Der "Klinsmann-Deutsche" und der "Rembrandt-Deutsche"

Mediale WM-Nachlese Der ultimativ-nationale Imperativ heißt "Schwarz-Rot-Geil"

Nach vier Wochen Fußball und über fünf Wochen Dauerberichterstattung ist eine Beschimpfung fällig - eine Mediensportbeschimpfung wohlverstanden. Über deren Erfolgsaussichten muss man sich keine Illusionen machen - diese Aussichten sind etwa so groß wie das bäuerliche Beten gegen Hagelschlag.

Trotzdem ist es legitim, zunächst einmal zu fragen, mit welcher Gesellschaft man es zu tun hat, wenn sich ein großer Teil davon freiwillig und ausgesprochen energisch einen Monat lang ein mediales Sonderspektakel antut, mitmacht beim allgemeinen Fähnchenschwingen und sich zu Hunderttausenden bei 30 Grad im Schatten vor Großleinwänden pünktlich zum kollektiven Sehen und Saufen einfindet. Sport ist eine feine Sache, für den Alltag des Autors eine unentbehrliche. Aber ist Fernseh-, Radio- und Zeitungssport, also Mediensport, überhaupt Sport?

Mediensport ist Unsport, und der verhält sich zum Sport ungefähr so wie Pornographie zur Sexualität. Mediensport ist für den Körper, die Gefühle und das Denken bestenfalls Erfahrung aus dritter Hand, kurzum eine Ersatzbefriedigung, medial vermittelter Ramsch. Einer, der selbst im Mediensportbetrieb tätig ist, verriet freiwillig dessen Betriebsgeheimnis: "Fußball ist, wenn wir alle reden." Wer das biedersinnig mit Demokratie in Verbindung bringt, verwechselt diese allerdings mit Stammtisch-Gerede und Biergarten-Geschwalle.

Mediensport wäre nur jämmerlich, wenn dabei nicht Selbsterniedrigung und Selbstvertrottelung die Hauptrollen spielen würden. Was ist von mediensportlich imprägnierten Bürgern - und offenbar der Zahl nach zunehmend auch Bürgerinnen - zu erwarten? Menschen also, die der Erfahrung das Surrogat, dem Leben den Bilderfirlefanz, dem Wein das Wasser vorziehen? Schwer zu sagen. Aber wenn sie nur halb so werden, wie ihre medialen Vorbeter jetzt schon denken, reden und vor allem schreiben, kann es ziemlich ungemütlich werden.

Mit Bild wurden "wir" Papst, laut FAZ sind "wir" jetzt "Weltmeister der Herzen", und "deutsches Fußballvolk und Nationalmannschaft" unterhalten "eine Liebesbeziehung". Zugegeben, das ist etwas weniger monströs als die "Liebe zum Vaterland", für das zu sterben "süß und ehrenvoll" sei. Darauf pflegte Gustav Heinemann - der am meisten unterschätzte Bundespräsident - zu antworten, er liebe kein Land, sondern seine Frau. Nun also sind die Klinsmänner dran, massenhaft "geliebt" zu werden. Das Gute an diesen Männern - im Vergleich zum Vaterland - ist der Umstand, dass ihretwegen niemand wirklich sterben muss. Intellektuelle und emotionale Selbstverstümmelung bilden jedoch allemal die solide Basis einer solchen "Liebesbeziehung". Der Rest ist Privat- und Geschmacksache.

Wenn man allerdings sieht, wie das regierende Personal darauf erpicht ist, seine "Liebesbeziehung" zu den verschwitzten Helden öffentlich zu zelebrieren und den Fernsehsport für sich zu instrumentalisieren, muss man schon sehr naiv sein, um noch zu sagen, das ganze schwarz-rot-goldene Ersatztheater habe politisch gar nichts zu bedeuten und sei nur der Ausdruck von fortschreitender "Normalisierung". Die Bild-Zeitung brachte das aktuelle Geschehen auf den ultimativ-nationalen Imperativ: "Wir machen weiter! Schwarz-rot-geil!", womit die intime Beziehung von Fernsehsport und Pornographie von unbestrittenen Experten ebenso geadelt wie die Ansicht des "Philosophen Helmut Kohl" bekräftigt wird, "der einmal sagte, dass wir nichts klar erkennen, wenn wir es nicht von hinten betrachten" (Franz Josef Wagner in Bild). Von hinten sieht "Anna" aus wie von vorn - arschgesichtig sozusagen - könnte man Tucholsky zitieren.

Was droht, ist keine Wiederkehr des alten Nationalismus, sondern dessen Verwandlung in eine schmierige Farce - mit dem "Klinsmann-Deutschen" in der Hauptrolle, der weiß, "was es heißt, Schicksale zu wenden", so Frank Schirrmacher in der FAZ (Ausgabe vom 6. 7. 2006). Der "Klinsmann-Deutsche" ist Schirrmachers Klon des "Rembrandt-Deutschen". Der Romancier August Julius Langbehn (1851-1907) schrieb 1890 einen Roman ("Rembrandt als Erzieher"), in dem er den herrisch, stumpfdeutsch und vergleichsweise reich gewordenen wilhelminischen Kleinbürger porträtierte, der auch nur einen "Platz an der Sonne" suchte wie die "Wir-sind-wieder-wer-Party-Patrioten" mit den geflaggten Mittelklassewagen. Denen gab Oliver Bierhoff das Losungswort in stahlhartem Klinsmann-Deutsch: "Die Welt hat wieder Angst vor uns." Die Projektion hatte sprichwörtlich kurze Beine. Denn der wirkliche Klinsmann hat offensichtlich keine Lust mehr, Schirrmachers "Klinsmann-Deutschen" zu spielen.

Wie normal alles schon geworden ist, hat Helmut Digel, Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes, nach dem Besuch eines Vorrundenspiels beschrieben. Das Fernsehen und fast alle Zeitungen haben darüber nichts berichtet: " ›Steh auf, wenn Du ein Deutscher bist!‹, ›Sieg, Sieg, Sieg!‹, grölt die Masse. Wenige Minuten vor dem Anpfiff ereignet sich in der Ostkurve des Olympiastadions etwas äußerst Eigenartiges. Über eine Länge von mehr als hundert Metern wird ein Tuch entrollt, darauf ist zu lesen: ›Auf des Adlers Schwingen werden wir den Sieg erringen.‹ Und plötzlich wird die gesamte Tribüne zu einem lebenden Motiv, ein schwarzer Adler." Man hofft jedenfalls, aus dem "millionenfachen Dialog" mit der Klinsmannschaft erwachse dereinst "ein neues patriotisches Grundschwingen". Ob zwischen "des Adlers Schwingen" von rechts und dem erhofften "Grundschwingen" aus der Mitte mehr als ein paar Blatt Papier passen? 9.000 Fußballfans wurden in den vergangenen vier Wochen verhaftet, 7.000 Straftaten registriert. So viel zur Verharmlosung der schweren chauvinistischen Walze, die durchs Land zog.

Es kann ja sein, dass der "kraftmeierische und bierselig laute Pop- und Party-Patriotismus" (Neue Zürcher Zeitung) so schnell verraucht wie der Kater am Morgen danach. Was nicht so schnell vergessen werden sollte, ist die unnachahmlich deutsche - akademische wie journalistische - "Laber- und Interpretationsindustrie in den Medien" (Kurt Kister, SZ). Rund zwei Hundertschaften universitäre und journalistische Bierdeckel-Philosophen und Weißbier-Lyriker boten sich eine intellektuelle Unterbietungsschlacht sondergleichen. Bestritten wurde sie von Elchen aus den hinteren Reihen; sie würden gern nach vorne - am liebsten ins Fernsehen - rücken, getreu der Devise: die schärfsten Kritiker der Elche wären gerne selber welche. Verglichen mit diesen Ego-Pirouetten bilden jüngste Peinlichkeiten der Bären-Experten und Freizeit-Brunologen ein geistig hochstehendes Genre.

Alle großen Zeitungen, denen es wirtschaftlich schlecht geht, produzierten während der WM täglich acht bis zwölf Sonderseiten - das ergab zusammen zwischen 120 und 140 Seiten pro Zeitung. Einzelne Blätter sahen aus wie Fußballvereinsmagazine. Angesichts der desolaten ökonomischen Lage vieler Zeitungen wäre zu fragen: Was haben diese Ausschweifungen gekostet und wie viele Leser fanden sie? Und wie sieht die Bilanz aus? Wie viele Neu-Abonnenten wurden gewonnen, wie viele zusätzliche Anzeigenkunden? Wenn es noch Redakteurinnen und Redakteure gibt, die nicht mediensportlich besoffen sind, sollten sie diese Fragen ihren Chefs und Geschäftsführern stellen. Die Aussichten, darauf seriöse Antworten zu erhalten, stehen genauso schlecht wie die Chancen der Steuerzahler, wollten sie erfahren, was der enorme Sicherheitsaufwand - 250.000 Polizisten waren im Einsatz - und der elektronische Großbildwahnsinn auf den Fan-Meilen, den sie bezahlt haben, gekostet hat.

Der Verlierer des Mediensportspektakels ist immer der Zuschauer. Und wie heißt der Sieger? "Klarer Sieg für Bier, Würstchen und Flaggen", schrieb die FAZ in einem lichten Moment und vergaß nur die Hauptgewinner - die weder einer Kontrolle, geschweige denn einer demokratischen Legitimation unterworfenen, global agierenden Cliquen DFB und Fifa. Für Frau Merkel sprangen ein paar Freikarten heraus und für den geldmäßig schlauen Biedermann Blatter Sepp aus Zürich das Bundesverdienstkreuz. Dieses hat der vorgesehene Nachfolger Beckenbauer Franz schon gekriegt. Ersatzweise gibt´s dann wahrscheinlich eine über Steuern finanzierte Dienstvilla mit Fahrer, Gärtner, Koch und ein paar Dutzend Gorillas für die Bewachung von Frau(en) und Kindern.


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00:00 21.07.2006

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