Der Kreis der Schlechtigkeit

Kleine Korruptionen Nicht nur die Welt der Politik wird vom Geld regiert. Auch der Kulturbetrieb ist natürlich verführbar. Sieben Offenbarungseide. Teil 3: Der Filmemacher

Anfragen zu wie auch immer gearteter Korruption sind immer mit Vorsicht zu beantworten, gerade wenn es um entsprechende Umtriebe in der Kulturszene geht. Wer vom Gemauschele lebt und profitiert, den Odeur des „Geschmäckles“ einatmet, wird sicherlich nicht in die Hand, die ihn füttert, beißen, dafür ist ihm Brot mehr als nur gut genug. Und wem der Zugang zu den Fleischtöpfen verwehrt bleibt, der ist umso schneller und unbesehen bereit, das ganze Kulturgesoxe wegen organisierter Kriminalität mindestens ins Purgatorium zu schicken.

Wenn Akquise von Kundschaft, Geld- und Auftraggebern mit dem Spinnen von Netzwerken, dem Austausch oder Vorenthalten von Informationen, der Bildung von zugewandten Kreisen und der Abgrenzung gegenüber den Abgewandten zu tun hat (was zweifellos der Fall ist), dann wird Kulturarbeit selbstverständlich, und zwar in mindestens dem Masse wie in der Wirtschaft, auch mit unlauteren Mitteln betrieben.

Warum sollte es anders sein bei Unsereiner? Zu glauben, Künstler seien bessere Menschen, ist mehr als naiv. Ihr Schaffen und ihre Umtriebe richten einfach weniger Schaden an als in anderen Branchen. Wenn schlechte Bilder teuer verkauft werden können wegen Korruption, ist das höchstens für den Käufer ein Problem; wenn marode Öltanker über die Weltmeere tuckern und auseinander brechen, hat das ganz andere Folgen.

Til-Schweigerisierung der Förderung

Wenn der korrupte Reeder seinen illegal erwirtschafteten Profit dann wiederum in die schlechte Kunst des korrupten Künstlers investiert, schließt sich der Kreis des Schlechten nur vordergründig. Der Reeder hat zu verantworten, dass Tier- und Pflanzenwelt einer ganzen Region ausgestorben sind und hat als Strafe nur ein schlechtes Bild erhalten, was bei seinen Gästen in der Gästevilla im besten Fall Brechreiz auslöst. Nein, in der Kultur geht es nicht annähernd um so viel. Hier tummeln sich nur ein paar Selbstdarsteller und Individualismus-Fetischisten, die sich um die dünn gesäten Fördermöglichkeiten scharen und hoffen, ein Brosamen abzukriegen. Wobei gesagt werden muss, dass sich Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten punkto Kulturförderung in fast schon schlaraffischen Gefilden bewegt.

Natürlich nervt es mich ganz persönlich, wenn ich immer wieder feststellen muss, dass die Filmstiftung NRW Lars von Trier das Geld regelrecht hinter her trägt oder wenn halb Hollywood seine, nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien hergestellten Produkte, vom Medienboard Brandenburg bezuschussen lässt. Aber das ist etwa, wie wenn ich mich über den Satz, dass nichts erfolgreicher als der Erfolg ist, ärgern würde. Was wirklich und zurecht ärgert, ist die Attitüde von Leuten, wie Til Schweiger, die sich darüber beklagen, dass ihre Produkte von der Kritik und den Granden etwa einer Filmakademie nicht entsprechend gewürdigt würden. Mc Donalds beschwert sich schließlich auch nicht darüber, noch keinen Gault Millau Stern erhalten zu haben.
Und dann klingelt das Telefon und mir wird mitgeteilt, dass ich Drehbuchförderung vom Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) erhalten habe.

Wider jegliches Erwarten ist eine von mir im Meer der Träume ausgesetzte Flaschenpost angekommen und sogar beantwortet worden. Jeglicher Ärger, über was auch immer, verfliegt im nu. Ich kann meine Stiefel schnüren und ein paar, möglichst elegante, Pirouetten auf dem dünnen Eis meines dank einer wohlwollenden Schneekönigin kurze Zeit gefrorenen Phantasie-Sees drehen. Und ich habe ihr dafür keine Scheine zustecken müssen.

Marc Ottiker hat u.a die Filme 1/2 miete und Nah am Wasser gedreht. Derzeit arbeitet er mit BKM-Geldern an einem neuen Drehbuch

Er ist einer von sieben Kulturschaffenden, die sagen: Wir gestehen: Schuldig! Weitere Offenbarungseide:

Der Journalist: Michael Angele über die Verdrehte Welt

Der Dramaturg: Björn Bicker gesteht Ich hänge am Tropf!

Die Kulturministerin: Jana Hensel sorgt sich um ihre Üble Vergangenheit

Der Wissenschaftler: Ralf Klausnitzer fragt Apple für alle?

Der Künstler: Kito Nedo beklagt Amigo-Allianzen

Der Schriftsteller: Clemens Meyer bekennt: Ich war gegen Gauck!

15:30 02.02.2012

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