Der kleine Bruder

Was läuft Seriengucken als Beziehungsfrage und „Better Call Saul“. Spoiler-Anteil: 7 Prozent
Barbara Schweizerhof | Ausgabe 11/2016
Der kleine Bruder
Der windig-wortgewandte Anwalt Saul Goodman (Bob Odenkirk)
Foto: Kevin Winter/Getty Images

Ein Vergleich, den man immer öfter hört, wenn es um die Beschreibung dessen geht, wie wir Serien gucken, ist das Beziehungsmodell. Es leuchtet auf Anhieb ein: Wie anders soll man es nennen, wenn man über sechs (Breaking Bad) oder gar acht (Mad Men) Jahre hinweg das Schicksal eines krebskranken Chemielehrers oder die Entwicklung einer schicken Werbeagentur verfolgt? Man ist mit der Serie durchs sprichwörtliche Dick und Dünn gegangen. Bei den meisten gab es zwischendurch langes, sehnsuchtsvolles Warten wie in einer Fernbeziehung vor der Erfindung von Skype.

Oft begann es als coup de foudre und einem Wochenende voll leidenschaftlichen Binge-Watchens (selige West-Wing-Tage!). Wie im richtigen Leben erkaltete bei manch einer Serie die Passion nach einiger Zeit, man wollte als Zuschauer nicht alle Transformationen mitmachen (Dexter) oder stand sich nach der Wartezeit plötzlich wie fremd gegenüber (Girls). Bei anderen wiederum konnte man schon nach kurzem nicht mehr verstehen, was einen mal so angezogen hatte (Scandal).

Manchmal schaut man trotzdem weiter, wissend, dass die Leidenschaft der ersten Stunden sich nie ganz wird wiederbeleben lassen (Homeland). Dann wiederum verliebt man sich nach Jahren wieder wie neu (noch einmal Mad Men). Und wenn nicht, trennt man sich in Freundschaft (Six Feet Under), im Bewusstsein, dass die gemeinsam verbrachte Zeit etwas „gebracht“ hat.

Das seltsamste unter diesen Beziehungsangeboten ist das „Spin-off“. Da ist es ein bisschen so, als ob man jahrelang für den großen Bruder geschmachtet hat und dann plötzlich mit dem kleinen vorlieb nehmen muss. Der kann sich natürlich als der Umgänglichere herausstellen, vielleicht macht er weniger her, hat dafür aber mehr Tiefe. Die Rede ist von Better Call Saul.

Passenderweise handelt Better Call Saul von dem kleineren von zwei Brüdern. In der ersten Staffel des Spin-Offs zu Breaking Bad nämlich wurde der windig-wortgewandte Anwalt Saul Goodman (Bob Odenkirk), der sechs Jahre lang die einzig verlässliche Quelle für Humor in Walter Whites Umfeld bildete, als ehemaliger Trickbetrüger Jimmy McGill vorgestellt. Sein großer Bruder Chuck, Namenspartner eines mächtigen Anwaltsbüros, hatte ihn nach Albuquerque geholt und ihn auf den Weg des Rechts gebracht, zumindest denkt man das zu Beginn.

Wie es wirklich war, entwickelte die erste Staffel im dichten stilistischen Anschluss an die Vorläuferserie (abrupte Zeitsprünge, kontemplative Außenaufnahmen), wobei sie einen viel leichteren Ton anschlug (weniger spektakuläre Todesfälle), aber seltsamerweise mehr berührte. In Breaking Bad mag Saul Goodman als Witzfigur rübergekommen sein, und Jimmy McGill besitzt schon das gleiche Talent wie später als Goodman, durch anhaltendes Fabulieren sein Gegenüber zumindest so lange in Schach zu halten, bis er aus der Tür ist. Aber vor allem sein Herz scheint noch an einem anderen, dem rechten (?) Fleck.

Da es sich bei Better Call Saul eben nicht nur um ein Spin-off, sondern um ein Prequel handelt, weiß man zwar, wo die Serie endet, aber keineswegs, wo sie hinführt. Enden hat Better Call Saul zudem gleich zwei: Da ist zum einen die Gewissheit, dass aus dem herumkrebsenden Anwalt Jimmy (wie sagt einer zu ihm in der ersten Staffel: „Wenn du als Anwalt nur so durchkommst, machst du etwas falsch“) demnächst der Kriminellenadvokat Saul wird, und zum anderen die Sicherheit, dass dieser Saul nach den Ereignissen mit Walter White sich absetzen und wiederum eine neue Identität annehmen wird.

In Letzterer sieht man ihn des Öfteren im cold open der Episoden nun auch der zweiten Staffel von Better Call Saul. Er führt da ein freudloses Leben als, im Wortsinn, den Kopf unten haltender Fastfood-Restaurant-Angestellter. Mehr und mehr aber scheint in der zweiten Staffel klar zu werden, dass es Autor und Showproduzent Vince Gilligan im Spin-off nicht darum gehen wird, Jimmy zum gezeigten Endpunkt zu bringen, sondern dass einmal mehr der Weg als solcher zählt, besser gesagt der Umweg. Jimmys Ego ist ganz anders gebaut als das von Walter White. Er ist noch weniger ein klassisch-männlicher Held, was seine Reaktionen auf die diversen Verführungen und Verletzungen, die er erleidet, sehr viel interessanter macht. Und das Schöne ist, dass er mehr redet. Wer mit Breaking Bad nie warm werden konnte, sollte es unbedingt mit Better Call Saul versuchen.

06:00 30.03.2016

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