Der Kern des Menschen

Künstler- und Menschenbilder Arnold Böcklin und Alberto Giacometti im Vergleich

Ist es nur Zufall, dass derzeit zwei aus der Schweiz stammende Künstler mit groß angelegten Retrospektiven gewürdigt werden? Beide sind, in gewissem Sinne, Solitäre in der Geschichte der Kunst. Beide widmeten sich über all ihre Schaffensperioden hinweg immer wieder dem Menschen und hatten ein eigensinniges Menschenbild. Die Positionen, die Arnold Böcklin und Alberto Giacometti in der gegenständlichen Kunst einnehmen, könnten nicht konträrer sein.

Böcklin, geboren 1827 in Basel, vor 100 Jahren in San Domenico gestorben, schuf in seinen Gemälden symbolische Bildfindungen, in denen er das Menschenbild der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einfing und zugleich prägte. Nicht die menschliche Figur an sich steht im Mittelpunkt seiner Werke, er ist dem Menschen gegenüber zu skeptisch. Sein Thema ist der Mythos, die klassische Mythologie, doch er schuf er sich lieber seine eigenen Gestalten und Themen. Er nimmt den Umweg der Travestie, der bunten Verkleidung, um zum Kern seines Suchens, seinem Menschenbild zu gelangen. Auch deshalb werden seine Bilder mit einer "Poesie des Disparaten" umschrieben.

Die menschliche Figur - sei es in realen Personen, sei es in seinen Fabelwesen - steht im Fokus seiner Kunst. Sie sind, seien sie auch noch so klein in die Landschaften eingefügt, das eigentliche Thema des Bildes, erzeugen die Stimmung darin. Sie sind nicht Staffagen, wie in der Landschaftsmalerei, sie sind Dreh- und Angelpunkt, auf den sich Farbe und Lichtführung beziehen. Böcklin ist ein Maler der menschlichen Figur.

Böcklin dagegen zielt nicht in die Tiefe. Er bleibt an der Oberfläche und formuliert seine Ansicht dort - ein frühes Paradebeispiel der späten Werbe- und Popkultur. Für seine Inhalte benutzt er gezielt die Farbe (am bekanntesten wohl in den Sonnenflecken auf den Fröschen beim Münchener Pan im Schilf). Er nutzt die Ausdehnung der Leinwand.

So ruht auf dem Bild Meeresstille von 1887 auf einem Felsblock im Meer eine rothaarige, fast schon dick geschminkte, fleischige Meerjungfrau; sie blickt lasziv aus der Leinwand, hält sich mit einer Hand am kalten Stein fest, die andere ist leicht erhoben. Auf ihrem Schwanz drei Möwen, die ruhig sitzen und gucken - eine davon ins Wasser. Dort liegt ein blauer Wassermann, eine Schlange hat sich um seinen Hals gewunden, er hat seine Augen weit aufgerissen, schaut ins Leere und verzieht tumb den Mund. Wir wissen nicht was passiert, was passierte. Ein Mord? Ein Spiel?

Mit Doppelbödigkeit und Witz formuliert Arnold Böcklin sein Menschenbild. Der Mensch ist für ihn unergründlich, er ist eine Melange von Höhen und Tiefen, von Hehrem und Niederträchtigem. Es ist nicht so, dass Böcklin dem Menschen nicht traut. Er traut ihm nur alles zu. Er nimmt sich vor dem Menschen in Acht. Ihm ist es wohler in der Natur, im Mythos und in den Geschichten, in denen er seine Ruhe sucht. Wäre dem nur so, so wären seine Bilder heute unerträglich. Jedoch seine Position mit Misstrauen und satirischem Witz, macht seine Werke immer noch sehenswert.

Giacometti wurde vor 100 Jahren im schweizerischen Stampa geboren, er lebte vorwiegend in Paris, bis 1966. In seinen Plastiken schuf er Symbolfiguren, in denen er das Bild vom Menschen hundert Jahre später, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einfing und zugleich prägte.

Die Figur des Menschen ist der Kulminationspunkt in seinem Werk. Nach seiner surrealen Schaffensphase formte er die immer mehr und mehr reduzierten menschlichen Figuren, die ihn berühmt machten. Er sucht den Kern des Menschen zu finden - seine Methode ist absolute Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, alles was Lug und Trug sein könnte, lässt er weg. Seine Figuren sind nackt und hilflos, sicher und ehrlich zugleich.

Bei Giacometti gibt es keinen Zweifel, der Mensch ist der Mittelpunkt. Er schafft die Räume, die Beziehungen, die ihn prägen. Nicht eine gewaltige Umwelt oder eine andere Kraft schafft ihn, der Mensch an sich erschafft sich. Es gibt keine Stimmung, kein Zögern, die Figuren schreiten, sitzen oder stehen - kurz: sie sind. Selbst, wenn sie straucheln, so sind sie so auf diesen Zustand reduziert, konzentriert, dass kein Fallen möglich ist. Und doch sind die Plastiken des Giacomettis nicht Manifestationen eines absoluten Subjektes. Er dringt in die Tiefe der Figuren, die Oberfläche der Skulpturen sind offen, unruhig, zerrissen. Es scheint, als ob Giacometti noch nicht das Minimum an Materialverbrauch gefunden hat, das er suchte. Giacomettis Skulpturen sind in diesem Sinne absolut, an einen Endpunkt angelangt, und doch sind sie immer noch fragil.

Bei der Skulptur Place von 1948 sind auf einer kräftigen, rechteckigen Bronzeplatte vier schreitende Männer und eine stehende Frau platziert. Die Plastik ist sowohl statisch als auch dynamisch. Zum einen sind die fünf Figuren autonom an ihrem Ort und ihrer Stelle, zum andern nehmen sie durch die in ihnen manifestierte Bewegung Beziehung miteinander auf und es scheint eine Begegnung, wenn nicht gar ein Zusammenstoss möglich zu sein. Giacometti behandelt das alte Thema der Einsamkeit in der Gruppe. Mehr als fünf sehr kleine, zerfetzte Figuren auf einer Platte braucht er nicht dafür.

Giacomettis Menschendarstellung ist absolut, er zeigt, dass im Kern immer nur der Mensch stecken kann. Er ist, trotz Einsamkeit, Zerrissenheit und Verletzbarkeit der einzige Bezugsrahmen, der ihm zur Verfügung steht. Wie kaum ein anderer behandelt er mir fast nichts die Frage des Menschsein. Vielleicht ist er in seiner Formensprache nicht zeitgenössisch, aber sein Inhalt ist absolut modern.

Kunstmuseum Basel, Arnold Böcklin - Eine Retrospektive, bis 26. August 2001, www.kunstmuseumbasel.ch

Kunsthaus Zürich, 100 Jahre Alberto Giacometti. Die Retrospektive bis 2. September 2001

http://www.kunsthaus.ch

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00:00 15.06.2001

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