhne entwickelten sehr verschiedene Persönlichkeiten. Michel, der Jüngste, konnte der Welt des Glamours und der Politik, in die er hineingeboren worden war, nur wenig abgewinnen. Er floh vor dem Großstadtleben und dem prominenten Namen und arbeitete inkognito in einem westkanadischen Skigebiet. Mit nur 23 Jahren kam er im Jahr 1998 ums Leben, als ihn auf einer Wanderung eine Lawine erfasste und in einen eisigen See riss. Sein Tod erschütterte die ganze Familie, vor allem jedoch den Vater, der sich von diesem Verlust seelisch nicht mehr erholte.

Alexandre, der Mittlere, galt als derjenige der drei, der am ehesten in die Politik gehen würde. Viele erkannten in ihm große Ähnlichkeiten mit der Persönlichkeit seines Vaters. Aber er ging einen anderen Weg und wurde Autor und Filmemacher, der aus seinen linken, progressiven Überzeugungen keinen Hehl macht. Parteipolitisch hat er sich bis heute nicht engagiert. Vielleicht weil die politische Welt sich verändert hat. Heute erwarten die Wähler, dass die Kandidaten eine emotionale Nähe zu ihnen aufbauen, etwas, das zumindest zu Pierre Trudeaus Zeiten nicht üblich war.

Dies wiederum wäre auch eine Erklärung für Justins politischen Erfolg: Er vereint die Leidenschaft seines Vaters für den Staatsdienst mit der Geselligkeit seiner Mutter. Er ist scharfsinnig und belesen, doch ohne wie ein vergeistigter Intellektueller zu wirken. Schon im Grundstudium an der McGill University in Montreal glänzte er in der politisch äußerst komplexen Debatte über Kanadas Zukunft als konstitutionelle Demokratie. Er saugte den Liberalismus des Campuslebens auf, wurde zum engagierten Feministen und Umweltschützer und baute ein Netzwerk von Freunden auf, das ihm auch erhalten blieb, als er nach dem Studium zunächst als Lehrer arbeitete und dann allmählich begann, in der Politik Karriere zu machen.

Im Wahlkampf versuchten seine Gegner ihm vorzuwerfen, er schlachte den Namen Trudeau aus, anstatt sich durch harte politische Basisarbeit das Vertrauen der Kanadier zu verdienen. Doch Justin Trudeau erwies sich als der fleißigste Wahlkämpfer von allen. Und er hatte Manieren: Anders als seine Widersacher – der amtierende Rechtskonservative Stephen Harper und der linke Oppositionsführer Tom Mulcair – schlug er nie über die Stränge und blieb stets bei der Sache. Er wollte Kanada wieder enger zusammenführen, er warb dafür, die Dinge positiv anstatt immer nur negativ zu sehen, er wollte die Kluft zwischen Französisch und Englisch und zwischen Reich und Arm überwinden. Natürlich waren das alles auch Klischees. Aber es waren Klischees, die die Wähler hören wollten, vor allem nach den letzten Jahren der Harper-Regierung, die geprägt waren von Gehässigkeiten, Hysterie und neoliberaler Politik.

Antrieb: Schmerz

Insgesamt war Stephen Harper zwar ein durchaus erfolgreicher Premier, vor allem in der Wirtschaftspolitik. Doch wie alle Regierungen, die zu lange im Amt sind, entwickelten auch seine konservativen Parteifreunde das Gefühl, sie hätten die Macht für sich gepachtet. Und als ihnen in der dritten Legislaturperiode schließlich die Ideen ausgingen, glitten sie in plumpe Demagogie ab. Um ihre alternde weiße Kernwählerschaft bei der Stange zu halten, schürten sie Ängste vor Kriminellen und Terroristen – dabei zählt Kanada zu den sichersten Ländern der Welt. Besonders infam geriet eine Kampagne gegen muslimische Gesichtsschleier, bei der die Regierung ihre Bürger offen zur Denunziation von muslimischen Frauen aufrief. Das war Donald Trump light, und die Kanadier fanden es widerwärtig. Solche Hetzerei verfängt in diesem Land nicht.

Privat ist Trudeau ein bewundernswerter Mensch – jemand, der es geschafft hat, aus dem Schmerz einer weitgehend mutterlosen Kindheit den Antrieb zu entwickeln, anderen Menschen zu helfen. Seine positive Botschaft für die Kanadier trägt wesentlich dazu bei, dass unser Land sich nun von einer hässlichen und sehr „unkanadischen“ Phase seiner politischen Geschichte erholen kann.

Kanada steht für Multikulturalität, für Toleranz und Pluralismus – Qualitäten, auf die Harper am Schluss zu pfeifen schien. Indem Trudeau das Land zurück auf Kurs bringt, stellt er auch unser internationales Ansehen wieder her. Und kürzlich erst hat er bei seinem Treffen mit US-Präsident Barack Obama in Washington bewiesen, wie gut er bei aller Offenheit und Gradlinigkeit die Kunst der hohen Diplomatie beherrscht.

Noch steht er am Anfang seiner Amtszeit, und dem Gesetz der politischen Schwerkraft zufolge kann er sich nicht endlos von Erfolg zu Erfolg schwingen. Auch die Regierung Trudeau wird ihre Skandale und Streitigkeiten durchleben. Falls es in Kanada zu einem Terroranschlag kommt oder die Wirtschaft abstürzt, werden die Leute – wie immer – der politischen Führung die Schuld geben. Davor kann seine unbeschwerte Art Trudeau nicht bewahren. Im Gegenteil, sie macht es ihm eher schwerer, zu regieren: Denn sein Wunsch, allen Interessengruppen im Land aufgeschlossen und optimistisch zu begegnen, kollidiert mit den harten Entscheidungen, die ein Regierungschef in schwierigen Momenten zwangsläufig treffen muss.

Auf jeden Fall aber ist Trudeau zugutezuhalten, dass er in der kanadischen Politik wieder einen zivilen Ton eingeführt hat; und dass er bewiesen hat: Kluge, sympathische Menschen mit linken, liberalen Überzeugungen können eben doch Wahlen gewinnen. Gerade angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen in Europa und in den USA, wo Politiker derzeit immer dann politisch besonders erfolgreich sind, wenn sie verbal auf Immigranten und Muslime eindreschen, ist dies eine beruhigende Erkenntnis.

Jonathan Kay ist Journalist, Buchautor und Chefredakteur des kanadischen Magazins Walrus. Als Ko-Autor schrieb er für Justin Trudeau dessen Autobiografie

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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