Der Kanarienvogel in der Kohlenmine

Ein Bordeaux aus dem Burgund Weinreben sind keine Kartoffeln - und der Klimawandel macht den Weinbauern zunehmend zu schaffen

Im Klimaschrank der Chapel Down Winery liegt wenig Vertrautes. Ein paar Flaschen Bacchus finden sich da, darunter liegt eine Bouteille mit rotem Rondo. Sie schmecken nicht besonders. Als Vertreter veralteten englischen Weinbaus dienen sie allerdings nur zu gut. Draußen im Weingarten gibt es weitere Reminiszenzen. Regent und Huxelrebe wurden hier in Kent, im Süden Englands, vor Jahrzehnten aus Deutschland eingeführt. Robuste Rebsorten und den Kapriolen des Klimas gewachsen, sind sie anspruchslos wie das Endprodukt. Doch längst hat man hier die Zeichen der Zeit erkannt. Dort, wo einst Schönburger und Reichensteiner gelesen wurden, hat man vor einigen Jahren Pinot Noir und Chardonnay ausgepflanzt. Die beiden großen Rebsorten der Champagne sind die Elementarteilchen einer globalen ökologischen Umorientierung, die skrupellos aber selbstsicher auf den Wandel des Klimas setzt.

Was wird aus den Bordeaux-Weinen?

Sollten sich auch nur einige Prognosen der Experten bestätigen - und davon ist auszugehen -, wird dies gravierende Umstrukturierungen mit sich bringen und die gegenwärtige Zufriedenheit wohl ein wenig irritieren. So überlegte der australische Experte Richard Smart auf der Konferenz über Klimawandel und Wein in Barcelona im Frühjahr dieses Jahres, ob die heutigen Bordeaux nicht bereits einer postklassischen Ära angehören. Die Temperaturen steigen, darüber ist man sich einig. Und mit ihr der zu vergärende Zucker und letztlich die Alkoholgradation. Hatten die großen Bordeaux der vierziger Jahre oft nur elf Prozent Alkohol, so pendelte sich der Wert in den achtziger Jahren bei fast unumstößlichen 12,5 ein. In den letzten Jahren musste man dann teils schweren Herzens der Wahrheit Tribut zollen und zuweilen 13,5 oder gar 14 Prozent auf dem Etikett angeben. Erstmals wird demnach laut darüber nachgedacht, was vor kurzem noch zu einer Identitätskrise im Bordeaux geführt hätte: ob nicht etwa die dickhäutige Malbec eine Alternative zu den gegenwärtigen Rebsorten darstellen könnten. Dem Wunsch nach leichten, frischen Weinen, eleganten Essensbegleitern, wird man jedenfalls immer schwerer nachkommen können. Doch scheint der bei einer überaus einflussreichen Schar von Kritikern und Winzern erst gar nicht zu entstehen. So setzt der umtriebige Weinkonsulent Michel Rolland ganz bewusst auf weiche Tannine und opulente Weine und erfüllt damit Kriterien, die nicht nur dem 100-Punktepapst Robert Parker, sondern vielerorts auch den Konsumenten zusagen.

Wein aus Höhenlagen

Ist dieser Trend überhaupt noch umkehrbar? Lässt das Klima überhaupt noch einen Wandel der Weinstile zu? Wohl kaum. Betrachtet man die Daten und Entwicklungen, so stellt man nicht nur im Bordeaux eine schleichende Veränderung der Verhältnisse fest. Rieslinge im Elsass haben in den letzten drei Jahrzehnten um durchschnittlich zwei Prozent an Alkohol zugelegt. Bei der Vinea Wachau in Österreich hat man die maximale Alkoholkonzentration für ihre leichteste Qualitätsstufe, die Steinfeder, still und leise auf 11,5 Prozent gehoben, während in Kalifornien Weine mit bis zu 17 Prozent Alkohol abgefüllt werden.

Das hat freilich gute Gründe. In den letzten 50 Jahren stieg die globale durchschnittliche Temperatur mit lokalen Varietäten um etwa 1,5 Grad Celsius. Damit erhöhen sich nicht nur die Zuckerwerte der Trauben. In Verbindung mit den erhöhten CO2-Anteilen in der Atmosphäre verkürzt es auch die Vegetationszeit der Reben. Die Erntetermine müssen dabei schon heute oft in den noch heißen Spätsommer vorverlegt werden. Kombiniert mit den höheren nächtlichen Temperaturen führt dies zu einem Ungleichgewicht zwischen Alkohol und Säure. Letztere scheint ohnehin zu sinken und weitsichtige Winzer weichen in die Höhe aus. Der Spanier Miguel Torres, stets Vorreiter der Winzerzunft, experimentiert an den Hängen der Pyrenäen, und in Argentinien arbeitet man sich langsam an die Schneegrenze hoch. Australische Winzer wandern in die kühleren und höheren Lagen des Südens ab und in Tasmanien wird massiv investiert. Dort stellt sich ein weiterer Vorteil ein: Es gibt ausreichend Wasser. Wein wächst nicht in der Wüste. Dort jedoch stehen, alljährlich bewässert von vier Milliarden Litern Wasser, die meisten Rebstöcke Australiens. Anhaltende Dürre beeinträchtigt schon jetzt die Erntemengen.

Was für Australien Gegenwart ist, könnte in näherer Zukunft auch Europa blühen. Die Weichen dafür wurden gestellt, als zu Beginn des Jahres für viele Regionen Bewässerung überhaupt erstmals legalisiert wurde. Ein weiteres Sakrileg, das im Zeichen des Wettergottes begangen wurde. Nicht nur unter gallischen Puristen herrscht die Meinung vor, dass wirklich große Weine ohne gesteuerte Wasserzufuhr auskommen müssen. Auf der Suche nach Wasser wurzeln die Reben tief in der Erde und schaffen es selbst bei schlimmem Wasserstress, zumindest die Grundversorgung der Beere sicherzustellen.

Doch drängten auch keineswegs die besten Winzer auf die Legalisierung der Bewässerung. Vielmehr sind es die Weinkonzerne, denen die zunehmende Trockenheit zu schaffen macht. Und so scheint es dieses Mal zumindest so, als wäre sich diesbezüglich sogar die Politik der Tragweite des Klimawandels bewusst. Eine Weinrebe ist eben keine Kartoffel, sondern, wie Richard Smart treffend bemerkte, "der Kanarienvogel in der Kohlenmine". Schneller und auch dramatischer bekommt man die Auswirkungen des Klimawandels präsentiert.

Dabei spielt nicht nur das Ansteigen der Temperatur eine eminente Rolle. Vielmehr ist es die Unberechenbarkeit des Wetters, die die Winzer schon jetzt in die Bredouille bringt. War es im Jahr 2003 die Hitze in vielen Teilen Europas, so hatte man 2006 vielfach mit Pilzkrankheiten zu kämpfen. Hagelstürme vernichteten wie letztes Jahr im Elsass ganze Weinberge, und heftige Regenfälle fluteten oder erodierten Terrassen. Das passierte schon früher, die Häufigkeiten allerdings steigen.

Betroffen sind dabei nahezu alle Regionen. Für Weinbau in Zentralspanien oder in den kontinentalen Gebieten Südafrikas wird es vermutlich einfach zu heiß. Andernorts werden dürreresistente Klone ausgepflanzt. Sensible Rebsorten wie der hochgeschätzte Pinot Noir liefern zwar zur Zeit perfekte, reife Beeren und selten zeigte sich die Weinwelt so begeistert. Fraglich ist jedoch, ob das komplexe Zusammenspiel verschiedenster Faktoren wie Boden, Hangneigung, Höhenlage und eben auch Klima den atmosphärischen Manipulationen des Menschen weiter standhält. Mehr als andere Rebsorten ist der Pinot Noir von einer Verwandlung seines Terroirs betroffen, da er große Qualitäten nur in sehr engen Klimanischen liefert.

Wein im Autotank

Das wussten auch schon die Mönche, die im Mittelalter akribisch die Erde für das perfekte Terroir aussuchten. Nicht ohne Grund wird in der Champagne seit Jahrhunderten der Benediktinermönch Dom Perignon für seine Pionierarbeiten in Bezug auf das Verhältnis von Boden und geeigneten Rebstock verehrt. Auf diesen Erkenntnissen beruhend, wurde ein quasi philosophisches System etabliert, das tief in die gesellschaftliche Wahrnehmung vor allem französischer Weinideologie greift.

Eine Erwärmung von einem Grad Celsius ist nun allerdings bereits mit einem Klima 200 Kilometer weiter nördlich gleichzusetzen. Glaubt man den Prognosen, müsste man zum Beispiel in spätestens zehn Jahren im Burgund Syrah von der Rhône aussetzen. Düstere Propheten sprechen von einer Verkehrung der Regionen. Burgund wird zu Bordeaux, Bordeaux zu Katalonien und in Zentralspanien wird man hitzeresistente Rebsorten wie Durif und Verdejo anpflanzen.

In Deutschland hingegen kann man die Freude über eine dezente Erwärmung durchaus nachvollziehen. Hatte man früher im Optimalfall reife rote Trauben am Stock hängen, scheint dies nun zur Gewohnheit zu werden. Doch wie steht es andererseits um die frische, oft rassige Säure, die die Fruchtsüße des Rieslings so elegant stützt? Und was passiert mit lokalen Spezialitäten, wie dem Eiswein, wenn die Temperaturen nicht mehr die geforderte Mindesttiefstwerte erreichen? Tief verwurzelt in den Boden und in die kulturelle Identität, sind sie wesentliche Ausdrucksformen deutschen Weinbaus. Und diese zu verändern scheint noch schwieriger, als das Klima aus dem Gleichgewicht zu bringen. Schon heute allerdings, meint Klaus Peter Keller, werde es zunehmend schwieriger, Eiswein zu erzeugen. Und Martin Kerpen, der seit über drei Jahrzehnten Eisweine produziert, ergänzt lapidar, dass er hoffe, sie zumindest noch für ein paar Jahre machen zu können.

Bei Chapel Down in Kent reibt man sich in der Zwischenzeit glücklich die Hände. Frei von jeglichem kulturellen Ballast hat man vor kurzem 200 Hektar neue Reben ausgesetzt. Englischer Schaumwein gewinnt erste Preise und einige Champagnerhäuser haben bereits potenzielle Rebflächen in England erstanden. Von den Qualitäten englischen Weins ist allerdings noch nicht jeder überzeugt. So versetzt gerade Prinz Charles die Winzergemüter in Aufregung. Der witzelte nämlich vor kurzem, dass Wein nicht nur im königlichen Glas, sondern auch als Biosprit in seinem Aston Martin lande. Destilliert, aus den Überschüssen englischen Weins.

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