Der Krieg im Fernsehen

Debatte Im "neuen, asymmetrischen Krieg" wird um Begriffe und Bilder gekämpft, schrieb der Politikwissenschaftler Herfried Münkler im Freitag. Eine Entgegnung auf seine Thesen

Der Gebrauch der Wörter „asymmetrischer Krieg“ in den Medien ergibt kein klares Bild. Für die einen sind Luft- und Panzerangriffe – zum Beispiel gegen die Terroristen von der Hizbollah – Zeichen „asymmetrischer Härte“ in der Kriegführung. Für andere besteht die Asymmetrie darin, dass Armeen überhaupt gegen Terroristen und Zivilisten kämpfen, oder darin, dass auf der einen Seite wenige Soldaten, auf der anderen Seite viele Zivilisten getötet werden. Alles grau, alles – irgendwie – asymmetrisch?

„Der Krieg ist das Gebiet des Zufalls“, wusste der Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz (1780-1831). Jede Kriegsstrategie und -taktik zielt darauf, nach Kräften Asymmetrien auszunutzen, das heißt Schwächen des Gegners mit eigenen Stärken zu begegnen. Insofern gehört die Asymmetrie zum Krieg wie die List, die Überraschung und der Hinterhalt. Dennoch gibt es Unterschiede zwischen Kriegen, die Armeen gegeneinander führen, Operationen von Terroristen gegen reguläre Armeen und Operationen regulärer Armeen gegen Terroristen. Asymmetrien spielen in allen drei Kampfformen eine Rolle, aber eine grundsätzliche Differenz zwischen „Kriegen“ und „neuen“ oder „asymmetrischen Kriegen“ gibt es nicht. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler verkündete sein geschichtsphilosophisches Gesetz vom Ende der Staatenkriege, wie sie seit 1648 völkerrechtlich normiert wurden. Wir leben nun – so Münkler – in der Epoche „asymmetrischer Kriege“. Jetzt könne von einer Handvoll Terroristen einer Weltmacht mit „Teppichmessern“ der Krieg erklärt werden. Krieg mit Teppichmessern? Das ist eine Feuilleton-Fiktion. Münklers Buch Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie erschien 2006. Im Freitag vom 6. Mai rückte Münkler nun von dieser sachlich und historisch unhaltbaren Konstruktion ein Stück weit ab. Demnach hat es asymmetrischen Kriegen zugerechnete Charakteristika, „im Einzelnen betrachtet, immer schon gegeben, aber in dieser Intensität und Kohärenz“ waren sie „für europäische Streitkräfte neu.“ Ein fälliger Teilrückzieher.

Von zwei falschen Voraussetzungen seines Konstrukts distanziert sich der Autor jedoch nicht. Erstens unterscheidet Münkler nicht scharf genug zwischen „Krieg“ und „Terror“. Der Trugschluss daraus bildet die zweite falsche Voraussetzung: Die Illusion nämlich, Militär könne mit Aussicht auf Erfolg einen Krieg gegen Terroristen führen. Daran scheiterten schon Napoleons Armeen im Kampf gegen die spanische Guerilla (1808-1814). Dem Terror ist am besten mit polizeilichen Mitteln beizukommen. Wer militärisch vorgeht, stärkt in der Regel nur die Position der Terroristen, weil diese jeden toten Zivilisten als „Erfolg“ verbuchen können. Der moralisierende Vorwurf des Verteidigungsministers Guttenberg, die getöteten deutschen Soldaten seien „Opfer hinterhältiger, feiger Anschläge“, ist ein Selbstwiderspruch: wenn es ein Krieg ist, den die Bundeswehr in Afghanistan führt, wie Guttenberg selbst einräumt, gehören Hinterhalt und List dazu; wenn es sich um Terroranschläge und nicht um Krieg handelt, hat die Bundeswehr dort nichts zu suchen.

Das Werk der Zeitungen

Das immerhin wäre eine Lehre aus „Kundus“ und jedem „Krieg“ gegen „Terroristen“ – und Zivilisten. Insbesondere im Luftkrieg geht es nach seinem ersten Theoretiker Giulio Douhet (1869-1930) nicht um die Vernichtung der gegnerischen Armee, getroffen werden sollten alle „Lebenszentren“, wobei Douhet „jede Unterscheidung zwischen Kriegführenden und Nichtkriegführenden“ ablehnte. Selbst wenn man diese Unterscheidung heute im Prinzip berücksichtigt, gehören „Kollateralschäden“ zum militärischen Alltag und bilden die „Kollateralgewinne“ für Terroristen. Die jüngste, keineswegs neue Pirouette der Beschwörung „asymmetrischer Kriege“ beruht auf der These, im Medienzeitalter verlagere sich der Krieg vom Gelände zu einem Kampf um Bilder und Begriffe in den Medien. Dieser These zufolge läuft „die Bebilderung des Konflikts auf die Gegenüberstellung martialischer Soldaten und ,unschuldiger Zivilisten‘ hinaus“ (Münkler). Nun ja. Vor über 300 Jahren meinte der französische Philosoph Pierre Bayle (1647-1706), früher habe man nach Kriegen noch Sieger und Besiegte gekannt und fuhr dann fort: „Aber diese alten Lehren sind nicht mehr im Schwange, unser Jahrhundert verhält sich ganz anders. Auf Kosten des gesunden Menschenverstandes sieht man nur noch Siege und Sieger, ohne dass es Besiegte gäbe.“ Bayle kannte auch den Schuldigen: „Das Ganze ist das Werk der Zeitungen.“ Das war schon damals weniger als eine Halbwahrheit. Die Parole vom „Bilderkrieg“ (Gerhard Paul) führt in die Irre. Natürlich ist jeder Krieg immer auch eine Propaganda-Schlacht um Bilder und Begriffe. Aber den realen Krieg verliert aus dem Blick, wer die Medien für „die“ Realität hält. Die Behauptung, der asymmetrische oder postmoderne Krieg sei im Unterschied zum herkömmlichen „vor allem ein Anschlag auf die Wahrnehmung“ (Gerhard Paul) oder ein „Krieg der Begriffe“, wie Münkler meint, entspringt der eingetrübten Perspektive von Fernsehkonsumenten. Der Unterschied zwischen dem, was Bilder und was Waffen bewirken, ist kategorisch – einer zwischen Leben und Sterben. Man darf an Max Horkheimer erinnern: „Die Erschlagenen sind wirklich erschlagen.“

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16:00 21.05.2010

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sachichma | Community