Der König der Welt

1964 wird Muhammad Ali – damals noch als Cassius Clay – erstmals Profi-Weltmeister im Box-Schwergewicht. Er sei der „größte Champion aller Zeiten“, feierte er sich selbst
Konrad Ege | Ausgabe 09/2014
Der König der Welt
Muhammad Ali im Kampf gegen Sonny Liston

Getty Images

Der 25. Februar 1964 in Miami Beach/Florida. Herausforderer Cassius Clay – 22 Jahre alt, 19 Siege, keine Niederlage – tritt gegen den amtierenden Champion Charles Sonny Liston an – genaues Alter unbekannt, auf jeden Fall älter als Clay, 35 Siege, eine Niederlage. Clay gewinnt durch technischen K.o. und wird der berühmteste Sportler weltweit.

Es ist eine unruhige Zeit in den USA. Der Kampf findet drei Monate nach dem Attentat auf Präsident John F. Kennedy statt. Die Bürgerrechtsbewegung steht auf gegen die Rassendiskriminierung. Die Beatles touren erstmals durch die USA. Ein halbes Jahr vor dem Match hat der spätere Friedensnobelpreisträger Martin Luther King bei einer Kundgebung für „Freiheit und Jobs“ vor mehr als 200.000 Menschen gefordert, seine Nation müsse endlich ihre Versprechen der Demokratie einlösen. Heute wird die Rede weichgespült als „I have a Dream“-Ansprache.

Sonny Liston ist bis zu jenem 25. Februar kein idealer Champion. Er hat nach einem Raubüberfall erst im Gefängnis das Boxen gelernt und gilt als Schlägertyp ohne Finesse – ein Brutalo-Boxer, vielleicht mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Die Medien verspotten ihn als nicht sonderlich intelligent, unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen im ländlichen Arkansas soll er angeblich kaum zur Schule gegangen sein. Seinen Schwergewichtstitel hat Liston im September 1962 gegen Floyd Patterson erworben – K.o. in der ersten Runde. Aber nun kommt Cassius Clay, das Großmaul aus St. Louis. Das ist einer, der den Gegner schon vor dem Match zermürbt mit endlosem Hohn und lustigen Spottreimen. Das hat Methode. Er habe „kämpfen müssen für den Kampf“ gegen Liston, sagt Clay im Rundfunksender WNTH. Tatsächlich haben 1964 erfahrenere Boxer eher ein Anrecht, Liston herauszufordern.

Clay setzt auf sein Redetalent. Seine Tiraden gegen den „Bären“, der einfach „zu hässlich ist, um Champion zu sein“, sollen Liston verärgern, vielleicht auch verunsichern, auf jeden Fall das öffentliche Interesse wecken an einem Titelmatch. Ein von Clay bestellter Bus fährt durch Miami mit dem Slogan: „Sonny Liston Will Go In Eight!“ – „Liston wird in der achten Runde fallen.“ Vor dem Kampf lässt sich Clay beim Lesen eines Buches fotografieren, dessen Titel Psychologische Kriegsführung groß zu sehen ist.

Die blauäugigen Teufel

In King of the World zitiert Autor David Remnick den Boxer: „Wo wäre ich nächste Woche, wenn ich nicht schreien, Krach machen und Aufmerksamkeit erregen würde?“ Im Amerika der frühen sechziger Jahre würde er als schwarzer Mann arm sein. „Ich wäre vermutlich wieder in meiner Heimatstadt, würde Fenster putzen und ‚Ja, Sir‘ sagen und mich unterordnen.“ Kein Wunder, wenn der schwarze Großredner im weißen Amerika nicht eben gut ankommt. Vor dem geplanten Match zirkulieren Gerüchte, Clay sei ein „Black Muslim“ und gehöre zur Nation of Islam, einer in den dreißiger Jahren gegründeten radikalen afro-amerikanischen Religionsgruppe. Mit der hat das weiße Amerika seinerzeit gar nichts am Hut, Martin Luther King ist Herausforderung genug: Die Nation of Islam wiederum, deren Führer Elijah Muhammad und Malcolm X sind, hat nichts am Hut mit Luther Kings Gewaltlosigkeit. Die Weißen sind für sie „blauäugige Teufel“.

Am Abend des Titelkampfes ist das Miami Beach Convention Center nur halb ausverkauft. Warum sollte man hingehen? Medienberichten zufolge verspricht der Kampf wenig Spannung: Clay habe keine Chance gegen den schlagkräftigen Liston. Theatre-Network-Television-Ansager Steve Ellis ignoriert die leeren Sitze: Der Kampf würde für 350 Locations in den USA und Kanada übertragen, sagte er, und „per Relais-Satellit in 15 europäische Länder als eines der Top-Ereignisse des Jahres“. 15 Runden sollte es gehen. Auf Youtube kann man den Fight noch heute sehen. Der Kontrast zwischen Herausforderer und Champion ist offensichtlich. „I’m ready to rumble! I can’t be beat“, verkündet Clay. Liston bleibt im Ring eher stationär, seine Schläge kommen nicht an bei dem sich wegduckenden und herumtanzenden Clay. Der Herausforderer gewinne zusehends Selbstbewusstsein, kommentiert der als Ansager Ellis zur Seite stehende Joe Louis. Der war einst selbst Schwergewichtsweltmeister. Liston hat einen Cut unter dem linken Auge. Der Champion habe nicht genug trainiert und den jungen Sprücheklopfer unterschätzt, heißt es später in der Box-Presse. Dann – in der fünften Runde – fast eine Katastrophe für Cassius Clay. Man sieht ihn klammern und ausweichen wie auf der Flucht. In der vierten Runde hätten dem Herausforderer plötzlich die Augen geschmerzt, schrieb Boxexperte Bob Mee in seinem Buch Ali and Liston. In der Pause danach habe er seinen Trainer Angelo Dundee aufgefordert, „ihm die Handschuhe abzuschneiden“.

„Etwas stimmt nicht mit seinen Augen“, sagt auch Fernsehanalyst Joe Louis. Was nicht stimmte, ist bis heute umstritten. Vielleicht habe Listons Trainer seinem Mann eine scharfe Lösung auf die Handschuhe geschmiert, vielleicht gelangte eine Salbe gegen Listons Cut irgendwie auf die Handschuhe. Clay überlebt Runde fünf mit Ausweichmanövern und Halten. Die nächsten drei Minuten werden entscheidend sein – Clays Augen sind offenbar wieder okay, Liston geht die Kraft aus, Clays Fäuste landen einen Treffen nach dem anderen. Als die Klingel tönt für Runde sieben, bleibt Liston sitzen. Cassius Clay explodiert. „Ich bin der König!“ Und an die Reporter gerichtet: „Fresst Eure Worte!“ Liston könne wegen einer gerissenen Sehne in der linken Schulter nicht weitermachen, begründet der Ring-Arzt den Abbruch.

Getrennte Wege

Wie sich nun zeigt, haben die Gerüchte über Clay und die „Black Muslims“ gestimmt. Bei der Pressekonferenz am Tag nach dem Match erklärt der Sieger, er sei kein Christ mehr. Er glaube an Allah. Nation of Islam-Vorsteher Elijah Muhammad gibt ihm einen neuen Namen – Muhammad Ali. Nur der Islam könne die Welt retten, „die brennt mit Hass“, sagte Ali im Interview mit der Associated Press. Er hat Malcolm X bereits 1962 in Detroit getroffen. Und der ist sogar zum Titelkampf nach Miami Beach gefahren und kommt danach auch zur Siegesfeier mit Vanilleeis. Der weltweite Schwergewichts-Champion bei den „Black Muslims“, das war schwer zu verdauen für die USA. In der Nation of Islam wird Ali später hineingezogen in die Konflikte um die Führung der Organisation: Malcolm X und Elijah Muhammad gehen bald getrennte Wege. Malcolm X, der die Auffassung vertritt, der Islam stehe allen Menschen offen, nicht nur Schwarzen, wird aus der Vereinigung verstoßen. Auch Ali distanziert sich von Malcolm X. Wenn er das rückgängig machen könnte, würde er es tun, wird Muhammad Ali später in seinen Erinnerungen Die Seele eines Schmetterlings bedauern. Malcolm X fällt im Februar 1965, ein Jahr nach dem Boxkampf in Miami Beach, einem Attentat zum Opfer, inszeniert vermutlich von Getreuen Elijah Muhammads.

1967 erhält Muhammad Ali seinen Einberufungsbefehl zu den US-Streitkräften und sagt Nein. Aus Gewissensgründen werde er nicht töten. Er könne entweder den US-Gesetzen gehorchen oder Allah. Häufig zitiert ist noch heute seine Aussage, er sehe keinen Grund, eine Uniform anzuziehen, Tausende Meilen zu reisen und Bomben auf braune Menschen in Vietnam zu werfen, während Schwarze in den Vereinigten Staaten schlechter behandelt würden als Hunde. Der Staat zieht Alis Reisepass ein, erteilt ein Box-Verbot und verhängt eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Ali legt Berufung ein und bleibt auf Bewährung frei. 1971 wird das Urteil schließlich aufgehoben. Zehn Jahre später legt Ali die Boxhandschuhe endgültig ab. Für seine Fans weltweit ist er sehr viel mehr als „der größte und hübscheste Champion“, wie Ali einmal von sich sagte. Er ist einer, der sich nie hat unterkriegen lassen. Heute leidet Ali an Parkinson.

Sonny Liston stirbt Ende 1970 in Las Vegas. Die Todesursache bleibt unklar, möglicherweise eine Überdosis Drogen.

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06:00 05.03.2014

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