Der Kommunismus ist …?

Fragebogen Dirk Stermann bewundert Erich Mühsam und findet nur moralisch einwandfreie Lügen okay
Der Kommunismus ist …?

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Er wird manchmal mit einem Österreicher verwechselt: Tatsächlich aber wurde der Autor, Kabarettist und Radiomoderator (Show Royal bei Radio Eins u. v. a.) Dirk Stermann 1965 in Duisburg geboren. Seinen Fragebogen lesen Sie in voller Länge auf freitag.de.

Was mögen Sie an Angela Merkel?

Ich mag es, wenn sie auf Gipfeln neben Alphamännchen steht und wie der einzige Mensch aussieht.

Welches Buch haben Sie zuletzt nicht zu Ende gelesen?

Allen Carr, Endlich Nichtraucher. Ich hab es nicht nur nicht fertiggelesen, sondern nicht einmal begonnen.

Welchen linken Politiker, welche linke Politikerin bewundern Sie?

Erich Mühsam.

Würden Sie gerne öfter Fahrrad fahren?

Ja, aber meine Freundin benutzt mein Rad immer. Sie würde es mir jederzeit überlassen, aber ich sage ihr, nein, passt schon, fahr du nur. Schade, so fahr ich praktisch nie, obwohl ich ein begeisterter Radfahrer wäre.

Wann sind Sie zuletzt U-Bahn gefahren?

Heute. In Wien mit der U2. Ein Mann agitierte mich an und schimpfte: „Ihr im ORF benutzt in der Sprache Sozialismen. Viel zu viele Sozialismen.“ Mein kleiner Sohn, der dabei war, sagte zu ihm: „Du Kacker.“ Mein Sohn ist drei.

Welche Drogen sollten legalisiert werden?

Wie heißt das, was man bei Darmspiegelungen bekommt? Das ist das Beste.

Halten Sie es für möglich, dass die ganze Welt eine Fiktion ist?

Eine, die man auf RTL sehen kann? Nein, das glaub ich nicht.

Wer oder was hätten Sie gerne sein mögen?

Der Kaffeehändler von Balzac. Balzac trank täglich mehr als 30 Tassen Kaffee. Guter Kunde – zufriedener Händler.

Ihr Leben wird verfilmt. Welcher Schauspieler sollte das tun?

Richard Gere, der müsste sich nicht so lange in der Maske aufhalten.

Haben Sie ein Zeitungsabo?

Falter und Zeit. Früher auch Geo. Wie viele Apps sind auf Ihrem Smartphone?

Ich weiß nie genau, was da zählt. Uhr? Wetter? Oder nur so was wie die Raucher-App. Die hatte ich. Da konnte man sich ausrechnen, wie viel Geld man spart, wenn man aufhört. Aber ich rauch ja nicht aus Geldgründen. Darum hab ich die App auch wieder gelöscht.

Und welche benutzen Sie am meisten?

Wetter. Obwohl meine sehr ungenau ist und nie stimmt. Manchmal schau ich drauf und sage jemandem: Hm. Scheiß Regen. Dann sagt man mir: Hä? Welcher Regen? Das ist mir egal. Meine Wetter-App ist mir ans Herz gewachsen.

Sollte das generische Maskulinum abgeschafft werden?

Meine Freundin (die mit meinem Rad) hat ein T-Shirt, auf dem steht: Ich bin mit gemeint. Wenn das generische Maskulinum abgeschafft wird, muss sie sich ein neues T-Shirt anschaffen und das alte an ein Museum spenden. Ich denk mal, das war’s uns wert.

StudentInnen oder Studierende?

StudIerende.

Ihr Lieblingsvogel?

Pelikan. Toller Mund. Könnte man sich als Mensch nie so aufspritzen lassen. Und, ja, ich weiß, dass Vögel keinen Mund, sondern einen Schnabel haben.

Wenn Sie eine Zeitmaschine hätten, in welches Jahrhundert würden Sie reisen?

Ins Ende des 18. Jahrhunderts nach Wien, um zu sehen, ob ich es wirklich richtig beschrieben habe in meinem letzten Roman.

Offene Grenzen sind …?

... sinnvoll und zeitsparend. Geschlossene Grenzen führen zu Inzucht und kolossalen Verspätungen.

Ist die Lüge ein legitimes Mittel in der Politik?

Nein. Es sei denn, sie ist sehr sinnvoll und moralisch einwandfrei.

Sollte man Gehälter öffentlich machen?

Grundsätzlich ja, aber das führt natürlich zu Neid und Missgunst, also zu Spott. Man sollte aber öffentlich kundtun, dass die nächsten hundert Jahre Frauen mal mehr verdienen sollen als Männer und Krankenschwestern mehr als Consulter.

Der Kommunismus ist …?

Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Fred Sinowatz hat einmal den richtigsten aller Sätze gesagt: Es ist alles sehr kompliziert. Ist der Kommunismus so eitel wie die Vorworte von Marx im Kapital? So gut, wie er klingt? So mittelprächtig wie die Versuche, ihn umzusetzen? Der Kommunismus hat auf jeden Fall Luft nach oben.

Welchen Song würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?

Wieso muss man in Fragebögen eigentlich immer auf einsame Inseln? Ist England eine einsame Insel nach dem Brexit? Zählt das auch? Wenn ich nur einen Song auf diese Insel mitnehmen dürfte, würde ich wahrscheinlich nicht hinfahren. Ich bin ja nicht blöd.

Toskana oder Krim?

Krim. Vielleicht gibts dort ja einen guten Italiener.

Sushi oder Schnitzel?

Gibts das in irgendeiner Fusion-Küche nicht schon gemeinsam?

Haben Sie geweint, als die Berliner Mauer fiel?

Nein, ich war zu dem Zeitpunkt schon in Wien und mußte mich sehr wundern, als der Wiener Bürgermeister eine Deutschlandfahne am Rathaus aufziehen ließ. Das war mir furchtbar peinlich.

Welche Verschwörungstheorie halten Sie für wahr?

Die, daß Verschwörungstheoretiker in der Regel einfach nur einen Knall haben. Sie könnten ihre Zeit auch an Schildkröten-Stammtischen verbringen oder Segelfliegen.

Gehen Sie zu sorglos mit Ihren Daten im Netz um?

Ich hoffe, dass ich so arglos bin, daß das Netz erst jede Achtung vor mir verliert und mich deshalb dann aus den Augen verliert. Während das Netz Sascha Lobo zur Sau machen wird.

Kaufen Sie bei Amazon?

Nein. Nur, wenns bei mir ums Eck einen Local-Amazon-Dealer gäbe. Den würd ich selbstverständlich unterstützen.

Ihre Lieblingsgewerkschaft?

Younion-die Daseinsgewerkschaft. Ich schreibe für deren Zeitschrift als Kolumnist. Eine Zusammenlegung der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten und der Kulturgewerkschaft. Herrliche Mischung. Straßenreinigungspersonal und Regisseure, Altenpfleger und Profifußballer. Alles unter einem Dach.

Sollte der Kapitalismus überwunden werden?

Im Oasia, einem Restaurant bei mir im Bezirk, hängt eine Bleistiftzeichnung an der Wand. Lachende Menschen an einem See. “Der Kapitalismus ist überwunden” heißt das Bild und das nehm ich einmal als gegeben hin.

Waren Sie schon mal auf einer Demonstration?

Ja. Die erste war ein Schweigemarsch für einen in Frankreich von der Polizei ermordeten Studenten. Ich schwieg, aber die Düsseldorfer Anarchistenszene skandierte lautstark. Das war ein merkwürdiger Schweigemarsch.

Haben Sie Aktien?

Nein. Obwohl: doch. Glaube ich. Altersvorsorge. Sind das Aktien? Wahrscheinlich. Oder gibts das bei Green banking nicht? Sie sehen, ich bin ahnungslos.

Wo haben Sie zuletzt Urlaub gemacht?

Am Millstätter See in Kärnten. Sehr empfehlenswert, weil fast kein Tourismus mehr vorhanden ist und man in herrlicher Landschaft seine Ruhe hat. Manchmal ist man der einzige im riesigen See. Dumm, daß ich da jetzt Werbung mache. Nein, der See ist häßlich und Kärnten, sie wissen schon. Haider und so.

Was schätzen Sie an der chinesischen Kultur?

Darf man sich dort auf der Bühne nicht nicht berühren? Das find ich interessant. Wenn körperliche Nähe als kulturlos gilt. Ich weiß nicht, ob ich das schätze, aber das finde ich interessant.

Welchen Rat würden Sie den (komm.) SPD-Parteivorsitzenden geben?

Kleine Brötchen backen.

Haben Sie schon einmal einen Abend mit einem Flüchtling verbracht?

Ja. Viele. Mit einem Flüchtling aus Bratislava. Mein ältester Freund in Wien. Und mit Flüchtlingen, die vor den Nazis geflohen sind. Die Welt ist voll von Flüchtlingen. Gestern, heute, morgen.

Sind einige Ihrer besten Freunde Muslime?

Ich wähle meine Freunde eher nicht nach Religionszugehörigkeit.

Wem würden Sie das Bundesverdienstkreuz geben?

Mir, weil ich seit über 30 Jahren in Österreich immer als “der Deutsche” gelte.

Ihr Lieblingsfilm?

Ein Super 8-Film aus meiner Kindheit. Wir fuhren mit dem Auto nach Italien. Ich war 13. Und filmte bei einer Rast mit meiner Kamera meinen kleinen Bruder, der unglaublich lacht. Ich hab nicht gewußt warum. Er lachte und aß hartgekochte Eier. Nämlich mir weg. Darum lachte er so. Weil er wußte, daß ich hartgekochte Eier liebte.

Ihr(e) Lieblingsmaler/-in?

Ein Bekannter von mir, der nicht gut malen kann und seinen inzwischen volljährigen Neffen regelmäßig selbstgemalte Bilder schenkt. Aus Rache für all die vielen Kinderzeichnungen, die er von ihnen bekommen hat.

Welche Ausstellung haben Sie zuletzt besucht?

Josef Bauer, 21er Haus, Wien. Bauer ist großartig. Erwin Wurm hat ihm alles abgeschaut.

Jan Fleischhauer oder Margarete Stokowski?

Stokowski. Gott übte nur, als sie den Mann schuf.

Ihr(e) Lieblingsjournalist/-in? Peter Handke.

Toll, was er in Serbien alles aufgedeckt hat und gut schreiben kann er auch.

Kaufen Sie im Bio-Laden?

Ja, natürlich.

Wo ist Ihr Zuhause?

In Wien. Ich bin deutscher Wiener, so wie es Berliner Türken gibt.

Wie möchten Sie sterben?

Diskret und ohne viel Tamtam.

Nespresso oder Filterkaffee?

Melange.

13:45 21.02.2020
Geschrieben von

Ausgabe 14/2020

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