Der Kommunismus ist …?

Fragebogen Tim Henning ist ein Philosoph, der unseren Fragebogen selbstredend philosophisch beantwortet
der Freitag | Ausgabe 48/2019
Der Kommunismus ist …?

Illustration: der Freitag

Er ist einer der Shootingstars der Philosophie: Tim Henning (geb. 1976), Inhaber des Lehrstuhls Praktische Philosophie und Geschichte der Philosophie an der Universität Stuttgart. In diesem Herbst erschien bei UTB ein Band von ihm über Allgemeine Ethik.

Was mögen Sie an Angela Merkel?

Die Art, wie sie Haltung bewahrt. Wenn „besorgter“ Pöbel mich über Jahre für den angeblichen Untergang des Abendlandes zum Sündenbock machen würde, würde ich an ihrer Stelle sicher weniger gute Haltungsnoten bekommen.

Welches Buch haben Sie zuletzt nicht zu Ende gelesen?

Vermutlich eines von denen, die ich ständig nicht zu Ende lese. Vielleicht Der Nachsommer von Stifter?

Welchen linken Politiker, welche linke Politikerin bewundern Sie?

Bewunderung geht mir in diesen Dingen nicht sehr leicht von der Hand. Aber ganz gut finde ich Elizabeth Warren.

Zahlen Sie eigentlich gern GEZ-Gebühren?

Auf jeden Fall! Viel besser, als wenn Nestlé und Co. alleine meine Informationsquellen finanzieren.

Welche Drogen sollten legalisiert werden?

Mit entsprechenden Altersbeschränkungen: alle. Wer ernsthaft selbstzerstörerisch unterwegs ist, den halten auch Gesetze nicht auf. Alle anderen werden unzulässig bevormundet.

Halten Sie es für möglich, dass die ganze Welt eine Fiktion ist?

Nein. Etwas kann nur dann eine Fiktion (oder eine Täuschung etc.) sein, wenn die Dinge in Wahrheit (!) anders sind. Wer also irgendwo eine Fiktion oder Täuschung vermutet, muss an anderer Stelle ein ausgesprochener Realist sein.

Sollte das generische Maskulinum abgeschafft werden?

Abgeschafft – per Gesetz? Das ist kaum aussichtsreich und auch nicht besonders attraktiv. Wenn Menschen aber von selbst anfangen, andere Redeweisen zu ersinnen, ist das zu begrüßen, ja.

StudentInnen oder Studierende?

Student*innen. Und wenn sich herausstellt, dass jemand noch eine andere Anrede bevorzugt – klar, warum nicht? Die Haltung: „Ich entscheide immer noch alleine, wie ich wen anrede!“, finde ich ausgesprochen armselig.

Wie viele Apps sind auf Ihrem Smartphone?

Vielleicht so 20? Genutzt werden eher drei.

Und welche benutzen Sie am meisten?

Eine App, die mir das Annotieren von und Arbeiten mit Texten erlaubt.

Offene Grenzen sind …?

… ein Gebot des Respekts vor der Freiheit und Gleichheit aller Menschen. (Wenn man dem Mainstream unter Ökonomen Glauben schenkt, sind sie außerdem ein Gebot der wirtschaftlichen Klugheit.)

Ist die Lüge ein legitimes Mittel in der Politik?

Das ist knifflig. Der Realismus zwingt zu dem Eingeständnis: Lügen können mitunter helfen – etwa, wenn die Wahrheit Menschen in Gefahr bringen oder in Panik versetzen würde. Andererseits wusste schon Kant, dass Lügen etwas Parasitäres hat: Lügen kann man nur dort, wo Menschen generell auf das Wort anderer zählen können. Ich glaube, dass dieser Einwand sehr schwer wiegt. Außer in Katastrophenszenarien müssen auch brisante Wahrheiten auf den Tisch.

Sollte man Gehälter öffentlich machen?

Ich bin unschlüssig. Einerseits wird das dazu führen, dass Menschen sich noch stärker als bisher über ihr Einkommensniveau definieren. Andererseits sollten wir aufhören, so zu tun, als sei ein Einkommen etwas Privates. Unser Einkommen beruht immer auf einer Infrastruktur, die alle gemeinsam unterhalten. Daher sollte es Gegenstand der gesellschaftlichen Diskussion sein können. Wenn ich mich festlegen muss: ja.

Der Kommunismus ist …?

… jedenfalls nichts, was man Menschen aufzwingen darf (oder, so legt die neuere Geschichte nahe: kann). Aber natürlich ist er etwas, wofür man werben und argumentieren darf. Ob ich überzeugt bin? Eher nicht. Aber als Philosoph weiß man: Das nächste bedenkenswerte Argument ist vielleicht nur eine Buchseite entfernt.

Sollte der Kapitalismus überwunden werden?

Nicht, wenn die Mehrheit der Notleidenden, in deren Namen man zu agieren glaubt, selbst nichts anderes will, als ungehindert dabei mitzumachen.

Welchen Rat würden Sie den kommenden SPD-Parteivorsitzenden geben?

Wenn ich das wüsste. Aber wenn konkreter und praktikabler Rat gesucht ist, fragt man wohl ohnehin besser keinen Philosophen. Schon gar keinen „praktischen“.

Jan Fleischhauer oder Margarete Stokowski?

Kant. (Aber Margarete Stokowski finde ich auch oft gut.)

Wo ist Ihr Zuhause?

Da, wo meine Kinder toben.

06:00 25.12.2019
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