Der kleine Prinz - Gegendarstellung

Kehrseite I Richtig ist, dass der Junge von seinem eigenen kleinen Planeten kam. Richtig ist, dass er, als er auf der Erde strandete, sich inmitten einer Wüste ...

Richtig ist, dass der Junge von seinem eigenen kleinen Planeten kam. Richtig ist, dass er, als er auf der Erde strandete, sich inmitten einer Wüste befand, bei der es sich, wie er später erfuhr, um die Sahara handelte. Da er jedoch die Erde nicht kannte, war er keineswegs erschrocken oder missmutig, er meinte nur einfach, auf einem Wüstenplaneten angekommen zu sein, was die Erde ja auch, nun ja, äußerte sanft der kleine Prinz, in gewisser Weise sei.

Er wollte dennoch die Öde erkunden und machte sich also schnurstracks auf die Socken, welche natürlich sofort voller Sand waren. Wobei die Menge des Sandes immer gleich blieb, was vorne rein rieselte, rieselte hinten wieder raus.

Auf diesen Sandsäckchen schlingerte und stolperte er quer durch die Wüste, wollte schon aufgeben angesichts des öden Einerlei, da traf er auf den notgelandeten französischen Piloten.

Dessen Maschine war nur mehr ein Haufen Schrott. Alles war verbeult, verbogen. Öl tropfte aus allen Rohren und Ventilen und musste mit Eimern und Emaillebüchsen aufgefangen und wieder aufgefüllt werden, um dennoch früher oder später durchs Getriebe unwiederbringlich in den Sand zu rinnen. Der kleine Prinz, der sich mit dem Fliegen und weiten Reisen auskannte, gab dem Vehikel keine Chance. Und dem Piloten, so wie er ihn da im Schatten des Schrotts hausen sah, noch weniger. Verzweifelt und ungepflegt, von Selbstmitleid zerfressen, verlaust und zerkratzt, ein gescheiterter Möchtegern-Lindbergh, der vom Fliegen keine Ahnung hatte, aber umso mehr gern große Reden hielt über Wind, Sand und Sterne. Er war ein Romantiker, entschuldigt ihn der Prinz, sein Schwadronieren von Thermik und Navigieren, sein Gerede vom Kreuz des Südens, das waren ja alles Selbstentschuldigungen - er hatte einfach vergessen zu tanken und die Karte verkehrt gehalten.

Der schlechteste Pilot, der mir je begegnet ist, sagt der kleine Prinz.

Das einzige Wasser, das es an der Unglücksstelle gab, war der Tau, der sich morgens auf die Tragflächen legte. Mit einem öligen Läppchen wurde er sorgsam heruntergewischt. Diese Arbeit tat in den Tagen ihres Zusammenseins immer der Prinz. Der Pilot lag unter der Maschine im Schatten. Er lag auf dem Rücken, sein Mund halb offen. Noch war der Sand kühl von der Nacht. "Waschlappen", sagte der Pilot. Der Kleine Prinz brachte ihm von der linken geborstenen Tragfläche her den taufeuchten Lappen und wrang ihn über seinem Mund aus, aus dem heraus es im Übrigen übel roch. Ein paar Wassertropfen, die wahrscheinlich nach Öl schmeckten, fielen dem Mann in den Mund. Der Prinz selbst konnte ohne zu trinken auskommen. "Waschlappen", wiederholte der Pilot. "Schlappschwänze. Sie duschen nicht, jedenfalls nicht kalt." Er sprach offenbar von seinen Kameraden in der Heimat, der kleine Prinz war ein bisschen verwirrt. "Ein Mann muss kalt duschen, unter einem harten Strahl, der ihm wie eine Peitsche auf den Rücken schlägt, kalt und hart. Nicht warm, nicht mit Brause." Der Pilot spuckte aus. "Sie stellen die Brause weich ein, duschen lauwarm, baden sogar oder benutzen ein Bidet. Ekelhaft. Sie liegen im warmen Bad, lassen sich den Rücken kraulen und um sie her vermehren sich die Keime. Das ist widerlich. Später sitzen sie in ihrem Sessel, im flauschigen Bademantel, um ihre Hämorrhoiden zu schonen. Weicheier." Der Mann kratzte wütend den juckenden Schorf unter seinem verschmutzten Bart, bis es blutete.

Es würde auch heute wieder ein höllisch heißer Tag werden, er würde ein wenig und in weitgehender Unkenntnis an seiner Maschine schrauben, nur um sich vorzumachen, hier je wieder wegzukommen, und dabei unablässig sich kratzen und seinen Senf ablassen. Der Prinz überlegte, wie er hier elegant fortkommen könnte, ohne den Mann im Stich zu lassen. (Wir wissen, schließlich war es ein Schlangenbiss, der ihn aus seiner Lage befreite und der Erde enthob.)

"Nachts schließen sie die Fenster. Ein Mann muss bei offenem Fenster schlafen, kalt und hart. Ihre Betten sind weich." Er sagte das, während er, noch immer im Sand liegend, im enger werdenden Schattenkreis, in den Lappen biss um noch das letzte Quäntchen Wasser, das aber nur mehr Öl war, aus dem Stoff zu saugen. "Shm fghlaghmm fvlhgmwwgm." Er nahm den Lappen aus dem Mund und reichte ihn, übel riechend, dem Prinzen zurück. Dabei redete er natürlich weiter. "Ihre Matratzen sind so weich, als hätten sie eingepisst. Und der Dunst hängt über ihren Betten. Darin kuscheln sie sich ein, in ihre Kissen, ihre Daunen und ihren Dunst. Morgens, wenn sie aufstehen, erwartet sie eine warme Dusche oder ein Bad." Wütend stand er auf, öffnete seine Hose und pinkelte. "Sie pissen im Sitzen!" schrie er, denn der kleine Prinz hatte sich etwas abseits gestellt. "Weil sie Angst haben, ihre Schwänze anzufassen. Kein Mann sollte Angst haben, seinen Schwanz anzufassen. Was meinst du?" Der Pilot schüttelte ausgiebig seinen Schwanz, wie um zu beweisen, dass da nichts kaputt geht, wenn man richtig zupackt. Währenddessen überlegte der kleine Prinz, was er antworten sollte, denn Gespräche übers Schwänzeanfassen war er nicht gewohnt, und sie waren ihm peinlich. Aber der Pilot brauchte keine Antwort, er gab sich alle Antworten selbst und redete schon vom Nächsten.

"Weiße Söckchen!", krächzte er. Der Prinz sah an sich herab. Er lief barfuß. Seine sandigen Socken lagen bei den Schuhen im Cockpit. Ihn würde also die Tirade nicht treffen. "Daran erkennst du sie in jedem Fall: Weiße Söckchen!" Der Pilot kletterte in zur Unkenntlichkeit ausgelatschten Sandalen auf dem heißen Metall der Unglücksmaschine herum. Er hatte gestern seinen Schraubenschlüssel hier liegen lassen. Jetzt konnte er ihn nicht aufheben, ohne sich die Finger zu verbrennen. Mit Tritten schob er das Werkzeug vor sich her, bis es hinunter unter die Maschine fiel, wo noch ein letzter Rest Schatten lag. Der Prinz sah die schwarzen Füße des Mannes und die gelben, wie bei einem Greifvogel gebogenen Zehen. "Sie benutzen Eau de toilette!"

Am Abend ging es um Literatur. Der Pilot verachtete schreibende Frauen und so genannte Weicheier-Literatur. Einzig Hemingway ließ er gelten ...

Im interstellaren Interview befragt, wie es wohl dazu kommen konnte, dass der Pilot, nach Hause zurückgekehrt, den Weicheier-Bestseller schlechthin schrieb, lächelte der kleine Prinz in seiner zurückhaltenden Art. Er schien etwas zu wissen, ein Geheimnis, die Entstehung des Buches betreffend, das er jedoch nicht verriet.

Plötzlich lachte er auf, hell und schön, wie es seine Art ist und der Autor es gut beschrieben hat, und erzählte, dass an jenem Abend plötzlich ein Vogel über ihnen kreiste, aber kein Geier, wie zu erwarten, sondern es hatte sich eine einsame Möwe dahin verirrt. Die Möwe Jonathan. Auch so ´ne Pissnelke, sagte der Prinz, indem er die rauhe Stimme des Piloten zu imitieren versuchte, und lachte.

Dann brach die Verbindung ab.


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00:00 29.07.2005

Ausgabe 39/2020

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