Der Krieg war woanders

Die Stadt interessanter als das Festival Eindrücke aus dem kroatischen Split, dessen UNESCO-Kulturerbe aus einer Zeit der historischen Blockbildung stammt, die bis heute fortwirkt

Das Thema schneiden nur durchreisende Ignoranten an: Wurde Split im serbo-kroatischen Krieg der neunziger Jahre beschossen? Jedenfalls behauptet der aktuelle Brockhaus, die zweitgrößte Stadt Kroatiens sei stark zerstört worden. Nein, antworten die Mädchen aus dem Team des Festivaldirektors, der Krieg war woanders.

Split inszeniert die alte Geschichte der Region in zahlreichen Museen, die Stadt selbst ist eine Attraktion, die Disneyisierung ihres Herzstücks ein Faktor des herbeigewünschten Aufschwungs. Da passen Fragen nach der jüngsten Geschichte schlecht. Wir, FilmemacherInnen und Jurymitglieder des Internationalen Filmfestivals, holen unser Fernsehwissen von vor zehn Jahren hervor, blitzen aber am routinierten Gleichmut des Veranstalters und seiner Truppe junger Helferinnen ab.

Der Fahrer, der uns an der blauen, wunderbar warmen Adriaküste unter üppigen Oleanderbüschen entlang in die Stadt fährt, - offensichtlich ein einstiger Funktionär - murmelt seinen Frust vor sich hin und gibt Gas. Früher habe Jugoslawien die Lücke zwischen den politischen Blöcken genutzt und nach Afrika und Asien exportiert. Jetzt sei alles Richtung Europa orientiert, - unwahrscheinlich, dass sich die traditionelle Leder- und Chemieindustrie der 200.000 Bewohner starken Region erholen wird.

Eine Woche "Splitski Filmski Festival" entpuppt sich als ungewöhnlich langer Aufenthalt in einer Stadt, die als Zwischenstopp berühmt ist. Täglich spucken die riesigen Fähren aus Ancona und Venedig Passagiere aus, die auf die Ferieninseln Brac, Hvar und Korcula oder nach Dubrovnik weiterreisen. Kroatien hat 1.800 km Küste in Istrien und Dalmatien und über 700 Inseln. In Split legt man einen Bummeltag in der Altstadt ein, wo man die Einheimischen trifft, die dasselbe tun und Sommerlaune verbreiten.

Da wird jedes Festival zum Wohlfühlereignis. Palmen beschatten die Promenade am Fischerhafen. Abends spaziert ganz Split dort, isst Eis und zeigt sich. Auf dem Volksplatz, einer Art Markusplatz mit der offenen Seite zum Meer, könnte man Filme vorführen. Auf den großen Plätzen der Stadt gibt´s statt dessen bunte Abende, auf den kleinen TV-Schirme. Wer weiß eigentlich, dass auch ein Filmfestival läuft?

Pula, Zagreb und Dubrovnik sind rivalisierende Filmfeste, und das in einem Land, in dem pro Jahr ein Spielfilm produziert wird. Split trumpft mit Kurzfilmen und New Media Projekten auf, vergibt als Hauptpreis eine Wal-Schwanzflosse und zeigt auf dem Plakat einen Regiestuhl, der in Flammen aufgeht. Viel Post-Pulp-Fiction aus Südamerika ist zu sehen. Unsere Jury soll ihren Preis in einer Sektion vergeben, die schöne kleine Filme aus dem Iran, Armenien und Italien mit TV-Dokumentationen zu den großen Traumata der Gegenwart kreuzt. Politisches will man zeigen, nicht nur Experimentelles, erklärt die Leitung. Wir sehen die Programme quasi auf Sichtungskopien, DVD oder VHS, und meist unter uns. Voll ist es in Scorseses und Wenders´ Bluesfilmen, bei digitalen Perfomances - und draußen.

Manchmal macht uns das nichts aus. Über einen Film aus Ruanda, in dem Überlebende des Genozids von 1994 berichten, sagt meine kroatische Jurykollegin Diana Nenadic, wie sehr sie die Trauer beeindruckt, die ohne Hass ist. In Kroatien, sagt sie, gibt es viel Hass. Von ihren Freunden, die Soldaten waren, begingen viele Selbstmord oder haben Trauma-Symptome. Einen kroatischen Film darüber hält sie zur Zeit für undenkbar.

Nach Dubrovnik sollten wir fahren, rät uns die Jurykollegin Cathérine David, dort wüsste man, was man dem Ruf eines alten Seebads schuldig sei. In Split muss man sich ans miserable Hotelfrühstück, den patzig-autoritären Ton an der Rezeption und im Touristenbüro gewöhnen. Abfertigung bei extrem hohen Hotelpreisen. Während man überall günstig essen kann, frische Zutaten bekommt und zupackend bedient wird, macht sich in den privat geführten Hotels mafiöse Arroganz breit.

Apropos Dubrovnik: die fünf Stunden entfernte Traumstadt Süddalmatiens ist im Krieg von den nahen Bergen aus beschossen worden. Brockhaus warf durcheinander, dass beide historischen Stadtzentren zum UNESCO-Welterbe gehören. In Split kam es nicht zu Kampfhandlungen, weil die Küste von Mitteldalmatien weiter von dem karstigen Bergzug entfernt liegt, über den die Grenze zwischen den früheren Teilstaaten des alten Jugoslawien verläuft. Serben und Bosnier, die in Split gewohnt haben, sind übrigens weggezogen, erklärt man in einem Unterton, der das Thema beenden will.

Vor dem Festival bleibt ein ganzer Tag, die Stadt zu erkunden. Die hypnotische Wirkung des steinernen Labyrinths, dessen fremde Zeitlichkeit man live und sommerwarm erlebt, öffnet die Sinne fürs Suggestive.

Gleich ob man per Schiff ankommt oder über den Hügelrücken der Marjan-Halbinsel und deren sozialistische Wohnblocks, man stößt an eine gerade hohe Mauer aus mächtigen grauen Quadern. Split hat den Sommerpalast des Kaisers Diokletian vom Ende des dritten Jahrhunderts n.C., steht in jedem Reisebuch. Begibt man sich durch einen der schmalen Durchlässe hinter die Mauer, wird sofort klar, dass Split dieser einstige Palast ist.

Man läuft über weiße, von Sohlen, Salz, Wind und nächtlichen Putzaktionen glänzend polierte Steinplatten. Kein Auto hat Platz in dem Gassengewirr. Hohe weißgraue Steinhäuser unter roten Dächern, verwinkelte Plätze, Treppenzugänge zu Häusern, die an die römischen Stadtmauern angebaut wurden, steinerne Bögen über den Gassen, Trinkbrunnen mit kühlem Bergwasser. Der Klang von Tausenden Fußgängern und viel Popmusik in der Luft.

Diokletian ging als Christenfolterer in die Geschichte ein, auch als Niedergangsregent, der die Trennung des römischen Reiches in ein Ost- und Westreich einleitete, - historische Blockbildungen, deren ideologische Gärstoffe auch den letzten Spaltungskrieg noch anheizten. Spalatum/Split war die späte Residenz, ein mächtiges Geviert, in dessen Innerem die südliche Geländehälfte zum Meer hin den Häusern, Gärten und Tempeln des Kaisers vorbehalten waren, die nördlichen für die Bewirtschaftung und das Militär genutzt wurden.

Splits Urzelle, nicht größer als ein Fußballplatz, wurde erweitert, indem man eine Seite der römischen Mauern schleifte und eine weniger gradlinige zweite Stadthälfte im venezianischen Stilgemisch anbaute. Ein in fünf Minuten zu durchquerender Ort ist dieses UNESCO-Kulturerbe, - heute voller Schuh- und Kleiderboutiquen, Sonnenbrillen- und Handyshops, Eisläden, Grillrestaurants und Cafés in den historischen Gewölben. Nur wenn man an den Fassaden hochschaut, wird klar, wie wenig Menschen hier tatsächlich leben. Die Kommunisten haben nichts für den Erhalt ausgegeben, schimpft eine Rückkehrerfamilie und baut ihr geräumiges Erbstück in aller Eile zu einem teuren Privat-YMCA aus.

Blätterteig und Brot gibt´s in der Pekaria, frische Fische im täglich geöffneten Fischmarkt, Obst, Gemüse, Käse, Nüsse, Kräuter, Öle, Blumen, Fleisch, Klamotten und Krempel jeder Art auf dem Markt an der Stadtmauer, - nach einer egalitären Ordnung stellt die Privatwirtschaft die gleichen Waren immer noch beieinander auf.

Split ist die Gegend, in der der Kaffee immer mit Wasser kommt. Und wie überall in ex-jugoslawischen Feriengebieten ist die Kalksteinküste in Stadtnähe mit Plattenwegen, umlaufenden Bänken und Betonmolen zu einem volkstümlichen Spaziergangsareal planiert. Heute könnte das niemand mehr bezahlen; auch die spätsozialistischen Hotelanlagen liegen brach. Nach einer Woche hat Split es geschafft: die Stadt ist interessanter als das Festival, obwohl bei beiden noch viel passieren müsste.


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00:00 13.08.2004

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