Der König der Tiere

Duisburg In der größten Zoohandlung der Welt ist jedes Tier zu haben. Nur Hunde nicht. Das will Inhaber Norbert Zajac ändern – und bricht damit ein Tabu

Ein schwarz-weißer Fellball auf dem Boden des Geheges. Mephitis mephitis schläft. Er wird erst abends aktiv. Ideal für Berufstätige. Es riecht auch nicht besonders streng. Trotzdem: Wer hält sich zu Hause ein Stinktier? „Frauen!“, sagt Norbert Zajac, Inhaber der größten Zoohandlung der Welt mit 35 Jahren Berufserfahrung. „Frauen haben diesen Pflegeinstinkt, die wollen was zum Kuscheln.“ Spricht‘s und zupft eine Angestellte am Ärmel herbei. „Sie haben doch ein Stinktier?“ Und wirklich: Bei der Mitarbeiterin liegt abends ein Stinktier auf dem Teppich und schaut das deutsche Fernsehprogramm. „Dass sich eine Frau ein Krokodil kauft, kommt dagegen quasi nie vor“, sagt Zajac. Krokodile verkauft er natürlich auch. Genauso wie Zitteraale, Eichhörnchen und Faultiere.

Zoo Zajac in Duisburg hat die Fauna der Welt im Angebot. 3.000 Arten, 250.000 Tiere. Was gerade nicht da ist, wird bestellt. In allen Farben, allen Größen. Norbert Zajac ist einer der wenigen Händler in Deutschland, die mit Bären und Raubkatzen handeln dürfen, ebenso mit Tieren, die vom Aussterben bedroht sind. Dagegen scheinen Hunde recht unspektakulär. Trotzdem waren sie bislang die einzige Haustierart, die Zajac nicht anbot. Das soll sich in diesem Jahr ändern: Er will seit Jahrzehnten der Erste sein, der in einer deutschen Tierhandlung Welpen verkauft.

Das ist gesetzlich zwar nicht verboten, war aber bislang absolut tabu. Der offizielle Konsens von Tierschützern und -verkäufern lautet: Welpen gehören in die Hände von professionellen Züchtern, nicht in die von Händlern. Und so verzichten die Mitglieder des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe freiwillig auf das Geschäft mit Hundekindern.

Melanie Schneider steht zwischen Zajacs Regalen und kämpft mit sich selbst. Die 32 Jahre alte Frau betreibt eine Hundeschule im rund 40 Kilometer entfernten Herten. Das Spielzeug, das sie gerade entdeckt hat, wäre perfekt geeignet für das Training mit kleinen Hunden. „Aber ich kann das nicht kaufen. Nicht in diesem Laden.“ Sie ist hier, um sich selbst ein Bild zu machen. Schneider gehört zu jenen Menschen, die Front machen gegen Zoo Zajac. Seit Längerem schon klärt sie ihre Kunden über „Wühltischwelpen“ auf. So nennt sie Hunde, die für einen schnellen Euro gezüchtet werden. Von unseriösen Züchtern, Privatleuten oder so genannten Massenvermehrern in Osteuropa. Verkauft werden diese Welpen bislang vor allem im Internet oder aus dem Kofferraum heraus. Demnächst, so befürchtet sie, haben diese Züchter einen neuen, sicheren Abnehmer: Zoo Zajac.

Er verspricht: kein Tier leidet

Mit dieser Sorge steht sie nicht alleine. Mehr als 25.000 Menschen haben bereits eine vorgefertigte Protestmail der Tierschutzorganisation PETA an Zajac geschickt. Der Verband für das Deutsche Hundewesen, in dem 650.000 Hundezüchter und -sportler organisiert sind, ruft zu Protestaktionen auf. Ein großer Futtermittelhersteller hat kürzlich seine Produkte aus Zajacs Laden entfernt. Und auch der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe befürchtet, dass Hunde verkauft werden könnten, die aus „unter Tierschutzaspekten fragwürdigen Quellen“ stammen. Melanie Schneider hatte bereits mehr als 40 Hunde von dubiosen Züchtern bei sich im Training. Verängstigte oder aggressive Wesen, die von Glück sagen können, wenn ihr Halter eine Hundeschule aufsucht und sie nicht gleich ins Tierheim abschiebt oder gar aussetzt.

Noch ist der zukünftige Verkaufsraum für 70 Hundewelpen ein zugiger Rohbau. Eine mündliche Genehmigung des Veterinäramtes für den Welpenverkauf aber hat Zajac bereits. „Die haben mir gesagt: ‚Wenn Sie das so umsetzen, kämpfen wir Rücken an Rücken gegen diese ominösen Tierschützer.’“ Er ist sich nicht mehr sicher, ob das Wort „ominös“ tatsächlich gefallen ist. Manchmal spielt einem das Unterbewusste ja auch einen Streich.

Mit Tierschützern hat es Norbert Zajac nicht so. Spätestens seit sie Ende März eine Demo vor seinem Laden veranstaltet haben. Da hätten sie dann mit ihren Hunden stundenlang in der prallen Sonne gestanden und in ein Megafon gebrüllt. Das, meint Zajac, sei Tierquälerei. Er sei kurz davor gewesen, die Polizei zu rufen, aber er habe nicht noch mehr Ärger gewollt. Jetzt steht dort, wo sich die Demonstranten versammelt hatten, ein Autoanhänger mit Werbeaufdruck für den Tierschutzverein Duisburg. „Die sammeln immer bei mir vorm Laden. Und machen guten Umsatz“, sagt Zajac. Und er sagt auch: „Ich mache mir mehr Gedanken über Tierschutz als Leute, die sich Tierschützer nennen.“

Aus der Ruhe bringe ihn der Protest nicht. Zajac sieht auch nicht aus wie einer, den etwas leicht aus der Ruhe bringt. Sein stoppeliger Bart, der allmählich ins Graue meliert, umrahmt meist ein breites Grinsen. Branchenkontakte pflegt er gern, indem er mit diesem und jenem „ein Bierchen trinkt“. Man kann ihn sich dabei ganz gut vorstellen. Das T-Shirt spannt über dem Bauch. Motiv: ein kreischender Affe mit rotem Irokesenkamm. Im Gesicht trägt Zajac einige Narben. Die jüngste, knapp neben dem rechten Auge, ist gerade verheilt. Da hat ihn ein anderthalb Meter großer Leguan mit dem Schwanz getroffen. Warum sollte ein Mann, dessen Hobby es ist, drei-, viermal im Jahr ein wildes Tier zu zähmen, vor ein paar Beamten und protestierenden Tierschützern Angst haben?

Trotz 20 Millionen Euro Jahresumsatz trägt Zajac Jeans und Gesundheitslatschen und rollt den halben Tag mit einem Mini-Moped durch den eigenen Laden. Hemdsärmeligkeit, die gut ankommt in Duisburg. 200 Angestellte hat er, für den Welpenverkauf sollen weitere eingestellt werden. In einer Stadt mit 14 Prozent Arbeitslosigkeit kein schlechtes Argument, wenn einer Genehmigungen beantragt. Seit 35 Jahren kennt Zajac nur Wachstum. Aus einer kleinen Zoohandlung in einer Duisburger Seitenstraße machte der 56-Jährige einen bald 12.000 Quadratmeter großen Megastore. Früher, als seine Tierhandlung noch nicht die größte der Welt war, da hat er schon einmal Hunde angeboten. Drei oder vier Welpen in einer viel zu kleinen Kiste hinterm Schaufenster. Irgendwann habe er damit aufgehört, sagt Zajac, weil er es mit seinem Gewissen nicht mehr habe vereinbaren können.

Vielleicht klang da das Versprechen nach, das er als kleiner Junge seinem Vater geben musste. Die Familie wohnte in einem Zechenhaus mit großem Garten. Als Norbert Zajac und seine Brüder anfingen, Feuersalamander zu fangen und zu züchten, sagte sein Vater: „Ihr könnt alle Tiere halten, die ihr wollt. Aber sobald ich sehe, dass auch nur ein Tier leidet, werden alle abgeschafft.“ Damit fing alles an. Mit acht Jahren brachte er sein erstes Krokodil nach Hause. Mit zwölf Jahren päppelte er die angefahrenen Greifvögel wieder auf, die sein Vater, ein Autobahnpolizist, mit nach Hause brachte. Mit 13 war er der jüngste Papageienzüchter des Landes. Kaninchen, Hamster und Meerschweinchen muss es auch gegeben haben, aber die sind für Zajac kaum der Rede wert.

Eine Zoohandlung war der nächste logische Schritt. Zajac entdeckte seine Begeisterung für Fische. Und weil er keine halben Sachen macht, war schon sein früherer Laden bald europaweit bekannt. Wenn er heute in seinem neuen Laden die 60 Meter lange Aquarienwand entlangläuft, wirkt er allerdings, als langweilten ihn handelsübliche Fische etwas. Schummriges Licht, in den Becken paddeln sich die Kleinfische müde. Erst bei den seltenen Fischen macht Zajac halt. Stachelrochen. Hochgiftig. Einige Arten können anderthalb Meter groß werden. So etwas gibt er nicht an Anfänger ab. Und trotzdem, sagt er, wird er die Tiere schon in wenigen Tagen verkauft haben. „Ich kann alles züchten, alles halten, ich habe alles schon einmal gemacht“, sagt Zajac.

Und so kam es, dass er sich vor zehn Jahren ein neues Ziel suchte: das perfekte Zoogeschäft. Er kaufte eine alte Lagerhalle unweit der A42, und seitdem wächst der Laden. Draußen gibt es ein Freigelände, in dem Schulklassen Küken beim Schlüpfen zusehen können. Passend dazu verkauft Zajac das Küken-Starter-Set. Seit vergangenem Jahr hat er auch Angora-Kaninchen im Angebot: etwa so groß wie ein Lamm, flauschig, niedlich, perfekt für Frauen. In diesem Jahr sollen es eben Hunde sein. Er sagt: „Wir verkaufen keine Tiere, wir schaffen Familienmitglieder.“ Als ein Journalist den Laden kürzlich einen Tiersupermarkt nannte, hat sich Zajac ziemlich geärgert.

Krisen-PR zwischen Hasen

An diesem Dienstag ist bei Zoo Zajac weniger los als in einem durchschnittlichen Supermarkt. Ab und zu streunt ein Kunde zum Hundefutter. Drei Jugendliche nähern sich der Voliere, wo gerade eine Angestellte mit einem blauen Ara hantiert. Draußen füttert eine Kundin die Nasenbären. Tiere gehen in dieser Zeit nicht über den Ladentisch. Die Ruhe vor dem Sturm – am Samstag werden sechs- bis achttausend Menschen durch die Gänge drängen. „Grabbeltische“ mit Katzenkindern sieht man nicht. Wer andere Tierhandlungen kennt oder auch manche Zoos, der ist sogar angenehm überrascht von den großen, sauberen Gehegen, die nicht dicht an dicht, sondern in den Hallen verteilt stehen. Dazwischen Hunderte von Regalen mit Tierfutter, Tierspielzeug, Tierstreu, Tierkäfigen, Tiernippes.

Nachdem er sich vergewissert hat, dass die kritische Hundetrainerin Melanie Schneider keine militante Tierschützerin ist, erklärt sich Norbert Zajac bereit, mit ihr zu sprechen. Dann beantwortet er alle Fragen. Zeigt ihr die zukünftigen Welpengehege. Holt sogar noch eine seiner beiden fest angestellten Tierärztinnen hinzu. Er hat einen Ruf zu verlieren. Seine Tiere werden für Fernsehshows gecastet. Er sagt, mit den Gagen verdiene er mehr als mit dem Tierhandel. Im vergangenen Jahr hat ihn der Bundesverband mittelständische Wirtschaft zum Unternehmer des Jahres gewählt. Wer schon einmal erlebt hat, wie andere Unternehmen Krisen-PR betreiben, traut seinen Augen nicht. Zajac steht zwischen Tierfutter und Hasenkäfigen, inmitten von Kunden und Angestellten und setzt einer Kritikerin lautstark seine Geschäftsidee auseinander.

Fünfmal täglich sei er von Kunden gefragt worden, warum er keine Hunde verkaufe. Auf der anderen Seite kenne er Privatleute, die nicht wussten, wohin mit den Welpen, als ihre Hündin unerwartet Junge bekam. Die Idee, sich als Händler dazwischenzuschalten, war wohl zu naheliegend, um sie nicht umzusetzen. Die freiwillige Selbstbeschränkung der deutschen Zoohändler, keine Welpen zu verkaufen, kümmert Zajac nicht. Er ist schon vor 30 Jahren aus dem Verband ausgetreten, weil dort Tierhaltung als Hobby für Opas betrieben werde. Und genau deshalb reizt es ihn wohl, dass jetzt die gesamte Branche gespannt nach Duisburg schaut. Zajac wird alle Auflagen des Veterinäramtes nicht nur erfüllen, er wird sie übererfüllen. Er kann es sich leisten.

Selbst Melanie Schneider wird am Ende des Gesprächs sagen: „Es ist alles wasserdicht.“ Glücklich ist sie darüber nicht. Denn ob die deutschen Tierschutzgesetze ausreichen, um zu verhindern, dass Zajacs Kunden trotzdem verhaltensgestörte Tiere aus Massenzucht bekommen, wird sich zeigen. Etwa 1.000 Welpen will Zajac im Jahr verkaufen. Er kann und will nicht ausschließen, dass er dabei ab und zu auch skrupellosen Geschäftemachern aufsitzen wird. Bei Zajac werden die Hunde wohl nur kurz bleiben. Seine Erfahrung mit jungen Katzen zeige, dass ihm die Tiere aus den Händen gerissen werden. „Was ein guter Zoohändler ist, bestimmen nicht die Tierschützer, sondern die Kunden.“ Er ist sich sicher: Vier Wochen nach Beginn des Hundeverkaufs geht den Protesten die Luft aus. Und auch Melanie Schneider sagt, dass für sie eines feststeht: Es wird nicht lange dauern, bis sie in ihrer Hundeschule die ersten Zajac-Welpen sieht.

Stefanie Hardick ist freie Journalistin und hält außer ihrem Staubsauger keine Haustiere

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08:00 04.06.2011

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