Der Kick mit dem Koffer

Auktion Einmal im Monat versteigert das Darmstädter Auktionshaus Wendt liegen gebliebene Koffer der Lufthansa. Was drin ist, das weiß vorher niemand. Warum will man sie haben?

Jetzt kommt der Weinrote. Der sieht edel aus. Der muss es sein. Ich setze auf Luxus heute. Und wenn der innen fehlen sollte, so habe ich wenigstens einen chicen, robusten Koffer. Für meine Nizza-Reise übernächste Woche. Mein Favorit, den der Auktionär soeben aus dem riesigen Koffertaschentütenberg herauszog, ist heiß begehrt. Der Einstieg liegt bei hundert Euro. In wenigen Sekunden schnellt die
Summe auf »210…zum ersten…« Ich reiße meine grüne Bieterkarte gen blauen Turnhallenhimmel. Jetzt steige ich ein, ich die Nr. 56. Ja, ich war zeitig hier. Neben mir sitzt die spätere 575.

Wie etliche andere auch, begutachtete ich vor Beginn der Versteigerung jedes Stück dieser gigantischen Überraschungseier für Erwachsene. Mit prüfendem Kennerblick stapfte ich durch die bunte Anhäufung von Leder, Stoff und Plastik. Klopfte hier mal, schüttelte dort mal, hob da mal ein Gepäckstück an, denn je schwerer, desto verheißungsvoller. »220… zum zweiten«.

Der Weinrote ist ein Hartschale mit bauchigen Seitenausbuchtungen. Keine Schrammen, keine Aufkleber. Ich male mir aus, dass dieses gute Stück einer wohlhabenden, alten Dame gehört haben könnte. Vielleicht ist ja Goldschmuck darin? Der Zoll stöbert zwar im Gepäck herum, entnimmt Waffen, Rauschgift, hygienischerweise auch Lebensmittel und nasse Handtücher. Ich reiße wieder den rechten Arm hoch. Der Auktionär schaut in meine Richtung: »260…«.

Das Paar neben mir in der grauen Stuhlreihe ergatterte vorhin einen Koffer mit nagelneuer Unterwäsche und blütenweißen Anzughemden in unermesslichen Leibesausmaßen. Die Familie schräg gegenüber erstand zwei
riesige Rucksäcke samt Ski-Overal, Nikolausstiefeln und Weihnachtsmannmütze. Das Gepäck, das hier unter den Hammer kommt, muss länger als ein Viertel Jahr am Flughafen aufbewahrt werden, falls der eigentliche Besitzer doch noch auffindbar ist. Es handelt sich um Gepäckstücke, die fehlgeleitet, vergessen, liegengelassen oder, aus welchen Gründen auch immer, nie abgeholt wurden.

Ich biete weiter, schlage alle Rivalen aus dem Rennen: »310…zum zweiten…und zum dritten« Der Hammer fällt. Ich habe gewonnen! Aus den ersten drei Reihen, die bis 300 Euro mithielten, tönt ein enttäuschtes Raunen. Die Blicke ruhen auf mir. Ich stehe im Scheinwerferlicht, mir wird der Weinrote gebracht – von einem schwarz gelockten Studenten, der auch gleich kassiert. Ich stehe auf, während der schwitzende Auktionär auf der Bühne seinen Versteigerungsmarathon fortsetzt. In die vierte Stunde.

Hinten in der Turnhallenecke lege ich nun den Weinroten auf das Parkett und lasse die Verschlüsse aufschnappen. Ein süßlicher Parfümgeruch strömt mir entgegen. Es glitzert, es blinkt. Ich ziehe vorsichtig die Zipfel einzelner Kleidungsstücke heraus: ein mit farbigen Metallplättchen verzierter seidener Hüftrock, ein bestickter, grüner BH, samtene Slips, meterweise rauschende Tücher mit orientalischen Ornamente wie aus »1001 Nacht«. Zarte, kleine Dornröschenschuhe, faustgroße Ohrringe, Kastanietten, etliche Schminkkästchen, eine ausgelaufene Parfumflasche, Marke Flieder. Ich ernte bedauernde Blicke, denn eines war klar – nichts, aber auch gar nichts konnte ich davon gebrauchen.

„Jetzt ist Deine Phantasie gefragt“, meint Antje Behrmann aus Jugenheim. „Es ist ein bisschen wie beim Lotto, die wenigsten landen den Volltreffer, musst nur sehen, wie Du das, was Du nicht brauchst, wieder
losbekommst!“ Unter dem Motto "So hatte ich das ja noch nie gesehen", schaue ich fragend in die Runde. Dirk Langert aus Riedstadt ist der Prakmatiker und Dienstälteste im Kreise der Schaulustigen um mich herum, er ersteigerte einen Metallkoffer, der aussieht wie ein Handwerkskoffer und auch einer ist, in dem sich Bohrer, Zangen, Schrauben aller Art befinden. „Du musst Deinen Kram verkaufen. Und außerdem öfter herkommen, um ein Gefühl hier für die Teile zu bekommen!“

Neben den Eintagsfliegen, den Neugierigen wie mich, gibt es eine große Anzahl von Geschäftstüchtigen hier, die bis zu zehn Gepäckstücke ersteigern, um ihr persönliches Angebot für den Flohmarkt am nächsten Sonntag zu erweitern: ob original verpackte, englische Herrenstrümpfe, Lippenstiftpakete, Seifenspender im Design einer Melone, Clownsschuhe, DVD über die Mondlandung, Golfschläger. „Das hat schon einen Suchtfaktor“, murmelt Michael Reitz aus Darmstadt, ein Auktions-Yunkie. „In der Hoffnung, doch irgendwie den großen Clou zu landen, verpasse ich keine Auktion, nehme mir jedes Mal vor, nur einmal zu bieten, oft werden es doch wieder fünf, sechs Stück, die ich kaufe. Immer das Kribbeln in den Fingern. Letztes Mal hatte ein Typ echt Glück, aus seiner ersteigerten Tasche holte er einen Laptop und eine Digitalkamera hervor. Man, warum soll mir das nicht auch mal gelingen?“

Frank Sledak aus Frankfurt, klopft mir auf die Schulter: „Bist eingeladen heute Abend, zur Fete!“ Mit seinen Freunden, bestehend aus zwölf lustigen Soziologie-Studenten, steigern sie, was das Zeug hält, um abends eine Party steigen zu lassen und dort bei Musik und Bier die Dinge zu tauschen, an- oder auszuprobieren, um einfach nur „richtig doll Fun“ zu haben.

Ich schüttle den Kopf, muss los, denn mein Flieger nach Berlin geht bald. In Tegel angekommen stehe ich dann am Gepäckband und warte. Und was nicht ankommt – genau… Beim Reisegepäckservice entschuldigt man sich bei mir und verspricht, ihn bald möglichst ausfindig zu machen. Ich muss laut loslachen, was der Mann hinter dem Schalter nicht versteht. Ach, ich hatte richtig gute Laune, den ganzen Tag über schon, ich war, wie ich sonst selten bin, so planlos, ein bisschen verrückt, ließ alles mit einem Lächeln auf mich zukommen, ohne Absicht, ohne Ziel, einfach so… wie beim Verliebtsein.

Die :Am 6. Juni um 12 Uhr in den Gropiuspassagen, Johannisthaler Chaussee 309,12351 Berlin sowie am 10. und 11. Juli in den Bahnhofspassagen Potsdam,Babelsberger Str. 16, 14473 Potsdamnächsten Termine

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15:05 05.06.2009

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