Der Kehlgesang verstummt

Russland Wie Schriftsteller und Forscher sich bemühen, in der Republik Chakassien die eigene Sprache vor dem Verschwinden zu bewahren
Alexandre Sladkevich | Ausgabe 07/2017 1

Abakan, aus dem Chakassischen übersetzt, heißt Bärenblut und ist die Hauptstadt der Republik Chakassien im Süden Sibiriens. Die Bevölkerung der gut 62.000 Quadratkilometer großen Region besteht zu vier Fünfteln aus Russen, zu knapp einem Fünftel aus dem Turkvolk der Chakassen, dazu kommen Gruppen von Deutschen und Schoren, ebenfalls ein kleines indigenes Turkvolk. Ursprünglich galt der Schamanismus als Religion der Chakassen, die im 19. Jahrhundert oft mit rüder Gewalt zum orthodoxen Christentum bekehrt wurden. Was nichts daran ändert, dass mehr als nur Spuren des Schamanismus bis in die Gegenwart hinein verfolgt werden können. Sie werden sichtbar, wenn ältere Chakassen wie beim Zoroastrismus, dessen Ursprung vor mehr als 3.500 Jahren im iranischen Hochland lag, die Sonne anbeten und von diesem Kult nicht lassen wollen.

Über die Jahrhunderte hinweg wurden Legenden und Geschichten über die Chakassen von den Chajdschis, wie man die Erzähler nannte, durch mündlichen Vortrag übertragen. So erging es auch dem Alyptyg Nymach, dem Recken-Epos, mit seinen über 30.000 Verszeilen. Wenn die Chajdschis auftraten, spielten sie ein Zupfinstrument und trugen ihre Geschichten im Chaj, dem Kehlgesang, vor. Jeder Chajdschi musste über ein Repertoire von 20 Erzählungen und mehr verfügen. Oder er fiel durch.

Die Schriftstellerin Galina Kasatchinowa (74) fühlt sich von diesem Erbe bis heute überwältigt. Wie sie erzählt, kam sie in einem winzigen Weiler zur Welt und gehörte von Geburt an zum Tschetybjur, dem Clan der sieben Wölfe. Sie schreibe ihre Texte weiterhin auf Chakassisch, darunter Bücher für die Grundschule, um damit an die Tradition der Chajdschis zu erinnern. „Eine Erzählung, die Nymach, hat bis zu 10.000 Verszeilen, woraus sich ersehen lässt, was die Chajdschis vollbrachten, wenn sie die manchmal über hundert Erzählungen, die in viele Bücher passten, auswendig kannten! Jede dieser Erzählungen hatte ihren eigenen Geist – den Eesi. Und falls sich in die Erzählung eines Chajdschis Fehler einschlichen, dann wurde er von diesem Geist bestraft, sagt die Legende. Davor hatten die Erzähler natürlich Angst und ließen es deswegen nicht zu, eine Geschichte unvollständig oder falsch unter die Leute zu bringen. Die Folge war, dass die Nachfahren eine Erzählung unverändert erreichte. Auch auf uns trifft das zu. Zu Sowjetzeiten war es üblich, diese literarischen Stoffe jeden Mittwoch in ein Radioprogramm für Chakassien aufzunehmen, das viele Zuhörer fand. Inzwischen ist es damit vorbei, und unser Volk erlebt eine Tragödie: Seine Kinder beherrschen die Sprache nicht mehr – man spürt, dass sie ausstirbt. Es wurden Rettungsprogramme ausgerufen, aber ich bin nicht überzeugt, ob es hilft.“

1992 wurde auf Galina Kasatchinowas Betreiben das Reckenepos Chan Mirgen publiziert. Sie besuchte dazu zweimal innerhalb von zehn Jahren die chakassische Chronistin Anna Kurbishekowa und war davon beeindruckt, dass die alte Dame das Epos jedes Mal bis in die Nuancen hinein ohne Abweichungen vortragen konnte.

Die Sorge um den Verlust der eigenen Sprache beherrscht auch den Schriftstellerverband Chakassiens und dessen Mentorin Walentina Majnogaschewa (87), die als Folklore-Forscherin mehrmals für ihre wissenschaftlich-literarischen Verdienste ausgezeichnet wurde. Sie hat die kleinen Augen und das typisch runde Gesicht der Chakassen, wurde 1930 im Dorf Bolschije Ssyry als Angehörige des Tom-Clans geboren, von dem es in der Überlieferung heißt, seine Vorfahren würden aus der Umgebung des Flusses Tom stammen. Jahrzehntelang hat Majnogaschewa chakassische Dörfer bereist, um „ethnische Erzählungen“ zu sammeln. Das Recken-Epos sei das bedeutendste und berühmteste Zeugnis der eigenen Kultur, teilt sie die Meinung von Galina Kasatchinowa. „Um es zu verbreiten, wandten sich die Chajdschis mit der Bitte um Beistand an die Geister. Aus diesem Grund ist das Epos ein sakrales Werk.“ Majnogaschewa stimmt den Chaj, den Kehlgesang, an, aber sie tut es nur kurz – sie habe Angst, ansonsten die Geister zu wecken.

Schuld ist die Globalisierung

„Kommen Sie, es ist Zeit, Tee zu trinken“, ertönt eine Stimme aus einem anderen Raum des Schriftstellerverbandes. Auf den Besucher wartet die Philologin Ljudmila Kostjakowa, der man wiederum kaum ansieht, eine Chakassin zu sein. Zum Tee gibt es Buchweizenhonig und Gebäck. Kostjakowa klagt: „Wir verlieren unsere Sprache. Wir orientieren uns zu sehr an Zentralrussland, und dort schaut man zu sehr auf Europa. Schuld daran ist die Globalisierung. Wir brauchten Geld, um Schul- und Wörterbücher in unserer Sprache zu drucken oder Zeichentrickfilme für Kinder in Chakassisch zu drehen. Es fehlt an Möglichkeiten, um das Erbe unserer Folklore zu propagieren, das doch so reich ist. Man kann Kinder über Trickfilme an die Sprache heranführen, aber es existiert kein Animationsfilmstudio. Und es gibt kaum noch Eltern, die unsere Sprache so weitergeben können, wie das nötig wäre. Dabei steht unser geistiges Erbe dem Kulturgut anderer Turkvölker in nichts nach.“ Von den 32 Mitgliedern des Schrifttellerverbandes der Republik schreibt weniger als die Hälfte noch auf Chakassisch. Um ein Theaterstück aufführen zu können, muss es der Autor ins Russische übersetzen, gegebenenfalls also doppelte Arbeit leisten.

Die Hauptstadt Abakan, deren Fläche fünfeinhalb Mal kleiner ist als die des Sajano-Schuschensker Stausees, an dessen Ufer Russlands größtes Wasserkraftwerk liegt, hat nicht viel Ethnisches an sich. Immerhin gibt es eine Chakassische Philharmonie, drei Nationaltheater und ein Restaurant, wo man auch Charta und Chyjma, die Nationalgerichte aus Pferdegedärm, kosten kann. Doch im Alltag stößt man nur gelegentlich auf Chakassisches, es sei denn, es wird gerade ein nationaler Festtag gefeiert. Man sieht hier und da Steine mit Felszeichnungen oder trifft auf Mosaiken und Reliefs, auf eine Chajdschi-Statue und Jurten. Ansonsten bestimmen fünf- bis neunstöckige Häuser das Bild der Stadt, gelegentlich auch Holzbaracken. Es gebricht an Hinweisen auf die Zweisprachigkeit der Republik, allein die Hausordnung einer Sauna wird in Russisch und Chakassisch präsentiert.

Pawel (31), ein ausgebildeter Ökologe, lebt in Abakan zusammen mit seiner Mutter in einer Zweizimmerwohnung. Er hat dunkles Haar und noch dunklere Augen, es klingt überlegt, was er sagt, intelligent und warmherzig. Da er in Abakan und nicht auf dem Land zur Welt kam, ist Russisch seine Muttersprache. Wie anderswo in den autonomen Republiken oder Gebieten der Russischen Föderation ist es der Landbevölkerung – speziell älteren Menschen – vorbehalten, Träger einer identitären Sprachkultur zu sein.

„Ich muss endlich Chakassisch lernen, weil es meine Muttersprache ist“, ermahnt sich Pawel. „Andererseits wäre das nur in den Dörfern Chakassiens, in denen die Russen eine Minderheit bilden, von Nutzen.“ Pawels Mutter Larissa, die das Chakassische beherrscht, hat den Eindruck, dass sich die Sprachausbildung verschlechtert hat, aber man in Abakan Chakassisch ohnehin kaum mehr gebrauchen könne. „Und wenn man bei einer Sprache aus der Übung gerät, wird sie nach und nach vergessen.“ Bei ihr sei das allerdings anders, da sie in einem Betrieb arbeite, der Zeitungen in chakassischer Sprache drucke.

Pawel empfiehlt schließlich, eine Verwandte, die Historikerin Jelena Samrina, zu befragen. Sie arbeite als leitende Mitarbeiterin im Chakassischen Forschungsinstitut und beschäftige sich mit Geschichte und Ethnografie der Völker Sibiriens.

Obwohl man Jelena sofort als Angehörige des Turkvolkes erkennt, hat sie auch etwas Europäisches an sich. „Chakassisch ist meine Muttersprache. In meinem Dorf lernte ich Russisch erst mit zehn. Zu Hause spreche ich bis heute nur Chakassisch, damit sich meine Kinder ein Beispiel nehmen, denn leider beherrschen nur noch 48 Prozent der Chakassen die eigene Sprache. Das russische Bildungssystem setze andere Prioritäten, sodass die Kinder oft erst in der letzten Stunde des Tages Chakassisch-Unterricht erhielten, wenn sie schon müde seien und nach Hause wollten. Überdies sei das Fach fakultativ. „Der Staat tut so, als täte er viel, aber das Ergebnis ist gleich null und eine Katastrophe! Wenn wir unsere Sprache endgültig verlieren, sind wir für niemanden mehr interessant, auch nicht für uns selbst! Weshalb hat man sich bisher für uns interessiert? Weil unsere Kultur einzigartig ist.“

Ein weißer Fleck

Andrej Turtugeschew ist ein weiterer Beweis des Sprachverlustes. Der 32-Jährige war lange Zeit bei der ethnisch geprägten Tanztruppe Kun Susy (Sonnenstrahl) engagiert. „Chakassisch wurde nur in der Grundschule gelehrt. Ich möchte die Sprache so gern beherrschen, weil sie ein Medium der Identifikation ist. Stirbt sie aus, nimmt sie Kultur und Traditionen mit sich fort. Einmal wurde im staatlichen Fernsehen über uns gesagt: ‚Ein solches Volk lebt in Russland, es hat sogar seine eigene Republik.‘“

Chakassische Ensembles geben Konzerte in Europa, wo zuweilen auch Musikalben produziert werden. Abakan wird von Niederländern besucht, die den Kehlgesang lernen wollen. Für viele Russen freilich ist Chakassien inzwischen ein weißer Fleck. Und der wird unweigerlich größer, weil alles zu verschwinden droht, was die Chajdschis über die Jahrhunderte aufbewahrten und weitergaben.

Nachdem es im August 2009 zu einer schweren Havarie im Wasserkraftwerk Sajano-Schuschenskaja in Chakassien kam, brauchte die Rekonstruktion der Anlagen ihre Zeit, erst 2014 war sie abgeschlossen. Ob sich durch eine vergleichbare Geduld und Hingabe die Sprache Chakassiens erhalten lässt, scheint derzeit recht unwahrscheinlich. Walentina Majnogaschewa und andere hoffen es trotzdem.

Alexandre Sladkevich ist freier Autor und Fotograf

06:00 01.03.2017

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