Der Krankmacher

Geschäftsideen Peter Zickenrott verdiente lange Jahre sein Geld als Berater für Armee-Unwillige. Das Ende der Wehrpflicht zwingt ihn nun umzudisponieren

Noch besteht das, was einmal Peter Zickenrotts neues Büro werden soll, nur aus nackten Steinwänden, an denen ein paar Holzlatten angebracht sind. Aber das Panorama ist schon da: Wenn Zickenrott in einigen Wochen aus den Fenstern seines neuen Büros im südbadischen Waldshut blicken wird oder aus denen seiner neuen Wohnung ein Stockwerk darüber, dann hat er freien Blick auf die andere Rheinseite, auf die Schweiz also – und auf das Atomkraftwerk Leibstadt, das dort steht. Nichts könnte ihn weniger beunruhigen: „Nehmen Sie doch mal diese so genannte Atomkatastrophe in Fukushima. Soweit ich weiß, haben die da noch nicht mal Tote. Und allein in Deutschland sterben jedes Jahr 140.000 Menschen an den Folgen des Rauchens.“ Herr Zickenrott, meinen Sie das ernst? „Meiner Meinung nach war Trittins Dosenpfand eine größere Kata­strophe als Fukushima. Wissen Sie was? Schreiben Sie das ruhig in Ihren Text.“

So spricht ein Mann, der noch wenige Minuten zuvor erklärt hat, dass Angst das dominierende Gefühl in seinem Leben sei.

Der Peter Zickenrott, der Angst hat, saß noch in seinem alten, grün gestrichenen Büro einige Kilometer nördlich und erzählte von einer Bild-Ausgabe, die ihm Anfang der achtziger Jahre in die Hände fiel. In einem Nebenjob auf dem Bau sei das gewesen, in der Zeitung ging es um Afghanistan: „Weltkrise – schon 10.000 Russen gefallen. USA erwägen einzugreifen“. Danach sei ihm so schlecht geworden, dass er sofort nach Hause gehen musste.

30 Jahre später ist Zickenrott 49, hat einen Bauch, eine Glatze und in seinem alten Büro ein ständig klingelndes Telefon. Ein Mann von der Telekom ist dran und sagt, dass er in die neue Wohnung müsse. „Sie können ja mit“, sagt Zickenrott zum Reporter und setzt sich in seinen Audi. Er fährt äußerst sportlich.

Peter Zickenrott ist Ausmusterungsberater, genauer gesagt: Er war es. Wer sich in den vergangenen 20 Jahren die Zeit bei der Bundeswehr sparen wollte, der kam zu ihm, zahlte 397 Euro und hatte nach der Beratung eine Krankheit, die ihm den Dienst an der Waffe ersparte. Jetzt ist diese Zeit vorbei, der Wehrdienst wird am 1. Juni 2011 ausgesetzt. Für Peter Zickenrotts Arbeit gilt das schon heute – schließlich wird bereits jetzt niemand mehr eingezogen. „Ich bin auch ein bisschen müde“, sagt Zickenrott. Nein, wirklich, er sei froh, sagt er. Warum auch nicht? Es war ein langsamer Tod, den die Wehrpflicht starb, so richtig mitbekommen hat ihn am Ende eigentlich keiner mehr. Warum sollte für einen Ausmusterungsberater anderes gelten?

Das neue Geschäft: Frührentner

Zum Antimilitaristen wurde Peter Zickenrott von seinem Vater erzogen, auch wenn der das so gar nicht wollte: Der Vater hatte in beiden Weltkriegen gekämpft, seine Erziehung bestand im Wesentlichen aus Spaziergängen, auf denen er dem Sohn den Unterschied zwischen Schwarzpulver und Amongelit erklärte, zwischen Dynamit und Nitroglycerin. „Einmal sagte mein Vater, man könne mit einem Karabinerschuss sieben Menschen töten, wenn man sie hintereinanderstellt. Sechs Leute durchschlägt die Kugel, der siebte wird noch getroffen.“

Und noch etwas sagte der Vater über den Krieg: Wer nicht will, wird erschossen.

Peter Zickenrott wollte nicht. Nicht in den Krieg und nicht erschossen werden. Dass zumindest eines von beidem sein unvermeidbares Schicksal sein würde, das wusste er mit dem Eintreffen des Musterungsbescheides. Auf dem Kreiswehrersatzamt schwitzte er Blut und Wasser, aber das schien niemanden zu interessieren. „Ich hatte den Eindruck, dass es denen nur auf das mechanische Funktionieren der Maschine Mensch ankommt“, ist einer der Sätze, in denen Peter Zickenrott redet. Im letzten Moment fiel ihm die Angst ein, die ihn sein Leben lang begleitet hatte – und die Tatsache, dass ihn niemand danach gefragt hatte. Also sagte er: „Ich habe oft Angstzustände“. Man schickte ihn zu einem Neurologen.

„Hallo Herr Zickenrott, ich habe gehört, Sie streben eine militärische Karriere an?“, waren die Worte, mit denen ihn der Arzt empfing. Peter Zickenrott verstand nicht. „Ich bin hier, weil ich Angst habe“, sagte er, doch das interessierte den Arzt offensichtlich nicht. „Wie geht es Ihrer Mutter?“, fragte der und gab damit das Thema der Unterhaltung vor. Minutenlang redeten sie über – nichts. Es war ein Austausch von Belanglosigkeiten. Zickenrott glaubte, der Arzt ließe ihn auflaufen, wolle ihm seine Angst nicht glauben. Bald schon würde er nun also im Krieg sterben müssen. Wieder zitterte er, wieder dieses Schwitzen.

Wenige Wochen darauf hatte Zickenrott den Bescheid im Briefkasten: Tauglichkeitsgrad 5, was seinerzeit „nicht verwendungsfähig“ bedeutete. Das Schreiben schloss: „Sie unterliegen nicht mehr der Wehrdienstüberwachung.“ Als er den Arzt später einmal auf die Untersuchung ansprach, sagte dieser, er habe ganz bewusst belanglose Fragen gestellt. „Ich wollte sehen, wie Sie reagieren. Als Sie mit der Zeit immer nervöser wurden, wusste ich: Die Bundeswehr ist nichts für Sie.“

Peter Zickenrott erzählte Freunden und Bekannten von seiner Ausmusterung: „Wenn ich das schaffe, dann könnt Ihr das auch“, sagte er. Und behielt recht: Niemand in seinem Bekanntenkreis musste zur Bundeswehr, sämtliche Freunde wurden ausgemustert. Alle krank. Psychisch krank.

Um ganz zu verstehen, warum es Zickenrott nicht bei den Tipps für die Freunde beließ, sondern warum er sich als Ausmusterungsberater selbstständig machte, muss man noch von der Sache mit dem Lachgas-Einspritzsystem wissen. In den USA sind Dragster mit solchen Anlagen unterwegs, Autos also, die nicht einmal Kurven fahren können und deren einziger Zweck es ist, in Rennen mittels Lachgas möglichst schnell zu beschleunigen. Peter Zickenrott wollte dieses System in Deutschland einführen, am liebsten im Straßenverkehr. Heute gibt es in Deutschland keine Autos mit Lachgas-Einspritzsystem, aber die Bank wollte 150.000 Mark zurück.

Also setzte Peter Zickenrott sich hin und verfasste den Anti-Wehrdienst-Report. Oft schrieb er bis in die Nacht, am nächsten Morgen um acht musste er wieder an seinem Arbeitsplatz, einer Fabrik, erscheinen. Der Report ist ein Buch, in dem die Namen von Krankheiten vorkommen wie „Pavor Nocturnus“, „Schenck-Syndrom“ oder „Dysmorphophobie“. Darüber hinaus finden sich im Anti-Wehrdienst-Report Fallstudien wie die von Dirk, der allen Mut zusammennimmt, auf dem Kreiswehrersatzamt von seinen Panikattacken erzählt und so vom Wehrdienst verschont bleibt – oder die von Ralf, einer „sehr labilen Person“, die zu viel Zeit auf Partys verbringt: „Vermutlich irreversible Depression aufgrund jahrelangen Ecstasymissbrauchs“, lautet sein Happy End.

Andere Kapitel tragen Überschriften wie „Der richtige Umgang mit den Schergen unserer Bürokratiediktatur“ oder: „Wie finde ich heraus, ob sich der Arzt, bei dem ich in Behandlung bin, für mein Vorhaben eignet?“

Die Geschäftsidee funktionierte, und zwar schnell: Anfangs inserierte Zickenrott sein Buch noch im lokalen Anzeigenblatt und schickte Menschen, die bereit waren, dafür 50 Mark zu zahlen, einen Stapel zusammenkopierter DIN-A4-Seiten zu. Es waren Dutzende, jeden Monat. Also erweiterte er sein Angebot. Er bot nun eine telefonische Beratung an, die ungefähr darin bestand, dass Menschen, die ein paar Symptome schilderten, eine Krankheit genannt bekamen, auf welche diese hindeuteten – sowie einen Weg, ihre Erkrankung schlüssig nachzuweisen. Es war wie bei einem Guru, nur umgekehrt: Während Kranke sich von einem Wunderheiler Gesundheit wünschen, fehlte Peter Zickenrotts Klientel einfach die richtige Krankheit. Insgesamt hätte sich die Auflage des Anti-Wehrdienst-Reports auf eine Zahl „im hohen fünfstelligen Bereich“ aufsummiert.

Echte Leiden, erfundene Preise

„Wehrpflichtentziehung durch Täuschung“ lautet der Paragraph im Strafgesetzbuch, dem Peter Zickenrott bereits eine Hausdurchsuchung zu verdanken hat und einen Prozess, den er letztinstanzlich gewann. Würde er sagen, er denke sich Krankheiten für Menschen aus, könnte es aber auch heute noch ganz schnell zu einer Neuauflage des Verfahrens kommen. Peter Zickenrott könnte sagen, er hilft Menschen beim Erkennen ihrer Krankheit. Aber er sagt viel mehr. „Wir sind eine kranke Gesellschaft, unsere Lebensumstände lassen gar nichts anderes mehr zu, als krank zu sein. Wir leben in einem System, das darauf basiert, den Menschen Angst zu machen.“ Und es ist die Bundeswehr, in der das alles kulminiert, da ist sich Peter Zickenrott sicher: Acht Leute kaserniert auf einer Stube, so viel Druck, alle brauchen ein Ventil: „Das Opfer wird dann der Schwächste sein, klar.“

Nach dem Termin in seiner neuen Wohnung fährt Peter Zickenrott zurück in sein altes Büro und bekommt dort erneut einen Anruf. Diesmal von einem Kunden. Er spricht in ein Headset, ganz wie in einem Call-Center ,und sagt Sätze wie „Die Hirnleistung muss bei einer Depression nicht zwingend herabgesetzt sein“ oder: „Denken Sie an Ihre Symptome; das ausgeprägte Morgentief.“ Ein anderer Satz lautet: „Wenn Ihr Bruder mit ähnlichen Symptomen belastet ist, deutet das auf ein vererbtes Leiden hin.“ Es ist nicht vorbei, Peter Zickenrott hat sein Geschäft nur verlagert: Heute berät er Menschen, die so krank sind, dass sie dringend eine Frühverrentung benötigen. „Grenzenlose Trauer“, murmelt er noch ins Telefon.

So ein Frührentenantrag ist ein ganz anderer Aufwand als eine Ausmusterung, jede Menge Versicherungsfragen sind zu klären, und die meisten seiner Kunden müssen eine aufwändige Reha durchlaufen. Vor allem aber steht vielen am Ende MMPI-2 bevor, das „Minnesota Multiphasic Personality Inventory-2“. Ein klinischer Persönlichkeitstest mit 567 Aufgaben, an dessen Ende eine Diagnose steht. Peter Zickenrott kennt den MMPI-2-Test genau, und er sorgt dafür, dass es seinen Klienten genauso geht: Statt einer Telefonberatung bekommen die Kandidaten für die Frührente oft anderthalb Jahre Begleitung. Peter Zickenrott bietet diese Dienstleistung für 8.000 Euro an. „Ich bin ein schlechter Betriebswirt. Ich kalkuliere nicht, sondern erfinde einfach einen Preis, den ich für angemessen halte“, sagt er. Einem Journalisten.

Es ist nicht so, dass Peter Zickenrott seine Ideale verraten hat. Er musste sie einfach nicht mehr durchsetzen, das hat die Politik für ihn gemacht. „Ich halte es durchaus für möglich, dass der Wehrdienst wieder zurückkommt, wenn die Politik merkt, dass sich nicht genügend Freiwillige finden. Dann bin ich wieder da“, sagt er. Überhaupt: Es sei immer noch das System, das krank mache, findet er, und er helfe den Leuten nun eben aus der Mühle des Berufslebens heraus.

Herr Zickenrott, Sie haben das 20 Jahre lang gemacht, haben sich die Leute, die Sie beraten, verändert? „Nein, die meisten empfanden es einfach als großen Nachteil, aus dem Beruf oder Studium herausgerissen zu werden, das war immer gleich.“ Allein der Zeitpunkt des Anrufs habe sich verlagert: „Früher kamen die Leute lange vor der Musterung, später erst, wenn sie schon einberufen waren und es nicht glauben konnten.“ Angst macht einem nur das, was man spürt.

Das gilt auch für Zickenrott selbst: „Ich will doch keine Strahlen in der Bude“, hatte er noch in der neuen Wohnung gesagt und dabei auf das Atomkraftwerk geschaut. Aber er meinte bloß seinen neuen Internetanschluss. Ein Kabel reiche ihm schon, bitte bloß kein WLAN.

Sebastian Stoll ist freier Journalist. Er wurde T7 gemustert, Zivildienst hat er trotzdem gemacht

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15:00 01.05.2011

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