„Der Kapitalismus ist schlimmer als damals“

Porträt Salomea Genin kam als vertriebene Jüdin in die DDR, war bei der Stasi und fühlte sich doch oft unverstanden. Heute erzählt sie ihr Leben auf der Bühne
„Der Kapitalismus ist schlimmer als damals“
„Wir werden Sozialismus in dieser Form, die wir angestrebt haben, nicht bekommen, solange wir unsere Kinder nicht lieben.“

Foto: Lia Darjes für der Freitag

Salomea Genin sitzt auf ihrem Sofa und strickt. Die Decken, die sie schon fertiggestellt hat, sind auf dem Sofa ausgebreitet. Ihre Altbauwohnung in der schmalen Sophienstraße in Berlin-Mitte ist hell, voller Bücherregale, der Schreibtisch steht zum Fenster hin, so fällt der Blick in die Baumkronen des Gartens der Sophienkirche. Sie verbringe eigentlich mehr Zeit am Computer als mit Stricken, sagt die 86-jährige Publizistin. Sie hat zwei Bücher über ihr Leben geschrieben, eines davon auch auf Englisch, sie ist als Zeitzeugin unterwegs und gibt Interviews, vor allem, seit sie auf der Bühne des Maxim Gorki-Theaters steht.

In dem Stück Atlas des Kommunismus der argentinischen Regisseurin Lola Arias spielt Salomea Genin sich selbst. Außer ihr berichten noch vier weitere Frauen davon, wie sie in der DDR gelebt haben: eine Schauspielerin vom Gorkitheater, eine ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiterin, eine Dolmetscherin und eine frühere Punksängerin, die wegen ihrer subversiven Texte im Stasigefängnis saß. Vor allem aber ist es Genins Biografie, die Reibeflächen bietet. Sie siedelte als junge Kommunistin von Australien nach Ostberlin über und spionierte jahrelang für das Ministerium für Staatssicherheit. Heute, hier in ihrer Wohnung, wirkt sie so selbstsicher wie auf der Bühne. Ihre Stimme ist warm und dunkel. Sie spricht langsam, man merkt, sie ist eine geübte Erzählerin.

Salomea Genins Familie war rechtzeitig vor den Nazis aus Berlin geflohen. Sie war sieben Jahre alt, als sie mit Mutter und Schwester 1939 in Melbourne in Australien ankam. Zwölfjährig trat sie der Kommunistischen Partei Australiens bei. Die sei so etwas wie Familienersatz gewesen, sagt sie heute. Aber sie war natürlich auch begeistert von der Idee einer Welt ohne Faschismus. Sie hatte den Faschismus in Deutschland bereits erlebt, wusste, dass die Familie deshalb flüchten musste. Salomea Genin steht auf und geht zum Schreibtisch. Sie schaltet den Computer an. Auf dem großen Monitor erscheint ein Foto der tiefblauen, fast vollständig von Land umschlossenen Port-Philipp-Bucht von Melbourne. „Hier auf dieser Mole habe ich gesessen und Lieder gesungen, in den heißen Sommernächten, wenn man nicht schlafen kann“, erinnert sie sich.

„Juden sind nicht großzügig“

Als Neunzehnjährige kehrte sie zum ersten Mal in ihre Geburtsstadt Berlin zurück, kam als Delegierte zu den „3. Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ im Jahr 1951. Das Haus Lietzmannstraße 7 in der Nähe des Alexanderplatzes, wo sie zuletzt mit der Mutter und der großen Schwester gelebt hatte, war zerstört. Nichts erinnerte mehr an den Alltag der jüdischen Migranten aus Russland, der Ukraine und Polen. Salomea Genins Eltern hatten zu den wenig begüterten Familien gehört, die hier gelebt hatten. Sie waren polnische Juden, aus Lemberg in der Ukraine eingewandert.

Aber die junge Kommunistin war 1951 nicht wiedergekommen, um sich zu erinnern. Sie wollte sich von der Vergangenheit lösen, am liebsten gar keine Jüdin mehr sein. Sie war eine leidenschaftliche Internationalistin geworden. Die Weltfestspiele und Ostberlin begeisterten sie. Hier wollte sie leben, dieses neue, bessere, antifaschistische Deutschland mit aufbauen.

Wenn sie heute im Kiez spazieren geht, begegnet sie häufig Touristengruppen, die auf der Suche nach den jüdischen Wurzeln Berlins sind. Einmal hörte sie einer Stadtführerin eine Weile zu. Sie erzählte, dass die Große Hamburger Straße auch Straße der Toleranz genannt wird, weil hier bis zur Nazizeit die Institutionen von katholischen und protestantischen Christen und Juden friedlich nebeneinander existierten. Sie habe die Stadtführerin, als sie etwas abseits der Gruppe stand, leise gefragt, ob sie wisse, dass die Jüdische Gemeinde einen Teil ihres Grundstücks damals der Sophiengemeinde geschenkt hat. Die Stadtführerin habe sie angeschaut und gesagt: ‚Das glaube ich nicht. Juden sind nicht so großzügig.‘ Sie sei dann noch bei der Gruppe geblieben, erzählt Salomea Genin hier in ihrem Wohnzimmer, bis eine plötzliche Schwäche und Übelkeit sie nach Hause zwang. Sie habe anderthalb Stunden auf ihrem Sofa gehockt, bis ihr klar geworden sei, dass die antisemitische Bemerkung der Reiseführerin diese Reaktion hervorgerufen hatte. Salomea Genin hat graues, fast weißes Haar und viele Fältchen, die ihr Gesicht fein zerknittern, so dass es noch immer charaktervoll und schön ist. Sie wirkt, wenn sie einem so strickend gegenüber sitzt, mehr wie die Omi denn als die Frau, die von allen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts betroffen und sogar in sie verstrickt war. Sie hat sechs Enkel, doch nur zu zweien Kontakt. Einer ihrer beiden Söhne, der jüngere, hat sich vollständig von seiner Mutter abgewandt. „Er hat seine Kindheit nie bearbeitet“, sagt Salomea Genin. „Er hatte keinen Vater. Er war mir damals auch zu viel.“ Sie sagt das so lapidar.

Mit dem Vater des älteren Sohnes hat sie zusammengelebt, sich aber getrennt und war dann alleinerziehend. „Damals“, das war die Zeit als ihre Zweifel kamen, als sie größer werdende innere Konflikte ausfocht, die damit endeten, dass sie ihre Stasiarbeit aufgab und aus der SED austrat. In dieser Zeit, als der Jüngere ein Kind war, flog ihre Welt auseinander.

Weder Schuldgefühl noch Reue klingen in diesen ruhigen Sätzen mit, die sie oft mit einem ‚na ja‘ abschließt. Dieses ‚na ja‘, es kann vieles bedeuten. Als wäre es ein Puffer, zwischen sich selbst und den Vorwürfen, der Skepsis, die ihr bei ihren öffentlichen Auftritten immer wieder begegnet. In Atlas des Kommunismus fragt Ruth Reinecke, die Schauspielerin, sie mit herausforderndem, wütenden Blick, warum sie andere Leute bespitzelt hat, wie sie das tun konnte?

Falsche Götter, Therapie, Neuanfänge

Als Tochter polnischer Juden wurde Salomea Genin 1932 in Berlin geboren. 1939 emigrierte die Familie nach Australien. Dort schloss sich die Zwölfjährige der Kommunistischen Partei Australiens an, weil sie erfuhr, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland ausgelöst worden war und die Deutschen die Juden „zum Prügelknaben“ gemacht hatten. 1951 kehrte sie zum ersten Mal nach Berlin zurück.

Ihrem Wunsch, DDR-Bürgerin zu werden, wurde zuerst nicht stattgegeben. Salomea Genin lebte in Westberlin, zeitweise auch in England, bevor sie 1963 dann doch in die DDR eingebürgert wurde. Dort arbeitete Salomea Genin für das Auslandsradio RBI (Radio Berlin International) und die Übersetzungsdienste Interpret und Intertext. Sie schloss sich der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) an und wurde Inoffizielle Mitarbeiterin für das Ministerium für Staatssicherheit. Mitte der Siebzigerjahre wurden ihre Zweifel am politischen System größer. Zu Beginn der Achtzigerjahre beendete sie ihre Stasiarbeit. Sie wurde depressiv und selbstmordgefährdet und begab sich in eine Psychotherapie. Nach dem Ende der DDR begann Salomea Genin, ihre Geschichte auf verschiedene Weise öffentlich zu erzählen. Den Umgang damit hat sie unter anderem in ihrem Buch Ich folgte den falschen Göttern – eine australische Jüdin in der DDR (Verlag Berlin Brandenburg) verarbeitet.

Heute ist Salomea Genin als Zeitzeugin an Schulen und verschiedenen Institutionen unterwegs. Seit 2016 erzählt sie in Atlas des Kommunismus der argentinischen Regisseurin Lola Arias auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters aus ihrem Leben – und hatte damit auch ein Gastspeil in Bologna. Die nächsten Vorstellungen sind am 28. und 29. April. Salomea Genin hat zwei Söhne.

Salomea Genin will sich weder erklären noch rechtfertigen. Sie hatte ein Ideal, sie hat an eine gerechte Gesellschaft geglaubt, Und sie erzählt von den Selbstmordgedanken, die sie quälten, als ihr am Anfang der Achtzigerjahre klar geworden sei, dass sie mit dieser DDR auch einen Polizeistaat unterstützt. Außer der Psychotherapie in den Achtzigerjahren und Büchern von Arno Grün und Alice Miller habe ihr damals die Arbeit an Scheindl und Salomea: Von Lemberg nach Berlin, das Leben gerettet – ihrem ersten Buch, in dem sie sich mit ihrer Kindheit auseinandersetzt. In Australien wurden Kommunisten verfolgt, in der DDR wurde ihr kreativer Eigensinn bekämpft. Der Traum von einer freien Gesellschaft wich der Resignation. Sie erlebte Antisemitismus. Sie war umgeben von Nichtwissen über jüdische Schicksale und gedankenlos geäußerte Ressentiments wie: „Oh, ich dachte, alle Juden wären reich“. Die Gesellschaft zwang ihr, die keine Jüdin mehr sein wollte, die Identität des „Anderssein“ auf. Nach zehn Jahren in der DDR schloss sie sich der Jüdischen Gemeinde in Ostberlin an. „Weil ich es nicht aushielt, überhaupt kein Verständnis für meine Biografie zu finden. Ich hatte es satt, mich andauernd zu erklären.“ nach dem Ende der DDR beginnt Salomea Genin ihre Geschichte auf verschiedene Weise öffentlich zu erzählen.

Die Stricknadeln setzen aus

Neben dem Sofa, in einer Höhe mit ihrem Kopf, hängt ein gemaltes Porträt des Berliner Sängers Karsten Troyke an der Wand, der durch seine Interpretation jiddischer Lieder bekannt wurde. In diesen Liedern fühlt Salomea Genin sich heute zu Hause.

Ihr Sohn ruft an, der ältere. Er ist in den Achtzigerjahren, als die Familie Genin von Erich Honecker persönlich die Erlaubnis erhielt, einmal gemeinsam nach Australien zu reisen, in Westberlin geblieben. Jetzt ist er 52 Jahre alt und arbeitet für einen Autokonzern. „Ich melde mich später wieder“, sagt er. „Jetzt gehe ich erstmal zum Yoga und danach werde ich mich besser fühlen.“ Der jüngere Sohn kehrte nach der Australienreise mit in die DDR zurück. Nach der Wende wurde er orthodoxer Jude. Salomea Genin ist nicht gläubig. Ist sie noch immer Sozialistin? Die Stricknadeln setzen aus. „Ich bin überhaupt keine TIN“, sagt sie resolut. „Wir werden Sozialismus in dieser Form, die wir angestrebt haben, nicht bekommen, solange wir unsere Kinder nicht lieben. Wir können unsere Kinder nur lieben, wenn wir selbst Liebe erfahren, oder unsere Traumata bearbeitet haben. Ein langer Prozess.“ Sie muss das wissen.

Salomea Genin könnte sich ins Private, Familiäre zurückziehen. Aber stattdessen gibt sie Interviews, meldet sich zu Wort, stellt sich den Fragen. Sie nimmt wahr, was um sie herum geschieht. Es ist ihr nicht gleichgültig. „Der Kapitalismus ist schlimmer als zu der Zeit, als ich Kommunistin wurde. Die Mieten in Berlin gehen hoch. Das muss sich ändern.“ Dann erzählt sie von dem freundlichen Ehepaar aus Köln, dem jetzt das Haus gehört, in dem sie lebt. Sie führt in die Küche, um das Dachgeschoss zu zeigen, das die neuen Hausbesitzer für sich selbst und ihre Kunstsammlung, die auch öffentlich besichtigt werden kann, gebaut haben. Sie erzählt vom ersten Empfang der künftigen Hausbesitzer für ihre Mieter da oben im Dachgeschoss, als es noch eine Baustelle war, mit belegten Brötchen und Livemusik. „Die haben niemals versucht, jemanden rauszuekeln. Es sind Menschen, die ich mag“, sagt Salomea Genin. Grünes Licht fällt aus dem Hof in die kleine Küche. An den Häuserwänden ranken Kletterpflanzen bis zum Dach.

Wenige Tage später sitzt sie bei einem Zeitzeuginnen-Gespräch im August-Bebel-Institut in Berlin-Wedding neben dem Moderator im Sessel, dem Publikum offen zugewandt. Thema des Abends sind „Frauen in Völkermorden“. Um die zwanzig Zuhörer, die meisten weiblich, sind gekommen, darunter eine junge Armenierin. Sie interessiere sich für Salomea Genins Geschichte, weil sie untersucht, wie Traumata innerhalb von Familien weitergegeben werden, sagt sie. Sie selber wurde von der eigenen Familiengeschichte zu dieser Recherche angeregt, in der die Vertreibung und der Völkermord eine zentrale Rolle spielen.

Auch in den Schulklassen, die Salomea Genin als aktive Zeitzeugin besucht, sitzt sie häufig jungen Leuten gegenüber, die wenig über die deutsche Geschichte wissen. Aber deren Familiengeschichten geprägt sind von Kriegs- und Gewalterfahrungen. Von Flucht. Sie sind viel näher an Salomea Genins Geschichte dran als die Generation der deutschen Kriegsurenkel. Bei den Migrantenkindern sind es die Eltern oder sie selbst, die Grauen und Diskriminierung erlebt haben. Und da kommt eine ältere Dame, die sie sogar ermutigt, über diese schrecklichen Erlebnisse zu sprechen. Die vormacht, dass das geht.

„Viele müssen lernen, sich selbst zu respektieren. Erst dann werden wir in der Lage sein, ein menschenwürdiges Leben zu führen“, resümiert Genin. Sie sei jetzt auf eine Art glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben. Vielleicht, weil sie noch immer Menschen erreichen kann.

06:00 24.04.2018

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