Der Kojote trägt Smoking

Salonfähig Bob Dylan singt Frank Sinatras „Selbstmordlieder“ und entdeckt die Intimität für sich
Rüdiger Dannemann | Ausgabe 06/2015
Der Kojote trägt Smoking
Dylan verfolgt auf „I’ve Got You Under My Skin“ das Prinzip der Reduktion
Foto: Christopher Polk/Getty Images

Warum nicht Woody Guthrie, Phil Ochs oder Blind Willie McTell? Auf seinem 36. Album nähert sich Bob Dylan unerwartet respektvoll Frank Sinatra. Zwei Welten begegnen sich: Hier der Sänger des Protests mit der Stimme eines „Kojoten im Stacheldraht“, der über die Herren des Kriegs ebenso bösartig-schön tönen kann wie über die romantische Liebe. Dort der singende und schauspielernde Entertainer mit Whiskey und Zigarette, „The Voice“ mit dem Hang zur Perfektion. Wie soll das funktionieren?

Dylan hat im altehrwürdigen Studio B von Capitol in Hollywood 23 Sinatra-Songs aufgenommen, zehn sind auf dem Album. Sein Toningenieur Al Schmitt hat schon mit Sinatra gearbeitet und bereitet dem größten Nichtsänger-Sänger einen superben akustischen Raum. Es handelt sich mit Ausnahme vielleicht von That Lucky Old Sun nicht um die üblichen Klassiker (wir erinnern uns: Gerhard Schröder ließ sich von der Kapelle der Bundeswehr mit My Way verabschieden), sondern um die Selektion des Archäologen der US-amerikanischen Musikgeschichte, als der sich Dylan spätestens seit seiner Sendung Theme Time Radio Hour (bis 2009) etabliert hat.

Posaune in Slow Motion

Das erste Stück I’m A Fool To Want You weist die Richtung: Dylan hat ihm den Swing ausgetrieben, den einst Nelson Riddle und andere arrangierten. Er verfolgt das Prinzip der Reduktion. Statt eines orchestralen Bigbandsounds hören wir seine fünfköpfige Tourband mit Tony Garnier als dem geheimen und ewigen (Bass-)Fundament. Es dominieren die von Donny Herron subtil gespielte Steel Guitar und dezente Bläser. Auffällig ist der Einsatz der Posaune, die auch bei George Gershwin und Aaron Copland eine große Rolle spielte. Auch in den folgenden Stücken hat Dylan das Tempo extrem verlangsamt. Wir hören Musik, stolpernd, in Slow Motion. Aus den Lautsprechern ertönt nicht die Stimme des Rebellen, der sich nie mehr auf Maggie’s Farm ausbeuten lassen will, stattdessen Tristesse, deren tiefe Schwärze sich durch Bar- und Nachtclubmusik tarnt. Tragik in der euphemistischen Verkleidung des Smokings.

Dylan, der aus Sinatras Repertoire bevorzugt die Einsamkeitsballaden ausgewählt hat, die dieser „Selbstmordlieder“ nannte, entdeckt in der Rezeption für sich seinen Weg zur Intimität und liefert endlich den perfekten Soundtrack für die Bildästhetik eines Dennis Hopper. Dabei ist Sinatra kein ungeeigneter Lehrmeister, war er es doch, „der in der amerikanischen Musikkultur des 20. Jahrhunderts vorgegeben hat, was on stage als Intimität galt“, wie der Musikwissenschaftler Richard Klein schrieb. Dylans Stimme ist auf dem neuen Album die eines sublimierten Affekts, aber eben ganz anders als bei dem Original: Er singt bei aller Suche nach Oberflächenharmonie, Belcanto und vokaler Farbigkeit immer auch „nackt“: Er verliert die Contenance, er kann nicht anders als Schattenseiten und Rauheiten zu produzieren. Und er entgeht so trotz seines nunmehr ungehemmten Bekenntnisses zum Sentiment den Fallstricken der Banalität, was dem Interpreten von I’ve Got You Under My Skin nicht immer gelang. Beinahe vergisst man, dass die Subtilität von Dylans Lyrik fehlt. Shadows In The Night ähnelt eher dem charmanten Nashville Skyline als den frühen und späten Geniestreichen. Doch wer wollte schon auf den melancholischen Genuss der Intimität verzichten?

Album

Shadows In The Night Bob Dylan Columbia 2015

06:00 06.02.2015

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